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Berichte & Presse

Irakischer Bischof klagt Regierung an: "Wir Christen wurden von Bagdad im Stich gelassen"

06.10.2014

Der chaldäisch-katholische Erzbischof der nordirakischen Stadt Erbil, Bashar Warda, wirft der irakischen Regierung vor, den Christen auf der Flucht vor den Milizen des "Islamischen Staats" nicht geholfen zu haben. "Die Regierung in Bagdad hat nichts, absolut nichts getan, um den 120 000 Christen zu helfen, die vor den Terroristen geflohen sind", sagte Warda am Sonntag der Geschäftsführerin des katholischen Hilfswerks "Kirche in Not", Karin Maria Fenbert, die sich drei Tage lang mit einer internationalen Delegation des Hilfswerks über mögliche Flüchtlingsprojekte in Erbil, dem Regierungssitz der kurdischen Autonomieregierung, informiert hatte.

Warda berichtete weiter, die vertriebenen Christen seien heute noch mehr um ihre Zukunft besorgt als bei ihrer Ankunft in Erbil vor zwei Monaten. Die meisten hätten in seiner Diözese und der Region rund um die Stadt Dohuk Zuflucht gefunden, nachdem sie im August aus ihren Häusern in Mossul und den Dörfern der Ninive-Ebene vertrieben worden waren. Als die Milizen des "Islamischen Staats" vorgerückt waren, hätten sie all ihren Besitz zurücklassen müssen. "Unsere muslimischen Führer haben es versäumt, die Gewalt, die im Namen des Islam verübt worden ist, uneingeschränkt zu verurteilen", kritisierte der Erzbischof. "Das hat dazu geführt, dass alle Christen aus ihrer uralten biblischen Heimat vertrieben wurden." Nachdem es wiederholt dazu gekommen war, dass langjährige muslimische Nachbarn die Häuser von Christen sofort nach deren Flucht geplündert hatten, fühlten sich die Christen nun von ihren Landsleuten "verraten". "Ein Vertriebener aus Mossul hat mir erzählt, dass sein Nachbar ihn angerufen und damit geprahlt habe, sein Haus geplündert und die Hälfte des gestohlenen Besitzes an den 'IS' gespendet zu haben – wie kann man da über eine Rückkehr nachdenken? Wie soll man mit solchen Menschen noch zusammenleben?"

Es sei daher immer wahrscheinlicher, dass die vertriebenen Christen den Irak für immer verlassen wollten. "Die traurige Wahrheit ist, dass die Christen keinerlei Unterstützung von der irakischen Zentralregierung erhalten haben", betonte Warda. Das sei insbesondere bemerkenswert, als die Regierung sonst die erste Stelle gewesen sei, die die Verantwortung für Flüchtlinge übernommen habe. "Ich klage diese Zentralregierung an, dass sie ihre Verpflichtungen gegenüber dem Volk nicht erfüllt hat. Denn sie hat für die Flüchtlinge viel Hilfe von der internationalen Gemeinschaft erhalten. Bei den Christen vor Ort ist aber davon nichts angekommen", unterstrich der Erzbischof. "Bagdad hilft nur vertriebenen Muslimen, aber keinen Christen." Die kurdische Regionalregierung in Erbil habe darüber hinaus von Beginn der Krise an klargestellt, dass sie keine finanzielle Hilfe anbieten könne, da die Hilfsgelder aus Bagdad seit dem 1. Januar 2014 eingestellt worden seien.

Erzbischof Warda hatte deshalb gemeinsam mit anderen irakischen Bischöfen ein Hilfsprogramm für die Flüchtlinge begonnen und beklagte sich, dass die Hilfe für Christen ausschließlich der Kirche zugefallen sei. "Wir werden die Stimmen der Solidarität nicht vergessen, die vom ersten Tag dieser Tragödie für uns gesprochen haben", betonte Warda. "Christliche Hilfsorganisationen, wie zum Beispiel 'Kirche in Not', haben uns von Anfang an geholfen, und das Wichtige ist: Sie bleiben bei uns, auch wenn die Schlagzeilen zu einem anderen Thema übergegangen sind." "Kirche in Not" hilft zurzeit unter anderem mit einem Soforthilfeprogramm im Nordirak, mit dem für die Flüchtlinge Nahrungsmittel und Notunterkünfte bereitgestellt werden.

"Für uns ist die Vertreibung von Christen aus Mossul und der Ninive-Ebene nicht nur ein Schock: Es ist ein Völkermord!", sagte Erzbischof Warda weiter. "Es war ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit." Ihn beunruhige, dass sich irakische Muslime nicht klar vom "Islamischen Staat" distanzierten. "Sie scheinen ausschließlich darüber besorgt, dass die Angriffe den internationalen Ruf des Islam beschädigt haben."

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