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Jahresbericht - Lateinamerika
JAHRESBERICHT 2009 – LATEINAMERIKA I Xavier Legorreta A.
Das Jahr 2009 stand ganz im Zeichen des von Benedikt XVI. anlässlich des 150. Todestages des heiligen Pfarrers von Ars ausgerufen Priesterjahres. Dem Anliegen des Heiligen Vaters folgend, waren in der lateinamerikanischen Kirche viele Bestrebungen spürbar, die Rolle des Priesters zu stärken, der sein ganzes Leben dem pastoralen Dienst widmet und dabei so oft unverstanden bleibt. Unsere Abteilung war bemüht, im Rahmen der Unterstützung für die notleidende Kirche besonders diejenigen Projekte zu unterstützen, die unmittelbar das Priestertum betreffen. Aus Platzgründen können in diesem Bericht nur einige davon vorgestellt werden.
Ein Projekt, das deutlich das Interesse unseres Hilfswerks am Priesterjahr widerspiegelt, ist die Unterstützung der Kleruskongregation mit 107.000 EUR für die Erstellung einer Internetseite, die Priester mit Material für Priestertagungen, Exerzitien, Studien, Gebet u.a. – d.h. „Nahrung für den Geist“ – ausstatten soll. Darüber hinaus soll der Betrag dazu dienen, den ärmsten Priestern auf der ganzen Welt die Teilnahme an der feierlichen Klausur des Priesterjahres am 19. Juni 2010 in der Basilika des Vatikans zu ermöglichen. So soll ihnen die Gelegenheit gegeben werden, eng verbunden mit dem Heiligen Vater in einer ihnen gewidmeten Messfeier zu beten. Mit dieser Hilfe wollen wir die Gaben unserer Wohltäter auch in den Dienst derjenigen Priester stellen, die in den ärmsten und abgelegensten Gebieten mit ihrem Beispiel ein kraftvolles Zeugnis für das Evangelium ablegen.
Die Ausbildung der zukünftigen Priester gehörte schon immer zu den Prioritäten unseres Werkes. Da eine gute Saat entscheidend für eine gute Ernte ist, unterstützen wir bereits von Anfang an die Ausbildung der Priesteramtskandidaten. In Nicaragua haben wir dem Nationalen Vorseminar „San Pedro Apóstol“ 10.000 USD für die Ausbildung von 56 jungen Seminaristen aus dem ganzen Land zugesagt. Es handelt sich hierbei um eine kontinuierliche Unterstützung, denn bei einem Besuch in Nicaragua konnten wir feststellen, wie sehr dieses Seminar unserer Unterstützung bedarf. Im Jahrgang 2009 erhöhte sich die Zahl der Seminaristen um weitere acht Berufungen: „das beste Geschenk, dass der Herr unserer Kirche in Nicaragua angesichts des großen Priestermangels machen kann“, so der Rektor des Seminars, Pater Isidoro Sánchez. Auch die Kirche in Haiti, dem ärmsten Land der westlichen Hemisphäre, wurde im Jahr 2009 mit 57 neuen Priesterberufungen gesegnet, wie Pater Guy Boucicaut, Rektor des Priesterseminars in Port-au-Prince, berichtet, wo die Seminaristen aus allen zehn Diözesen des Landes ausgebildet werden. Ziel ist es, „dem angehenden Priester dazu zu verhelfen, die in Jesus erstrahlende menschliche Vollkommenheit in sich zu reflektieren.“ Msgr. Kébrau, der Vorsitzender der Bischofskonferenz in Haiti, bittet um Unterstützung: „Die Bischöfe unternehmen alles nur Mögliche, damit das Seminar gut funktioniert, aber die zur Verfügung stehenden Mittel sind ausgesprochen gering“. Im Namen aller Bischöfe Haitis dankt er dafür, „dass ‚Kirche in Not’ noch nie ein Hilfsgesuch zur Ausbildung angehender Priester abgelehnt hat“. Im Jahr 2009 haben wir mit 49.000 EUR die Ausbildung von 206 Seminaristen unterstützt.
Noch beim Schreiben dieses Jahresberichtes erreichte mich die Nachricht über das verheerende Erdbeben in Haiti, das Zehntausende von Todesopfer gefordert hat, unter ihnen der Erzbischof von Port-au-Prince, Msgr. Joseph Serge Miot. Unser Hilfswerk reagierte sofort mit einer ersten Soforthilfe von 70.000 USD und wenige Tage darauf mit einer zweiten von 100.000 USD. Beide Soforthilfen wurden dem Apostolischen Nuntius in Haiti, Msgr. Bernardito Auza, übermittelt, der an Ort und Stelle versucht, das Leiden seiner Herde zu lindern. Eine seiner Sorgen sind die jungen Seminaristen des Priesterseminars in Port-au-Prince, die wie eingangs aufgeführt von uns unterstützt werden und denen jetzt kein anderer Ausweg bleibt, als völlig hilflos in ihre Heimatdiözesen zurückzukehren. Es ist klar, dass unserer Hilfe sich vorerst auf die dringlichsten Nöte richten muss, aber schon jetzt müssen wir uns der Verantwortung bewusst sein, gemeinsam mit den Bischöfe zum Wiederaufbau der kirchlichen Strukturen beitragen zu müssen, damit die Kirche ihre Evangelisierungsarbeit erfüllen kann.
Eine weitere Priorität in unserer Projektarbeit bildet der Bau von Seminaren. In Peru haben wir den Bau des Priesterseminars „Casa de San José“ der Oblaten des hl. Josefs in Lima unterstützt. Wie der Rektor des Seminars, Pater Manuel Montes Llanos, berichtet, studieren im Orden etwa hundert Seminaristen pro Jahr, aber es fehlt ein angemessenes Theologat. Die Aufgabe, so schreibt er weiter, besteht darin, diesen jungen Männer eine solide Ausbildung zu vermitteln, damit sie den Herausforderungen unserer Zeit gerecht werden. Als Priester werden sie später dann an Orten tätig sein, wo große Armut herrscht, materiell wie auch spirituell, und wo großer Hunger nach Gott besteht. Wir haben das Vorhaben von Pater Manuel Montes daher mit 30.000 USD unterstützt. Bereits seit mehreren Jahren unterstützen wir darüber hinaus gezielt die Ausbildung der Seminaristen des Ordens. In Peru weist der Orden der Oblaten des hl. Josefs die höchste Anzahl von Seminaristen auf, die sich überdies durch eine sehr geringe Abbrecherquote auszeichnet. Bei den Bauprojekten dürfen wir auch nicht die Priester außeracht lassen, die ihr ganzes Leben in den Dienst des Herrn und der Gläubigen gestellt haben und die es verdienen, den letzten Lebensabschnitt in Würde zu verbringen. Aber leider verfügen die Ortskirchen oft nicht über die dafür notwendigen Mittel. In Sonsón-Rionegro, Kolumbien, haben wir 100.000 EUR für den Bau eines Altenheimes für Priester zugesagt. Msgr. Ricardo Tobón Restrepo dankte mit den Worten: „Ihnen gilt mein aufrichtiger Dank für diese Unterstützung, Zeichen der Großzügigkeit und Güte, die Ihr Hilfswerk uns hat zukommen lassen, damit die Priester, die ihr Leben für das Evangelium geopfert haben, über einen Ort des Gebets und des Friedens verfügen können.“
Den Richtlinien des Heiligen Vaters folgend, wollen wir „dazu beitragen [...], das Engagement einer inneren Erneuerung aller Priester für ein noch stärkeres und wirksameres Zeugnis für das Evangelium in der Welt von heute zu fördern.“ Und so haben wir in Guatemala mit 4.000 USD einen Fortbildung¬skurs für sechs Priester am ITEPAL, Kolumbien, finanziert. Für Msgr. Rodolfo Valenzuela ist „die Teilnahme der Priester an diesen kurzen Intensivkursen“ sehr wichtig, „denn da es noch unbesetzte Pfarreien gibt, können wir auf keinen einzelnen Priester für längere Zeit verzichten.“ Und er fügt hinzu: „Diese regelmäßige Fortbildung wird einen positiven Effekt auf die jeweiligen Gemeinden haben sowie auf das persönliche Leben und die Gemeinschaft mit den anderen Priestern und dem Bischof.“ Erwähnenswert ist in diesem Kontext auch die Unterstützung, die wir im Jahr 2009 für insgesamt zwanzig Priester aus Lateinamerika zur Teilnahme an den XVIII. Kurs für Ausbilder in Leggiuno, Italien geben konnten. Dieser Kurs, der jährlich stattfindet und an dem rund 100 Priester aus der ganzen Welt teilnehmen (30-35 Priester werden dabei von unserem Werk unterstützt), ist ausschließlich für Seminardozenten gedacht. Inhaltlich werden Probleme angesprochen, die spezifisch die Ausbildung der Priesterkandidaten betreffen, wie z. B. geistliche Leitung, psychologische Aspekte der Berufungsklärung, Ausdauer u.a. Jedes Jahr unterstützen wir nach Empfehlung der jeweiligen Ortsbischöfe neue Priester, denn diese haben festgestellt, dass solche Kurse außerordentlich viel zur Vorbereitung der Dozenten beitragen, indem sie diese auf die besonderen Herausforderungen in der Ausbildung der zukünftigen Priester vorbereiten.
In Lateinamerika ist die Zahl der Priester im Vergleich zu der Zahl der Gläubigen, die sie betreuen, sehr gering. Es ist daher notwendig, dass Mittel zur Verfügung stehen, um auch die abgelegensten Orte zu erreichen. In Lima, Peru, haben wir den „Missionaren der Versöhnung des Herrn der Wunder“ 5.000 USD für den Kauf eines Geländewagens bereitgestellt, damit sie ihre Gemeinden besuchen können, die teils mehr als 400 Kilometer zwischen der Küsten- und Gebirgsregion verstreut voneinander entfernt liegen. Ohne ein solches Fahrzeug wäre ihnen trotz ihres großen apostolischen Einsatzes kaum eine Missionarsarbeit in den abgelegenen Orten möglich. In Kuba finanzieren wir in nahezu allen Diözesen ausnahmsweise auch den Erwerb von Kraftstoff und Ersatzteilen für die diözesaneigenen Fahrzeuge. Da es sehr schwierig ist, von den Behörden eine Genehmigung zum Kauf eines neuen Fahrzeugs zu erhalten, sind Fahrzeugreparaturen von großer Bedeutung. Ohne die Hilfe durch unser Werk wäre die Kirche in Kuba praktisch „zum Stillstand“ gekommen und nicht in der Lage, die weit entfernt liegenden Außenstationen der Pfarreien pastoral zu versorgen. In Peru haben die Missionare der am Fluss Yavari gelegenen „Pfarrei des Herrn der Wunder“ uns um Hilfe für den Kauf eines Außenbordmotors gebeten. „In diesem Gebiet sind die pastoralen Herausforderungen zahlreich, weil die Gemeinden sehr weit zerstreut und nur auf dem Flussweg erreichbar sind, und zum anderen wegen des Mangels an pastoralen Mitarbeitern und der Armut, in der die Menschen leben“, schreibt uns der Apostolische Vikar von San José del Amazonas, Msgr. Alberto Campos. Darüber hinaus „haben die Einwohner dieses Gebietes keine kulturelle und religiöse Identität, weshalb sich dort auch viele Sekten ausgebreitet haben.“ Wir haben den Missionaren 3.000 USD zugesagt, damit sie die am Fluss Yavari gelegenen Gemeinden besuchen können, die sonst von der Frohen Botschaft nicht erreicht werden würden.
In seinem Schreiben zum Beginn des Priesterjahres vergisst der Heilige Vater nicht die menschlichste Facette des Priesters: „Folglich gehen die Gedanken zu den unzähligen Situationen des Leidens, in die viele Priester hineingezogen sind…“ Auch wir dürfen das nicht außeracht lassen. Unser Hilfswerk hat immer die Probleme der Priester im Auge behalten, die so oft um der Gläubigen willen ihre eigene Gesundheit vernachlässigen. So haben wir zum Beispiel in Mexiko, Kuba und Kolumbien die Arztkosten für Priester übernommen, deren Gesundheit unter der Einsamkeit und den großen Schwierigkeiten, die sie durchmachen, stark gelitten hat. Oft sind wir eine der wenigen Instanzen, an die sie sich hilfesuchend richten können. Wir dürfen sie nicht enttäuschen. Auch mit Messstipendien tragen wir in vielen Ländern dazu bei, schwer erkrankten Priestern ärztliche Behandlung zu ermöglichen, denn die Ortsbischöfe verfügen vielfach nicht über die dafür notwendigen finanziellen Mittel – das gilt ganz besonders im Falle von langen und kostspieligen Therapien. So tragen unsere Wohltäter mit ihrer Großzügigkeit dazu bei, Priester zu heilen, die sich wiederum um das Heil ihrer Seelen kümmern.
Kürzlich vertraute mir der Erzbischof von Mexiko-Stadt, Kardinal Norberto Rivera Carrera, in einem Gespräch an, dass eine der größten Herausforderungen in der lateinamerikanischen Kirche die Evangelisierung der Kultur sei. Es ist deutlich spürbar, wie der Einfluss der wirtschaftlich weiterentwickelten Länder traditionelle Werte wie Religion und Familie nach und nach schwächt. Infolge dieser dramatischen Entwicklung ist eine Zunahme von Scheidungen, Abtreibungen, Programmen zugunsten der Sterilisierung und Euthanasie sowie eine rückläufige Teilnahme der Gläubigen an Gottesdiensten und religiösen Veranstaltungen zu vermerken. Für das Jahr 2010 hat sich unsere Abteilung das Ziel gesetzt, insbesondere Evangelisierungsinitiativen und Programme zur Ausbildung von Laien, die die Basis der Kirche bilden, zu unterstützen. Ein weiterer Schwerpunkt wird die Fortbildung von Priestern sein, damit diese den Schwierigkeiten, mit denen sie tagtäglich in ihrer Pastoralarbeit konfrontiert werden, gewachsen sind. Darüber hinaus werden wir weiterhin Bibeln versenden, denn die Erfahrung zahlreicher Priester und Bischöfe beweist, dass dies das effizienteste Instrument für den Zusammenhalt von Gottes Volk ist.
Jahresbericht 2009 - Referat Lateinamerika II Bericht von Ulrich Kny
1. Glaubenskrise in Südamerika?
In früheren Jahresberichten bin ich immer wieder auf die großen sozialen und pastoralen Herausforderungen eingegangen, mit denen sich die Ortskirchen in Brasilien und im Cono Sur (Chile, Argentinien, Paraguay und Uruguay), aber auch in anderen Ländern Lateinamerikas nach wie vor konfrontiert sehen. Die“vielen Schattenseiten“ Lateinamerikas, zu denen z.B. auch die extremen sozialen Disparitäten und die dramatisch ansteigende Gewalt gehören, stehen auch nach Aussage des Zweiten Vizepräsidenten des Lateinamerikanischen Bischofsrates (CELAM), Mons. Andrés Stanovnik, der uns im März des vergangenen Jahres besuchte, in völligem Widerspruch zur Bezeichnung Lateinamerikas als „Katholischster Kontinent“(1) bzw. als „Kontinent der Hoffnung“. Leider ist nicht selten eine tiefe Spaltung zwischen Glaube und Alltagsleben zu beobachten.
Ausgerechnet 2009, also in dem Jahr, in dem die Bischöfe Brasiliens die „öffentliche Sicherheit“ zum Thema ihrer Fastenkampagne gemacht haben, um so zur Entstehung einer Kultur des Friedens beizutragen, wurden in diesem Land sechs Priester zu Mordopfern. Insgesamt war Lateinamerika der Kontinent mit den meisten Morden an pastoralen Mitarbeitern. Dem Nachrichtendienst Fides zufolge starben dort 18 Priester, zwei Seminaristen, eine Ordensschwester und zwei Laien eines gewaltsamen Todes.
Und ausgerechnet während dieser Fastenkampagne wurde die bei einem neunjährigen Missbrauchsopfer im nordostbrasilianischen Bundesstaat Pernambuco vorgenommene Abtreibung von Zwillingen von Medien und Politikern zur massiven Stimmungsmache gegen die Katholische Kirche ausgeschlachtet. Für die sogar internationale Empörung sorgten nicht etwa die Tatsachen, dass das Mädchen über drei Jahre hinweg von ihrem Stiefvater vergewaltigt worden war, dass die Eltern des Mädchens nur durch Manipulation zur Einwilligung in diese Abtreibung überredet wurden und dass das Mädchen auf Veranlassung der feministischen Gruppierung Curumins trotz der angeblichen Lebensgefahr überstürzt in eine andere Klinik gebracht wurde, um die Abtreibung durchzuführen, bevor die zuständige Mitarbeiterin des Jugendamtes eingreifen konnte. Vielmehr erhitzten sich die Gemüter fast ausschließlich am Erzbischof von Olinda und Recife, Dom José Cardoso Sobrinho, der die Verantwortlichen an die im Kanonischen Recht verankerte Exkommunikation latae sententiae erinnert hatte, die automatisch mit dem Vergehen eintritt.
Eine bereits einen Monat zuvor im argentinischen Santiago del Estero unter ähnlichen Rahmenbedingungen durchgeführte Abtreibung bei einem geistig behinderten Missbrauchsopfer wurde von der Abtreibungslobby als großer Etappensieg gefeiert. In diesem von politischen Krisen gebeutelten und von einem zunehmend kirchenfeindlichen Klima betroffenen Land werden – Schätzungen des Gesundheitsministeriums zufolge – ca. 40% aller noch nicht geborenen Kinder abgetrieben(2).
Uruguay hat im September als erstes Land Lateinamerikas ein Gesetz verabschiedet, das homosexuellen Paaren die Adoption ermöglicht. Gleichgeschlechtlich Partnerschaften wurden bereits 2007 legalisiert. Die Lage der Kirche in diesem schon seit 1917 offiziell laizistischen Land (nur 47,1% Katholiken) bezeichnete der Apostolische Nuntius Mons. Anselmo Pecorari während meiner Uruguayreise im Januar sogar als „schlimmer als in Afrika“. Er bestätigte, dass es sich um "die ärmste Ortskirche Lateinamerikas" handele. Der dort weit verbreitete Antiklerikalismus schlägt sich auch in einer tiefen Berufungskrise nieder. Am einzigen Priesterseminar des Landes studierten zu Jahresbeginn gerade einmal 34 Priesteramtskandidaten. Ich habe von mehreren Seminaristen gehört, deren Eltern die Türschlösser austauschten, nachdem ihre Söhne in das Priesterseminar eingetreten waren. Zahlreiche Kinder täuschen aus Angst vor ihren Eltern vor, sie würden mit Freunden ausgehen, wenn sie eigentlich den Katecheseunterricht besuchen wollen.
Der in jüngster Zeit beschleunigt fortschreitende Relativismus und Werteverfall in Lateinamerika geht mit einer Glaubenskrise einher, zu der mangelndes Glaubenswissen wesentlich beigetragen hat. Wie es die Päpstliche Kommission für Lateinamerika (CAL)(3) sehr zutreffend beschrieb, besteht deshalb die große Herausforderung des Lateinamerikanischen Subkontinentes darin, „die christlichen Werte, die die Wurzeln seiner Kultur und Traditionen bilden, zu retten und erneut zu bestätigen.“ Die CAL forderte dazu auf, „das Licht des Evangeliums in das öffentliche, kulturelle, wirtschaftliche und politische Leben einzubringen“ und „Christus bekannt zu machen und mit Eifer allen Männern und Frauen Sein Wort zu verkünden. Und deshalb müssen wir unsere missionarische Verpflichtung und unser ganzes Leben auf den Felsen des Gotteswortes bauen“, so ihr Plädoyer.
2. Brasiliens Schlüsselrolle bei der Neuevangelisierung
Bei dieser Neuevangelisierung kommt Brasilien, das auch in der Weltpolitik eine immer wichtigere Rolle einnimmt, eine Schlüsselstellung zu. Denn die religiöse Entwicklung des Landes zeigt auch weit über die Landesgrenzen hinaus ihre - positiven wie negativen - Auswirkungen. Ein negatives Beispiel sind die zahlreichen neopfingstlerischen Gruppierungen, die in Brasilien gegründet wurden und die in immer neuen Ländern wie Pilze aus dem Boden sprießen – vornehmlich dort, wo der Hunger nach dem „Brot vom Himmel“ (Joh 6,32), aber auch die religiöse Ignoranz groß ist und die Kirche nicht über ausreichende Möglichkeiten verfügt, mit Missionaren oder mit ihrer Infrastruktur eine flächendeckende und engagierte Seelsorge zu gewährleisten. So erschrak ich z.B. während einer Angolareise im November über die große Anzahl evangelikaler Sektentempel brasilianischer Herkunft, die ich in diesem vom jahrzehntelangen Bürgerkrieg immer noch traumatisierten Land sah.
Ein segensreicher brasilianischer „Exportschlager“ ist dagegen die von der Kinderärztin Zilda Arns(4) gegründete „Pastoral da Criança“ (Kinderpastoral), die in mehreren Ländern Lateinamerikas entscheidend zur Senkung der Säuglingssterblichkeit beigetragen hat. Ein weiteres positives Beispiel sind die Neuen Geistlichen Gemeinschaften, die bereits in Europa und auf anderen Kontinenten Häuser eröffnet haben und sich dort mit großem Eifer für die Neuevangelisierung einsetzen. Auch das vor 20 Jahren von Pe. Luis Mosconi in der Amazonasmetropole Belém do Pará entwickelte Modell der sog. „Heiligen Volksmissionen“, in deren Rahmen insgesamt zigtausende Laienmissionare in über 100 Diözesen Brasiliens ausgebildet wurden und mit großer Begeisterung ihre Berufung als „Jünger und Missionare Jesu Christi“ entdecken durften, hat seit der V. Generalkonferenz der Bischöfe Lateinamerikas und der Karibik in Aparecida 2007 auch in Guatemala und auf Kuba bereits großen Anklang gefunden. Die von unserem Werk immer wieder unterstützten „Heiligen Volksmissionen“ sind ein wichtiges Mittel für die Umsetzung der in Aparecida beschlossenen Großen Kontinentalmission geworden.
An Dynamik hinzu gewonnen hat die Kontinentalmission in Brasilien auch durch das 2009 gefeierte Katechesejahr und durch die aus diesem Anlass von der CNBB ins Leben gerufene, und dank unserer großzügigen Wohltäter von unserem Hilfswerk umfangreich unterstützte Kampagne zur Verteilung von Bibeln, Kinderbibeln und Kleinen Katechismen, mit der man zunächst im besonders armen Bundesstaat Piauí begann.
Eine grundlegende Bedeutung bei der Neuevangelisierung hat aber – neben der Laienausbildung - der Klerus, wie z.B. auch aus den Briefen ersichtlich wurde, die uns der aus England stammende Pater Peter Shekelton schrieb. Der Priester, der eigentlich in den Favelas von São Paulo arbeitet, unternimmt seit 2003 jedes Jahr im Juli mit Jugendlichen eine Missionsreise in die Prälatur Itacoatiara in Amazonien, um dort abgelegene Flussufergemeinden zu besuchen, die zum Teil schon über fünf Jahre lang keinen Priester mehr gesehen haben. Dank des unermüdlichen Einsatzes von Pater Shekelton und der Jugendlichen, die ihn begleiten und tatkräftig unterstützen, haben die Bewohner dieser Flussufergemeinden jetzt die Möglichkeit, „wenigstens einmal im Jahr zur Heiligen Messe zu gehen, zu beichten, ihre Kinder taufen zu lassen, zu heiraten etc.“ Und der Priester berichtete weiter: „Ich habe dort nicht wenige Personen angetroffen, die buchstäblich in den letzten Lebenszügen waren und die einen Tag, nachdem ich ihnen die Sakramente gespendet hatte, gestorben sind. Es scheint, als hätten sie mit dem Sterben nur noch gewartet, bis der Priester komme.“
Es gibt noch zahllose andere Priester, die ebenso fleißig im Weinberg des Herrn arbeiten und die ein „starkes und wirksames Zeugnis für das Evangelium in der Welt von heute” geben, wie Papst Benedikt XVI. seinen Wunsch zum Beginn des Priesterjahres im Juni 2009 formulierte. Diesen Priestern gelten auch über das Priesterjahr hinaus unsere besondere Hochachtung, unser Dank, unser Gebet und unsere finanzielle Unterstützung!
3. Unsere Hilfe für die Kirche im südlichen Lateinamerika
Die Qualität der Aus- und Weiterbildung der Priester ist nach wie vor eine der größten Herausforderungen für viele Diözesen Lateinamerikas. Unser Werk möchte den Bischöfen deshalb nach besten Kräften helfen, zu verwirklichen, was der Heilige Vater schon mehrfach forderte: „die Berufungspastoral für Priester zu verstärken”, trotz des immer noch sehr großen Priestermangels “die Auswahl und Ausbildung zu verbessern”, “für eine tiefe geistliche Ausbildung der Priesteramtskandidaten zu sorgen” und die Priesterseminare zum “bevorzugten Ort der Vermittlung einer tiefen Erfahrung der Gegenwart Jesu Christi, der Liebe zu ihm und zu seinem Evangelium” zu machen(5).
Im vergangenen Jahr konnten wir 842 Große Seminaristen in Brasilien und im Cono Sur mit Ausbildungsbeihilfen von insgesamt 295.489,- € unterstützen. Für zahlreiche weitere Seminaristen konnte die Ausbildung u.a. dadurch finanziert werden, dass Priester Messintentionen übernahmen, in einer Geste der Solidarität mit dem Priesternachwuchs aber die mit den Messstipendien verknüpften Beträge an das Priesterseminar abtraten. Über Messintentionen (insgesamt 127 bewilligte Messprojekte) konnten für etliche Priester auch der Lebensunterhalt, die medizinische Versorgung, Einkehrtage, Exerzitien oder Fortbildungsveranstaltungen für Priester mitfinanziert werden. Darüber hinaus boten wir den Bischöfen systematisch unsere Hilfe für die Teilnahme von Seminaristenausbildern an speziellen Fortbildungsangeboten an und halfen beim Bau bzw. Ausbau mehrerer Priesterseminare.
Da auch die Ordensschwestern durch ihre Nähe zu den Ärmsten der Armen sowie durch ihr vielfältiges pastorales und sozial-karitatives Engagement für die Gläubigen den lebendigen Christus in besonderer Weise erfahrbar werden lassen, haben wir 816 Ordensschwestern Existenzhilfen im Gesamtvolumen von 296.222,- EUR zukommen lassen (insgesamt 42 bewilligte Projekte). Von vitaler Bedeutung für den Fortbestand vieler Schwesternkongregationen und für die Bewahrung ihrer Charismen vor den Einflüssen einer säkularistischen Welt ist eine solide Ausbildung der Schwestern. Guten Ausbildungsinitiativen schenken wir deshalb weiterhin große Aufmerksamkeit.
Aufgrund unserer Budgetknappheit und der stark gestiegenen Kosten vieler Projekte konnten wir im vergangenen Jahr nur 366 (d.h. 73,1%) von 501 entschiedenen Projekten bewilligen. Bei den Bauprojekten konnten wir nur 46,7% und bei den Fahrzeugprojekten sogar nur 31,4% positiv entscheiden. Bei einer ganzen Reihe wichtiger Projeke(6) mussten wir die Auszahlung auf das neue Jahr hinauszögern. In insgesamt 115 Fällen konnten wir nichts weiter tun als unseren Projektpartnern unser Gebet zuzusagen. Hoffen und beten wir, dass wir in diesem Jahr wieder mehr Bitten mit tatkräftiger Nächstenliebe beantworten können!
(1) Schätzungen zufolge sind etwa 70% der Lateinamerikaner Katholiken. (2) Genau so hoch ist der Prozentsatz der Argentinier, die unterhalb der Armutsgrenze leben. (3) in einem anlässlich des Hispanoamerikanischen Tages am 1. März 2009 veröffentlichten Brief (4) Anfang Januar dieses Jahres wurde sie Opfer des verheerenden Erdbebens in Haiti. (5) Vgl. auch Zenit-Nachrichtenagentur, 20.02.2009 (6) Dazu gehörten auch der Versand von 10.000 Lateinamerikanischen Bibeln für das die Kontinentalmission begleitende Bibelapostolat in Paraguay sowie von 12.000 Lateinamerikanischen Bibeln und 8.000 Exemplaren des Neuen Testamentes für die Neuevangelisierung in Uruguay.
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