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Sudan: „Die Menschen sind stolz Christen zu sein“

von Oliver Maksan

Der Sudan ist die Brücke zwischen Afrikas islamischem Norden und seinem schwarzen Süden – Eine Delegation von KIRCHE IN NOT hat das Land kürzlich besucht. Allein 2016 hat KIRCHE IN NOT die Kirche dort mit fast einer halben Million Euro unterstützt. Schwere Schläge zerreißen die abendliche Stille. Die Comboni-Patres unterbrechen ihr Abendessen und horchen auf. Erst als klar wird, dass es Donnerschläge und keine Fliegerbomben sind, setzen sie die Mahlzeit fort. „Dieses Land hat so viele Kriege und Militärcoups erlebt, dass man nie genau weiß, was los ist“, meint ein betagter Pater, der bereits seit den fünfziger Jahren in Khartum lebt. Damals, meint er, war Sudans am Zusammenfluss von weißem und blauem Nil gelegene Hauptstadt noch ein Nest am Rande der Sahara. Eingeschössige Lehmziegelhäuser prägten das Bild und machten die Stadt dem Boden gleichförmig, auf dem sie stand. Einzige architektonische Ausnahmen bildeten aus der anglo-ägyptischen Kolonialzeit übriggebliebene Verwaltungsgebäude und ein paar Kirchen. Diese endete 1956 mit der staatlichen Unabhängigkeit. Seither hat sich das Land ganz im Stil vieler postkolonialer Länder entwickelt, extreme soziale Ungleichheit und Stadt-Land-Gefälle inbegriffen. Mit den glitzernden Hochhäusern aus Glas kontrastiert das Elend weiter Teile der Bevölkerung fast noch krasser. Beim Anflug auf den inmitten der Stadt gelegenen Flughafen schimmern die Blechdächer der Shanty Towns in der unbarmherzigen Sommersonne gleißend.

Hunderttausende haben sich auf der Suche nach einem besseren Leben vom Land in die Hauptstadt aufgemacht und fristen nun ihr Dasein an ihren Rändern.

Herr dieses Landes ist seit 1989 Staatspräsident Omar Hassan Al Baschir. Allein das ein Kunststück. Die Zeit, als regelmäßig rivalisierende Fraktionen der Armee gegeneinander putschten – das Trauma der zum Abendbrot versammelten Patres – , ist seit diesem letzten Coup vorbei. In Khartum wenigstens. Denn Frieden kennt das Land auch nach fast dreißig Jahren Herrschaft Al Baschirs nicht. An allen Ecken und Enden brennt es in dem Vielvölkerstaat. Ethnische Konflikte, Verteilungskämpfe um Öl, Weidegründe und andere Ressourcen sowie religiöse Spannungen sind die Ursache. Im Osten gab es bis vor einigen Jahren Auseinandersetzungen, die mit einer Übereinkunft zwischen Khartum und der „Eastern Front“ endeten. Im Süden bombardiert die Regierung regelmäßig in der Region Südkordofan Oppositionsgruppen. Und im Westen, in Darfur, hat ein Konflikt über die Jahre hunderttausende Tote gefordert. Wegen der von der Regierung dort begangenen Verbrechen wird Al Baschir heute per internationalem Haftbefehl als Verbrecher im Krieg und wider die Menschlichkeit gesucht. „Amnesty International“ will Beweise haben, dass die Regierungsarme noch im letzten Jahr Chemiewaffen gegen die Bevölkerung eingesetzt hat.

Der blutigste Konflikt findet derzeit aber dort statt, wo einst Sudans schwarzhäutiger Süden lag. Nach der Unabhängigkeit des Südsudan 2011 versank der jüngste Staat der Welt in einem blutigen Bürgerkrieg. Verfeindete ethnische Gruppen – Nuer und Dinka – begannen einander mit teilweise unmenschlicher Brutalität zu bekriegen. Das Land stand bis vor kurzem am Rand einer Hungerkatastrophe. Hunderttausende drängten als Flüchtlinge zurück in den Norden, von dem sie sich wegen Hautfarbe und Religion diskriminiert gefühlt hatten. Viele arabische Nordsudanesen nennen die Schwarzen des Südens, seien es Christen oder Anhänger afrikanischer Religionen, immer noch „abd“, Sklave. Viele wurden auch regelrecht in den Norden versklavt. Christliche Menschenrechtsgruppen bedrängten die US-Regierung, sich für die Unabhängigkeit des Südens stark zu machen. So geschah es denn auch.

Sudan, einst Afrikas größter Flächenstaat, ist heute deshalb nunmehr ein Torso. Mit der Unabhängigkeit des Südens ist der Norden noch arabischer, noch muslimischer geworden. Einheimische Christen gibt es im zu über neunzig Prozent sunnitischen Norden nur wenige. Sie stammen aus den schwarzafrikanischen Nuba-Bergen im Süden des heutigen Nordsudan oder aus dem Bundesstaat Blauer Nil. Der Rest sind Nachfahren ägyptischer oder levantinischer Einwanderer aus den Zeiten, als die arabische Welt keine nationalen Grenzen kannte. Überwiegend stammen die Christen im Norden aus dem Süden. Weil sie mit der Sezession des Südens ihre Staatsbürgerschaft verloren, ist ihre Lage im Norden sehr prekär.

Die größte Kirche ist dabei die römisch-katholische. Sie fasste im 19. Jahrhundert Fuß und streute den Samen des Wortes in ein unbestelltes Feld. Denn von den christlichen Königreichen, die jahrhundertelang seit der Antike auf sudanesischem Boden bestanden, war nach Jahrhunderten islamischer Vorherrschaft außer Ruinen nichts mehr geblieben. Die britischen Kolonialherren suchten indes religiöse Spannungen zwischen Muslimen und christlichen Missionaren zu vermeiden und lenkten christliche Missionsbemühungen in den Süden um. Sie sollen sogar die Zerstörung des Grabes Daniel Combonis angeordnet haben, um eine Wallfahrt zu unterbinden.

Traditionell gilt der Islam des Nordens nicht als radikal. „Meine Tante ist Muslima. Zu Weihnachten schlachtete sie aber immer ein Schwein für mich“, meint ein katholischer Geistlicher aus den Nuba-Bergen und beschreibt damit die gelebte interreligiöse Alltagstoleranz. Überhaupt gewinnt man im Sudan nicht den Eindruck einer fanatischen islamischen Bevölkerung. Die Schleier der Frauen sitzen oft nachlässig. Die Menschen, so scheint es, haben genug mit der Organisation des Alltags und dem Überleben zu tun als sich um die Durchdringung des Alltags mit der Scharia zu kümmern. Eine schwere Wirtschaftskrise schüttelt das Land, an der nicht zuletzt die Sezession des Südens schuld ist. Mit ihr verlor Khartum 75 Prozent der Öleinnahmen, etwa 30 Prozent des staatlichen Haushalts überhaupt. Die Subventionen für Energie und Lebensmittel mussten deshalb gekürzt werden. Potenzial für Unruhen das. Der allgegenwärtige Polizeistaat hält die Augen deshalb besonders offen.

Die Scharia ist indes bestimmend bis ins Strafrecht hinein, Auspeitschungen und andere Körperstrafen inklusive. Abfall vom Islam ist ein todeswürdiges Verbrechen. Blasphemie oder Beleidigungen des Propheten und seiner Gefährten ebenso. Mag die Außenpolitik des Sudan zuletzt weniger islamistisch offensiv geworden sein – in den Neunzigern weilte Terrorfürst Bin Laden zeitweise im Land –, nach innen hat sich wenig geändert. Nicht-Muslime können als Angehörige registrierter Gemeinschaften in der Regel aber einigermaßen unbehelligt ihren Glauben praktizieren. Den Vertretern nicht-registrierter Gemeinschaften, evangelikaler Freikirchen etwa, kann es da schon schlechter ergehen. Erst kürzlich wurde der tschechischer Prediger Petr Jasek vom Staatspräsidenten begnadigt, nach dem er vorher zu 23 Jahren Haft verurteilt worden war. Der Mann soll spioniert haben. Tatsächlich ging es darum, dass er wohl offensiv unter Muslimen missioniert hat – eine rote Linie. Doch auch registrierte Kirchen sind zahlreichen Diskriminierungen ausgesetzt. Von der in der Verfassung garantierten Religionsfreiheit ist das Land weit entfernt. „Dass Kirchen abgerissen werden kommt jeden Monat vor“, meint ein Geistlicher. „Von Moscheen hat man das nie gehört. Und wenn, dann weil sie einer Straße weichen mussten und an anderer Stelle wiederaufgebaut wurden.“ Genehmigungen für Kirchenneubauten werden praktisch nicht erteilt. Die Kirche behilft sich, indem sie Mehrzweck-Gebäude auch für Gottesdienste nutzt. Gerade die katholische Kirche hat trotz massiver Diskriminierungen mit dem Staat ein gewisses Auskommen wegen ihres caritativen Engagements gefunden. Kliniken und vor allem Schulen entlasten den Staat und machen ihn den Anliegen der Kirche zugänglicher. In besonders renommierten Schulen wird sogar der Nachwuchs von Ministerialbeamten ausgebildet. Kein Nachteil das in einem Land, wo die Dinge auf der Basis von „Freundschaft“ funktionieren. Vielleicht toleriert der Staat deswegen die zahlreichen Geistlichen aus dem Süden, die mit der Unabhängigkeit ihre sudanesische Staatsbürgerschaft verloren haben und zu Fremden im Norden geworden waren. Visa-Schwierigkeiten für ausländische Geistliche und Ordensleute bleiben aber ein großes Problem.

Trotz vieler staatlicher Beschränkungen steht sich die Kirche aber auch selbst im Weg. Finanziell ist die Kirche ganz auf die Unterstützung aus der Weltkirche angewiesen, der Klerus ist geistlich ausgebrannt, Stammesrivalitäten sind oft wichtiger als die Gemeinschaft im Leibe Christi. „Wir stehen hier erst am Beginn der Evangelisierung“, meint denn auch Erzbischof Michael Didi von Khartum gegenüber KIRCHE IN NOT. Er steht der Kirche des Landes seit November 2016 vor. „Bislang haben wir vor allem auf die Zahlen geblickt. Als Erfolg galt es, wenn sich sehr viele Menschen taufen ließen. Wir haben aber so viele Heiden getauft, ohne dass es eine Bekehrung gab“, meint der Oberhirte aus den Nuba-Bergen, damit einer der wenigen gebürtigen christlichen Nordsudanesen. „Viele Menschen missverstehen auch die heilige Taufe. Sie bringen ihre Kinder zur Taufe, weil sie krank sind und sie sich von der Taufe Heilung versprechen. Das ist aber nicht die Haltung, auf die es ankommt. Der Glaube ist also nicht wirklich tief verwurzelt. Außerdem sind unsere lokalen Traditionen sehr stark.“ Konkret heißt das: Messbesuch und Besuch bei einer Hexe schließen sich nicht aus.

Besonders schwer hat es die kirchliche Ehelehre. Der Erzbischof: „Die Leute wollen um jeden Preis Nachkommen und Erben. Sie haben deshalb oft mehrere Frauen. Und wenn sie nur eine Frau haben, die kirchlich geschlossene Ehe aber kinderlos bleibt, nehmen sie sich eine neue. Das ist natürlich nicht vereinbar mit dem christlichen Eheverständnis.“ Erzbischof Didi will darauf mit einer katechetischen Offensive reagieren. „Hier müssen wir wirklich tief ansetzen und die Kultur evangelisieren. Es ist ja auch nicht so, dass es überhaupt kein Verständnis für die Ehelehre der Kirche gibt, wenn man sie den Menschen nahezubringen sucht.“ Verzagt ist der Erzbischof trotz vieler Schwierigkeiten dabei nicht. „Mich beglückt, dass die Menschen sich daran freuen und stolz sind, Christen zu sein. Sie tragen auch christliche Symbole mit Stolz und Überzeugung. Und außerdem nehmen die Menschen stark am kirchlichen Leben teil. Wie gesagt, es fehlt uns an Tiefe. Aber die Menschen sind guten Willens und haben ein offenes Herz für das Christentum.“

Sudan: Chance auf ein besseres Leben

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