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Jahresbericht - Osteuropa

Jahresbericht 2009 - Osteuropa I
Ukraine, Bosnien-Herzegowina, Belarus, Kosovo, Bulgarien, Mazedonien, Serbien, Montenegro, Kroatien
ein Bericht von Magda Kaczmarek


Die Unterdrückung der Glaubensfreiheit und der Menschenwürde durch das totalitäre kommunistische System schien 1989 für die Ostblockländer plötzlich Vergangenheit.

Gerechtigkeit und Freiheit hatten gewonnen. Dafür haben in Osteuropa viele Priester und Ordensleute mit ihrem Leben bezahlen müssen. “Fast in jeder Familie gab es Märtyrer und „dank“ dem vergossenen Blut ist die Kirche wieder auferstanden“ – so Mons. Blin aus Belarus. Die Mauern sind gefallen, jedoch in den Herzen vieler Menschen sind heute noch Mauern geblieben. Statt Frieden und Versöhnung zu säen und die neugewonnene Freiheit zu pflegen, bauen die Politiker oft Mauern, die dazu führen, dass die Menschen täglich Unsicherheit, Streit und Wut verfallen. Die Wirtschaftskrisen häufen sich und die Preise steigen unerbittlich in allen Bereichen, besonders bei Baumaterialien, Öl, Gas und Strom. Zu der unstabilen wirtschaftlichen und politischen Lage in den postkommunistischen Ländern kommen Probleme wie Migration, Arbeitslosigkeit, Armut, Korruption, Abtreibung und eine fortschreitende Säkularisierung, die für die örtlichen Kirchen eine wahre Herausforderung sind, welcher sie sich dringend stellen müssen, da der MENSCH für sie im Mittelpunkt steht. Während in der UKRAINE die nach Gott und lebendiger Gemeinschaft dürstenden Gläubigen, die jahrzehntelang wegen ihres Glaubens Schikanen und Verfolgungen ausgesetzt waren, sich über eine kleine provisorische Kapelle freuen, sagen die Bischöfe in KROATIEN dass man genug „in die Steine“ investiert hat und nun die Zeit gekommen sei, auf die Bildung der Laien und Priester zu setzen, damit diese durch persönliche Zeugnisse zu Multiplikatoren im Dienste Gottes werden. Nach dem Motto „Vorbeugen ist besser als heilen“ hat man pastorale Programme entwickelt, die mit großer Begeisterung und Dankbarkeit angenommen werden. „Wir sind eine große lebendige Kirche und wir dürfen nicht müde werden, die Priester brauchen klare praktische Ziele und gute Laien, die sie in der Arbeit unterstützen“ – so Mons. Hranic aus Djakovo. Kroatien ist das einzige Land von den oben genannten, wo die Finanzierung der katholischen Kirche durch den Staat aufgrund eines Konkordats gewährleistet wird. Die katholische Kirche in Kroatien ist solidarisch mit ihren Landsleuten in Bosnien. „Werden sich keine kroatischen Politiker in Bosnien engagieren, so wird die kroatische und katholische Identität dort verschwinden“ - fügt der Weihbischof weiter. Dass Bosnien zur Vormauer zum Islam werden muß, daran ist nicht mehr zu zweifeln. Daher ist es wichtig, dass wir die Präsenz der katholischen Kirche in Bosnien unterstützen. Auch die Kirche in Bosnien hat 20 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wie in den anderen Ländern (u.a.Ukraine, Belarus, Bulgarien) mit der Rückgabe des Kircheneigentums zu kämpfen. Der beschlagnahmte Kirchenbesitz wurde nationalisiert und oft an Dritte verkauft. In den meisten Fällen muß die Kirche ihr ehemaliges Eigentum für horrende Preise zurück kaufen, seien es Grundstücke, Pfarrhäuser oder andere kirchliche Gebäude. Die Politiker haben kein Interesse es gesetzlich zu regeln. Laut Bischof Malchuk aus Simferopol hängen die Beziehungen zwischen den Menschen von ihrem guten Willen ab. Immer öfter wenden sich die Benachteiligten in ihrer Verzweiflung an das europäische Gericht in Strassburg, um ihre Rechte zu erlangen. Die Katholiken werden oft als Sekte angesehen, da sie sich zu ihren Gebeten in Gebäuden treffen, die keinem Gotteshaus ähneln. Der einzige Weg bleibt nur der Neubau und da werden einem oft von den Ämtern Steine in den Weg gelegt. Als richtigen Erfolg kann man die Rückgabe der Kirche in Dniepropietrovsk in der Ostukraine bezeichnen. „Unsere Gläubigen erleben mit Freudentränen den Tag, wo Christus wieder in die Kirchen durfte, die von den Kommunisten zu Werkstätten, Schneidereien, Bäckereien, Getreidelagern, Kinos, etc umgewandelt wurden“ - so Erzbischof Mokrzycki aus Lviv. Nicht viel anders sind die Sorgen der Katholiken in MAZEDONIEN. „Bei einer Baugenehmigung müssen wir binnen 6 Monaten anfangen und nach 2 Jahren den Bau beenden, das bedeutet Diskriminierung“ - meint Bischof Stojanov. Diese kleine Diasporakirche ist größtenteils auf unsere Unterstützung angewiesen. In BELARUS klagt Erzbischof Kondrusiewicz aus Minsk „...Wir spüren einen großen Mangel an Kirchen“. Da ist jedoch die Regierung daran interessiert, den Dialog mit der kath. Kirche zu führen. „Der Staat sieht unsere Arbeit und erkennt allmählich, dass wir keine Gefahr sind, sondern wir sind alle Schwestern und Brüder“ - so ein Priester. Nach dem Ad Limina Besuch in Dezember rückt die Hoffnung auf einen Vertrag mit dem hl. Stuhl immer näher. Die Kirche hofft somit darauf, dass der Status der ausländischen Missionare und die Bedingungen ihrer Arbeit geregelt werden, damit sie das Wort Gottes frei verkünden können, denn seit Jahren häufen sich Ausweisungen von polnischen Priestern und Schwestern. Sie werden gezwungen, das Land zu verlassen und man stellt ihnen keine Aussichten, wieder einreisen zu dürfen.

Auch in Serbien versucht die kath. Kirche ihre Probleme mit der Regierung zu lösen. Der neuernannte Nuntius setzt sich dafür ein, dass der Staat die Katholiken im Bereich der Ausbildung, der Sozialarbeit und der Restitution unterstüzt.

In BOSNIEN dagegen appellieren Kard. Puljic und Mons. Komarica an ihre Landsleute im Ausland; „Kommt zurück zu euren Wurzeln, verkauft eure Häuser nicht“ und sie geben ihnen Hoffnung zurückzukommen, denn die Flüchtlinge haben existenzielle Ängste.
Mons. Komarica ist es gelungen, wichtige Politiker der Republika Srpska sowie Vertreter von anderen Ethnien an einem runden Tisch zusammenzubringen, um auf diese Probleme aufmerksam zu machen. Die muslimischen und die serbischen Politiker engagieren sich für ihre Landsleute, während sich keiner für die Rechte der Kroaten einsetzt. Bedauerlicherweise gibt es oft auf dem Lande kaum Infrastruktur oder öffentliche Verkehrsmittel. Die Rückkehrer bauen oft ihre Strassen selbst, damit sie würdig leben können. „Wir sind verpflichtet, über die Wahrheit zu sprechen, die Kroaten kriechen auf dem Bauch, sie dürfen nicht sagen, dass sie katholisch sind“ - so Mons. Komarica. Der Zerfall Jugoslawiens brachte zwar das Ende des Kommunismus aber gleichzeitig den Balkankrieg. Die Folge war die Vernichtung von Kirchen und Pfarrhäusern und die Zerstörung all der Hoffnungen auf Neubeginn. Die Kirche kämpft mit den Behörden und gegen sie gerichtete Schikanen. Mit eigenen Mitteln sind die Gläubigen oft nicht imstande die Arbeiten selbst durchzuführen und so helfen wir, wo die Not am stärksten ist und der Wiederaufbau geht nach 15 Jahren des Kriegsendes immer noch weiter. Ende Oktober hat der türkische Außenminister in Sarajevo über das Ziel gesprochen, das osmanische Reich des 16 Jhdts. in Bosnien wieder zu errichten. - “Warum sieht niemand wie die Katholiken in Sarajevo leben?” – fragt Kard. Puljic – im Hinblick auf den Bau der Moscheen oder islamischen Zentren in christlich geprägten Ländern? .... das verursacht einen Mentalitätswechsel, der gegen das Christentum gerichtet ist“. Kardinal Kasper sagte einmal: „Wenn wir nicht wissen, woher wir kommen, dann werden wir nicht wissen, wohin wir gehen sollen“ Die bosnischen Katholiken machen sich für ihren Glauben stark und wollen ihre katholische Identität bewahren, - und sie wollen mit anderen Religionen im Frieden leben.... „Wir geben nicht auf“ - so Kard. Puljic- „Unsere Hoffnung kommt von Gott, wir sind in seiner Hand“. Er sieht Hoffnung in den 15 interethnischen Europa-Schulen in katholischer Trägerschaft, für die Kirche in Not auch hilft. Stolz erwähnt der Kardinal den ersten Fortschritt: 2009 wurden zum ersten Mal die Abschlüsse der theologischen Fakultät von Sarajevo staatlich anerkannt.

Kardinal Tauran sagte kürzlich, dass der interreligöse Dialog heute eine Notwendigkeit ist, denn in Ländern wo Christen und Muslime miteinander leben, ist es dringend notwendig gemeinsame Sorgen und Ziele zu teilen und gemeinsam Probleme zu lösen. Daher hat die pastorale Arbeit mit jungen Menschen im Geiste der Wahrheit, Verantwortung und Offenheit eine große Bedeutung. Auch der Wunsch nach der ÖKUMENE in den oben genannten Ländern ist sehr groß. „Gerade in dieser Gegend hat der Kommunismus stark gewirkt, die Menschen haben sich von der Kirche entfernt. Um so viele Menschen wie möglich jetzt zu erreichen, kam die Idee eines ökumenischen Zentrums in Montenegro auf“ - berichtet uns P. Coric aus Kotor. Die katholische Kirchen hofft besonders in Ländern, wo sie eine Minderheit stellt, mit solchen Initiativen die orthodoxe Mehrheit für Gemeinsamkeit zu gewinnen. Im Kommunismus waren wir eine Einheit- betonen die Projektpartner oft, denn er war unser Feind. Braucht man dann jetzt auch einen Feind, um eine Einheit zu erlangen? Eine Antwort steht uns direkt im Johannesevangelium zur Verfügung; „Alle sollen eins sein, damit die Welt glaubt“ (Joh 17,21) – daran erinnerte kürzlich der Papst anlässlich der Woche für die Einheit der Christen.

Eine meiner Reisen führte mich 2009 u.a. nach MONTENEGRO, wo 72% der Bevölkerung seit dem Tode Titos 1980 ausgewandert sind. Mittlerweile hat es die katholische Kirche erreicht geschafft, Perspektiven zu schaffen, damit keiner mehr das Land verlässt. Über den Einsatz der Priester in ihrer Mission am Altar erhalten die Menschen Stärkung, Beistand und Hilfe, so dass sie selbst in den schwierigen Bergregionen leben und ihren Glauben bewahren können. Nur eine Grenze weiter liegt das jüngste Land auf dem Balkan - KOSOVO. Unser Einsatz gilt der neugebauten Bischofskirche in Pristina. Die Kellerräume werden als eine Begegnungsstätte eingerichtet. „Dieses Gotteshaus soll für alle zugänglich sein, nicht jeder will gleich in die Kirche gehen, wir werden unten „die Brötchen backen“ und wir werden sie oben austeilen“- so Bischof Gjergji. Die junge und lebendige katholische Kirche in Kosovo erlebt eine Blütezeit. Der ebenso junge Bischof Gjergji sieht neue Herausforderungen für seine Kirche; Aus- und Weiterbildung der Priester und Ordensleute, Jugendpastoral und Katechese für Erwachsene und Kryptokatholiken (eine Anlaufstelle für die Konvertiten wurde bereits errichtet).

DAS PRIESTERJAHR - „Die Priester sind Motoren der Diözese“ - so Kardinal Puljic aus Bosnien. Das Priesterjahr ist für unsere Projektpartner ein Anlass für viele Initiativen, der Priester selbst als auch der Gläubigen: Gebete für gute Berufungen, für die Priester, Tage der offenen Tür in den Priesterseminaren, Erneuerung und Stärkung der Priester durch Exerzitien. Die obengenannten Länder sind ein gutes Beispiel für viele Berufungen, die ihre Wurzeln in der Treue zum Glauben haben. „Die Familie ist das Nest der des Lebens und der Zukunft. Sie ist das erste Seminar“ – so Kard. Puljic. Die Unterstützung der künftigen Priesteramtskandidaten gehört weiterhin zu unseren obersten Prioritäten.

Als Abschluß ein Dank von einer Schwester aus der Ukraine, die in der Kinderpastoral arbeitet; „Vergelt’s Gott! Wir danken für Ihre Hilfe und versichern Sie unseres Gebetes für die Wohltäter. Wir sehen, wie wichtig die Arbeit ist, wo über Gott kaum gesprochen wird, unter Alkoholabhängigen, in den zerstörten Familien, etc. Die Kinder spüren, dass es schön ist, wenn jemand ihnen zuhört und sie liebt und wenn man mit Gott lebt. Wir hoffen, dass die Botschaft von Gottes Liebe und Barmherzigkeit in die Herzen der Kinder fällt und in Zukunft Früchte bringt, Ihre Hilfe trägt uns weiter.“

Der Dienst und die Gebete unserer Projektpartner, die Liebe und die offenen Herzen unserer Wohltäter geben uns Mitarbeitern von Kirche in Not, die in 17 Ländern der Welt tätig sind, Mut und sie sind eine Motivation in unserer täglichen Arbeit, denn jedes Menschenschicksal ist für uns eine große Herausforderung.



Jahresbericht 2009 - Osteuropa II (Russland)
ein Bericht von Peter Humeniuk


Um das Jahr 2009 in seinem Verlauf zu charakterisieren, erscheint mir das Bild angemessen „die Früchte reifen und die Zeit für die Ernte nähert sich“.
Es ist das erste Jahr nach der Inthronisierung von Patriarch Kirill, drei Schwerpunkte zeichneten sich ab: 1. Ernennung von Metropolit Hilarion zum Leiter des Außenamtes und Metropolit Varsonofij zum Verantwortlichen der Innenpolitik des Moskauer Patriarchats. Das sind die zwei Schlüsselpositionen. Wahrgenommen von zwei dem Patriarchen vertrauten Geistlichen 2. Einige Änderungen der synodalen Strukturen vor allem die Schaffung einer Zuständigkeit „Beziehungen zwischen Kirche und Gesellschaft“ mit dem Vorsitzenden Erzpriester Vsevolod Chaplin (ehemaliger Vize des Außenamtes) und einer Informationsabteilung mit dem Vorsitzenden Laien Vladimir Legoida. 3. Obligatorische Reisen innerhalb der orthodoxen Welt. Die größte Beachtung fand wohl die Reise in die Ukraine.
Das erste Jahr verlief ruhig und gleichzeitig wird erkennbar, dass Vorbereitungen für weiterreichende Änderungen oder Reformen getroffen wurden.

In seiner Funktion als Vorsitzender des Außenamtes unternahm Metropolit Hilarion eine Reise nach Rom und wurde vom Papst in Privataudienz empfangen, deren Dauer weit über das Protokollarische hinausging. In den Kommentaren nach der Reise sprach Hilarion über die Wahrscheinlichkeit eines Treffens zwischen Papst Benedikt XVI und Patriarch Kirill.

Beginnt man mit dem Jahresende, so war für die katholische Kirche in Russland die Einrichtung voller Diplomatischer Beziehungen zwischen dem Vatikan und der Russischen Föderation von herausragender Bedeutung. Zwar funktionierte die Ständige Vertretung des Heiligen Stuhls gewissermaßen bereits als Nuntiatur oder Botschaft, allerdings hatte diese Aufwertung der Beziehungen neben juridischen vor allem eine psychologische Bedeutung. Dieser Schritt wurde im ganzen Land wahrgenommen und trug dazu bei, das Selbstbewusstsein der Katholiken zu stärken. Es ist ein historisches Ereignis und zugleich ein Hinweis auf eine bevorstehende Intensivierung der kirchlichen Beziehungen. Denn bei aller Trennung zwischen Staat und Kirche wäre diese Aufwertung ohne das Wohlwollen des Moskauer Patriarchats höchst unwahrscheinlich. Auf katholischer Seite ist es ganz eindeutig der Verdienst des Nuntius, Erzbischof Antonio Mennini, dem es gelungen ist, dafür eine Vertrauensgrundlage zu schaffen.

Hinsichtlich praktischer Fragen, die sowohl 2009 wie auch 2010 bedeutsam sind, möchte ich drei hervorheben. 1. Das katholische Priesterseminar in St. Petersburg. Es geht in einer gemeinsamen Anstrengung mit Renovabis darum, rechtlich Grundlagen zu schaffen, die es erlauben, das gesamte Territorium in Zukunft so zu nutzen, dass der Gesamtkomplex zu einer Einnahmequelle werden kann, und das Seminar finanziell unabhängig wird. Die bisherigen Resultate wurden im Rahmen der Bischofskonferenz Ende Dezember besprochen. 2. In Novosibirsk soll ein neues Diözesanzentrum entstehen. Hier werden viele Förderer gebraucht. Auch wir haben Offenheit bekundet, Hilfe zu gewähren. In diesem Kontext ist auch eine Reise mit einigen Direktoren der Nationalsekretariate nach Novosibirsk geplant, wahrscheinlich in der ersten Jahreshälfte. 3. Dringende Sanierungsarbeiten an der Kathedrale in Irkutsk.

Bei einem Treffen mit Metropolit Hilarion Anfang Juni 2009 im Außenamt bezeichnete er ‚Kirche in Not’ als einen der „engsten Partner der Russisch-Orthodoxen Kirche“. Damit ist einerseits die konkrete Hilfe gemeint, die vor allem der Priesterausbildung dient, andererseits entsteht durch zahlreiche persönliche Begegnungen ein Klima des Vertrauens.

Anfang des Jahres fand eine Reise nach Yakutien statt. Der Apostolische Nuntius, Antonio Mennini, sein damaliger Sekretär, Ante Jozic, Bischof Cyrill Klimovicz und ich flogen nach Yakutsk, um an der Weihe des Salesianer-Zentrums teilzunehmen. Zunächst wurden wir von dem orthodoxen Bischof Sozima herzlich empfangen. Es war eine erste Begegnung für die katholischen Bischöfe, weitere Treffen wurden vereinbart. Die Stadt Yakutsk organisierte zu Ehren der katholischen Pfarrei und der Gäste im Staatszirkus die Premiere eines Musicals „quo vadis“. Das Opus ist der Christenverfolgung im römischen Reich gewidmet. Die gesamte Veranstaltung und ihr Kontext wurde im Fernsehen übertragen. Wir waren uns mit Bischof Klimovicz einig, hätte man vor 7 Jahren an so etwas laut gedacht, wäre man für verrückt erklärt worden.

Weitere Reisen führten nach St. Petersburg, Chabarovsk, Birobidzhan, Saratov, Volgograd und Kostroma. Eine Reise fand gemeinsam mit Nationaldirektoren statt, für die meisten Teilnehmer das erste Mal Russland und eine Entdeckung, dabei lag der Schwerpunkt bei den Städten Moskau, Sergiev Possad und St. Petersburg. Vorrangig ging es um Treffen mit Repräsentanten der katholischen und russisch-orthodoxen Kirche sowie mit unseren Partnern aus dem Bereich der interkonfessionellen Initiativen.

Letztgenannte Projekte entwickeln sich weiter, wobei wir uns für die nächste Zukunft vor allem auf zwei Bereiche konzentrieren werden:

1. Die interkonfessionelle Nachrichtenagentur Blagovest-Info in Moskau behauptet weiterhin ihre ausgewogene Stellung in der religiösen Informationslandschaft. Für 2010 ist eine englischsprachige Version angedacht, damit ein Informationsfluss von Ost nach West ermöglicht wird.

2. Blagovest-Media in St. Petersburg produziert weiterhin Filmbeiträge. Es ist gelungen, die Frage der Räumlichkeiten für die technischen Einrichtungen und Produktion endlich zu klären. Zavet in St. Petersburg vervielfältigt die entsprechenden Filmbeiträge und macht sie als DVD’s einem breiten Publikum zugänglich.
Ausblicke: Neben den Bemühungen um das katholische Priesterseminar, den Bau des Diözesanzentrums in Novosibirsk und die Renovierung der Kathedrale in Irkutsk, stehen 2010 noch andere Herausforderungen bevor.
Eine Begegnung zwischen dem Heiligen Vater und dem Patriarchen der russisch-orthodoxen Kirche wäre sicherlich ein historisches Zeichen in dem Ringen nach Annährung und Einheit der beiden Kirchen. Aus dieser Perspektive resultiert aus der „engen Partnerschaft“ eines päpstlichen Hilfswerks mit dem Moskauer Patriarchat auch eine gewisse Verantwortung.



Jahresbericht 2009 - Osteuropa III
Peter Rettig


Für Osteuropa III möchte ich drei Gruppen von Ländern unterscheiden.

1. Moldawien, Lettland, Estland

Alle drei Kirchen sind Diasporakirchen. Selbst bei hohem materiellem Wohlstand und offenen Geldbeuteln wären die Gemeinden zu klein, um ohne unsere Solidarität größere Projekte wie Kirchenbau und –renovierung zu stemmen. Für das tagtägliche Apostolat brauchen Priester und Schwestern Fahrzeuge, um die verstreut lebenden Gläubigen zu erreichen. Messstipendien für den Lebensunterhalt der Priester sind unerlässlich.
Die Lebensumstände sind aber nicht ideal. Die Globalisierung führte zu einem ungleich verteilten Boom und Materialismus, die Finanzkrise zum Absturz. Lettland drohte der Staatsbankrott, die Arbeitslosigkeit steigt. Familien, die früher ihren Lebensunterhalt bestreiten konnten, sind heute auf die kirchlichen Suppenküchen angewiesen. In Estland wurden Krankenhäuser geschlossen.

Bei allen Sorgen gibt es Zeichen der Hoffnung. Karmelitinnen aus Essen gründeten in Ikskile, der Wiege des lettischen Christentums ein Kloster. Etliche junge Lettinnen würden gerne eintreten. Sie können aber nur aufgenommen werden, wenn der Neubau bezogen werden kann. Dank unserer Hilfe soll es Ende des Winters so weit sein.

Moldawien leidet zudem noch unter der instabilen politischen Lage. Von 2001 bis 2009 herrschte die kommunistische Partei mit absoluter Mehrheit und der Kommunist Vladimir Voronin war Staatspräsident. Der Konflikt mit Transnistrien ist nach wie vor ungelöst, seit 2008 sind die Beziehungen eingefroren. Helfen können wir durch Meßstipendien, die Unterstützung der moldawischen Seminaristen in Rumänien und in hohem Maß durch Existenzhilfe für die Schwestern.

2. Tschechien und Slowakei

Die tschechischen Katholiken sind eine Minderheit und die Zahl der Gottesdienstbesucher ein Bruchteil davon, nur wenige fühlen sich berufen. Seit Monaten wartet die Kirche auf den Nachfolger Kardinal Vlks. Das Konkordat wurde bis heute nicht unterschrieben, weil die Politik Angst vor einer Bevorzugung der Katholiken hat. Das wichtigste Ereignis 2009 war der Besuch des Heiligen Vaters, der den tschechischen Gläubigen die Hoffnung gab, nicht allein zu sein.
Neben der Säkularisierung ist der Strukturwandel die große Herausforderung für die Kirche. Die Folgen der Vertreibung der Deutschen sind bis heute an der fehlenden communio in den Gemeinden zu sehen. Die wirtschaftlichen Umwälzungen der letzten Jahre führten zu Abwanderung der Jugend, die ältere Generation blieb. Zu wenige Gläubige sollen zu viele Kirchengebäude füllen, Barockkirchen verfallen. Einige konnten dank des Engagements deutscher Vertriebener renoviert werden. Die pastorale Herausforderung der nächsten Jahre ist, wie nach deren Tod bei fehlender Jugend und verstreut lebenden Älteren lebendige Gemeinden geschaffen werden können. Die Motorisierung der Priester, damit sie in dieser Diasporasituation ihre pastoralen Aufgaben erfüllen können, ist eine Antwort. Exerzitienhäuser und spirituelle Angebote eine weitere.
Es gibt aber Zeichen der Hoffnung. In der Nähe von Prag baut der Chemin Neuf mit unserer Hilfe ein Kloster wieder auf. Schwerpunkt ist die Familienpastoral und der Zuspruch ist groß.

Auch die Slowakische Kirche muss sich mit Wandel auseinandersetzen. Im Gegensatz zu Tschechien sind Katholizismus und Heimatgefühl prägende Elemente. Auch wenn slowakische Arbeitnehmer nur für ein paar Wochen im Ausland bleiben, so belastet die Arbeitsmigration doch die Familien. Mütter und Großeltern sind überfordert und die Jugend sich selbst überlassen.

Im Bewusstsein, dass die Jugend die Kirche in die Zukunft trägt, bieten die Diözesen den Jugendlichen eine spirituelle Heimat und Möglichkeiten der Freizeitgestaltung an. Seit vielen Jahren strömen Kinder in das „Domček“ P. Husaks in der Diözese Kosice. Die ersten Teilnehmer kommen jetzt ins heiratsfähige Alter und fragen nach einem Angebot für junge Familien. In wunderbarer Weise vereint „Domček“ jugendliche Abenteuerlust und gelebte Spiritualität. Der Zuspruch übersteigt die Aufnahmemöglichkeiten. Ähnliche Angebote mit ebenfalls regem Zuspruch gibt es in der ganzen Slowakei. Manchmal werden wir um ein größeres Auto gebeten, damit die Kinder aus den umliegenden Dörfen transportiert werden können.

Die Zukunft - und die Bewahrung der Schöpfung - ist auch bei Renovierungsarbeiten im Blick. Für das Priesterseminar Nitra konnten wir die Installation einer Solaranlage unterstützen.

3. Rumänien und Albanien

Die größte Herausforderung in beiden Ländern ist die Migration mit allen Problemen, die damit einhergehen.

In Rumänien lassen ungeklärte Eigentumsfragen kirchliches und ziviles Eigentum verfallen und Äcker brachliegen. Alte Eliten und die Überreste des kommunistischen Machtapparats haben das Land im Griff. Protest gegen eine Baumaßnahme kann die Verweigerung einer Baugenehmigung für ein Kirchengebäude bewirken. So wundert es nicht, dass von 21.5 Millionen Rumänen (Volkszählung 2002) bereits mehr als 2 Millionen das Land verlassen und 2,5 Millionen die Absicht dazu haben.

Der Bischof der Diözese Timisoara löste nach der Migration der deutschstämmigen Katholiken 40% der Gemeinden auf. Die Zahl seiner Priester sank von 1988 bis 1999 von 108 auf 88! Nun ist die Versorgung der Priester mit Fahrzeugen wichtig. Sie müssen viele Gemeinden gleichzeitig betreuen.

Großes Gewicht hat natürlich für uns die griechisch-katholische Kirche, die in der Vergangenheit am stärksten litt. Selbst 2009 erhalten wir Berichte einer ehemalig orthodoxen Gemeinde, deren jetzt griechisch-katholische Gläubige verprügelt werden. Anfang 2009 sollte ein altes Gesetz durch das frisch gewählte Parlament gebracht werden, das die enteigneten griechisch-katholischen Kirchengüter der jeweiligen örtlichen Majorität zugesprochen hätte. Da in fast allen Kommunen orthodoxe Gläubige die Mehrheit stellen, wäre in kaum einem Fall die griechisch-katholische Kirche zum Zug gekommen. Dank Protesten der europäischen Union verschwand der Gesetzesvorschlag wieder im Archiv. Das Gefühl der Verfolgung ist den Gesprächen immer präsent.
Die griechisch-katholischen Gemeinden versuchen daher mit enormen Engagement sich eigene Kirchen und Pfarrhäuser zu bauen bzw. zu renovieren. Wir unterstützen dies, auch wenn die Gemeinden manchmal sehr klein sind. Die Kirche ist ein Anker und ein Zeichen des Überlebens für die Gemeinden.
Ein schönes Beispiel ist der Kauf eines Pfarrhauses-cum-Kapelle. Die Vermieterin hatte Ärger mit der Pfingstgemeinde, warf sie aus dem Haus und verkaufte es günstig an die griechisch-katholische Eparchie. Ein Teil des Kaufpreises kam von Kirche in Not.

Auch in Albanien prägt die Migration das Land. Durch die Wirtschaftskrise können viele das Land nicht mehr verlassen, so dass sie zunächst in den Metropolregionen von Scutari, Tirana und Durres einen Zwischenstop einlegen. Zu diesen kommen die Familien, die aus den Bergen kommend in den Städten eine Zukunft suchen.
Es entstanden neue Ortsteile mit illegalen Bauten, fehlendem Wasser- und Stromanschluss. Fehlendes Gemeinschaftsgefühl, Verlorenheit und geringe soziale Kontrolle machen das tägliche Leben schwierig. Im Tiraner Ortsteil Bathore antworten italienische Dominikanerinnen mit einem Begegnungshaus incl. Kapelle auf die sozialen und spirituellen Nöte. Die Pfarrei ist zwar rege, aber eine Kirche gibt es noch nicht.
Es bleibt abzuwarten, ob sich eine stabile lebendige Gemeinde bilden kann, oder ob sich die Menschen weiter auf den Weg nach Italien, England, Frankreich, Deutschland machen.
Ein kleines, aber wichtiges Projekt ist ein Kalender für die Gefängnisinsassen. Der Abreißkalender gibt die Tageslesungen an. Ein Zitat aus der Tageslesung wird von einer kurzen Exegese begleitet.. Für viele Insassen ist der Kalender die einzige Lektüre. Er gibt ihren Tagen Rhythmus und ihnen Halt.