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Berichte/Presse
Hilfe für Notleidende – bis in die letzten Winkel der Erde
Datum: 02.02.2010
Katastrophen sind vielen Menschen nur aus dem Fernsehen vertraut – vor allem im Westen Europas, wo seit Jahrzehnten gute Lebensbedingungen herrschen. Das war jedoch nicht immer so. Manche TV-Bilder von den Brennpunkten der Erde lassen erahnen, was Werenfried van Straaten, Gründer des internationalen katholischen Hilfswerks KIRCHE IN NOT, in der unmittelbaren Nachkriegszeit in Deutschland gesehen hat: menschliches Leid unvorstellbaren Ausmaßes.
Damals war eine Krieg führende, dann geschlagene Nation schwer gezeichnet: Millionen waren aus ihrer Heimat vertrieben worden, viele Städte lagen in Schutt und Asche, der Staat hatte bedingungslos kapituliert, die Wirtschaft lag am Boden, das gesellschaftliche Leben erstarb. Die Deutschen zahlten für brutales Unrecht, das sie, ideologisch verblendet nicht nur den europäischen Juden angetan hatten. Die Menschen begegneten ihnen fast überall mit Hass und Verachtung.
Nicht jedoch Pater Werenfried, ein junger niederländischer katholischer Priester vom Orden der Prämonstratenser. Er predigte Versöhnung mit dem besiegten Feind, beließ es aber nicht bei Appellen und schönen Worten. Er warb um Hilfe für die, die Not litten. Er organisierte die Verteilung von Kleidung und Nahrungsmitteln, die ihm bald tonnenweise geschenkt wurden. Er ließ Kapellen bauen und unterstützte Tausende von Seelsorgern, weil ihn das spirituelle Leid noch mehr bewegte als das materielle. Und er stellte denjenigen Transportmittel zur Verfügung, die sich um Ausgebombte und Heimatlose kümmerten.
2010 jährt sich zum 60. Mal die „Aussendung“ der ersten „Fahrzeuge für Gott“ wie es damals hieß. Los ging es stets in Königstein im Taunus, wo die Fahrzeuge auf dem heutigen Pater-Werenfried-Platz versammelt wurden: VW-Käfer, Motorräder sowie Lastwagen und Busse, die zu so genannten „Kapellenwagen“ umgebaut worden waren – mit Altären auf den Ladeflächen. Insgesamt 35 dieser Fahrzeuge, die die Namen von Engeln und Heiligen trugen, waren in der Seelsorge unter deutschen Flüchtlingen im Einsatz. Dort, wo Kirchen zerstört waren, wurden sie für Gottesdienste genutzt. Bereits ab 1949 waren rund 3000 „Rucksackpriester“ unterstützt worden, die im zerstörten Deutschland die Gläubigen regelmäßig aufsuchten. Die ersten erhielten Fahrräder. Später konnten den Seelsorgern sogar VW-Käfer oder Motorräder zur Verfügung gestellt, insgesamt immerhin einige hundert.
Der Einsatz van Straatens für die einstigen Kriegsgegner war keineswegs unumstritten. Ihm wurde unter anderem vorgeworfen, „Feinden zu helfen“ und politische Absichten zu haben. Er nutze das Elend der Vertriebenen nur, um im überwiegend protestantischen Norden Deutschlands katholische Mission zu betreiben. Pater Werenfried, der sich nicht beirren ließ, schreibt im Rückblick auf diese Jahre: „Bei dem furchtbaren Widerstand, den ich erlebt habe, war die verzeihende Liebe meiner Landsleute und die dankbare Liebe der heimatvertriebenen Deutschen für mich der klarste Beweis für Gottes Segen.“
Was der junge Niederländer unmittelbar nach dem Krieg in Deutschland begonnen hatte, galt bald auch anderen: Zunächst unterstützte er die verfolgte und unterdrückte katholische Kirche in den osteuropäischen Staaten, die der Diktatur unterworfen blieben, schließlich half er der notleidenden Kirche weltweit. Werenfried van Straaten rief unermüdlich zu Spenden auf und hielt den Zuhörern nicht selten seine Kopfbedeckung hin, den „Millionenhut“.
Dank der Großzügigkeit Hunderttausender konnten in fünf Jahrzehnten unter anderem Zigtausende Autos, Boote, Fahrräder, Lastwagen, Motorräder und sogar Maultiere und Pferde finanziert und verteilt werden. 1998 beteiligte sich KIRCHE IN NOT, das nach der politischen Wende in Osteuropa ab Mitte der 90er Jahre auch die orthodoxe Kirche Russlands unterstützte, am Bau eines ersten Kappelenschiffs auf der Wolga. Inzwischen sind es drei, die auf Wolga und Don verkehren; eins trägt den Namen „Werenfried“. Die genaue Zahl aller Transportmittel lässt sich nicht mehr ermitteln, doch allein zwischen 1994 und 2009 wurden für die Seelsorge weltweit 6.352 Autos, mehr als 1.000 Motorräder, 80 Motorboote und 6.650 Fahrräder angeschafft und verteilt.
Van Straatens Kraft und Initiative galt stets der „Kirche in Not“ – und zwar ganz pragmatisch, unmittelbar. Er wusste deshalb, dass es nicht reicht, Hilfsmittel für Bedürftige und die Seelsorge nur zu erbitten, sondern dass sie bei den Menschen auch ankommen müssen – und zwar überall auf der Welt, wo Millionen auf Hilfe und Zuspruch warten. Gerade deshalb stärkte er die Mobilität derjenigen, die den Glauben buchstäblich bis in die letzten Winkel trugen. Pater Werenfried schuf dadurch ein katholisches, weltweit tätiges Hilfswerk, das diese Anliegen auch nach seinem Tod im Januar 2003 fortführt.
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