{"id":1047,"date":"2016-06-23T07:30:20","date_gmt":"2016-06-23T05:30:20","guid":{"rendered":"http:\/\/localhost\/christenverfolgung\/korruption-und-boko-haram-html\/"},"modified":"2023-02-23T11:49:02","modified_gmt":"2023-02-23T10:49:02","slug":"korruption-und-boko-haram-html","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kircheinnot.at\/christenverfolgung\/korruption-und-boko-haram-html\/","title":{"rendered":"Korruption und Boko Haram"},"content":{"rendered":"<p>Interview mit Erzbischof Ignatius Ayau Kaigama aus Nigeria.&nbsp;Nigeria ist Afrikas bev\u00f6lkerungsreichstes Land. Von den insgesamt rund 170 Millionen Nigerianern sind etwa 20 Millionen Katholiken. Die Terrorgruppe Boko Haram und die Korruption sind aktuell die gr\u00f6\u00dften Herausforderungen des Landes. Wie die Kirche mit diesen Problemen umgeht, erkl\u00e4rt der Vorsitzende der nigerianischen Bischofskonferenz, Erzbischof Ignatius Kaigama, im Interview w\u00e4hrend seines Besuches bei der internationalen Hilfsorganisation Kirche in Not.<\/p>\n<p><strong>KIRCHE IN NOT: Vergangenes Jahr fanden in Nigeria die Pr\u00e4sidentschaftswahlen statt. K\u00f6nnen Sie uns die politische Ausgangssituation vor diesen wichtigen Wahlen beschreiben?<\/strong><\/p>\n<p>Erzbischof Kaigama: Vor den Wahlen haben die Pessimisten sogar den Zerfall Nigerias vorhergesagt. Doch die Wahlen verliefen friedlich und zum ersten Mal in der Geschichte des Landes wurde ein amtierender Pr\u00e4sident geschlagen und akzeptierte seine Niederlage. Von der neuen Regierung haben viele einen Wechsel erwartet, weil bis dahin nicht alles gut war. Besonders die Korruption machte das Leben f\u00fcr die Nigerianer elend. Wir brauchten einen Wechsel, und dieser Wechsel kam in der Person von Pr\u00e4sident Muhammadu Buhari. Er ist jetzt ungef\u00e4hr ein Jahr im Amt, und wir wollen ihm eine Chance geben, dass er seine Versprechen, gegen die Korruption und gegen den Terrorismus zu k\u00e4mpfen, in die Tat umsetzen wird.<\/p>\n<p><strong>Als Vorsitzender der nigerianischen Bischofskonferenz haben Sie dem Pr\u00e4sidenten eine Botschaft geschrieben, in der Sie forderten, dass Nigeria ein \u201emultireligi\u00f6ser Staat\u201c bleiben soll, wo jeder seinen Glauben frei praktizieren kann. Ist die Religionsfreiheit in Nigeria bedroht?<\/strong><\/p>\n<p>Vor den Wahlen gab es immer wieder Nachrichten, dass dieser Pr\u00e4sidentschaftskandidat ein religi\u00f6ser Eiferer sei, der die Islamisierung Nigerias vorantreiben wolle. Die katholischen Bisch\u00f6fe luden ihn deshalb kurz vor den Wahlen ein und wir fragten ihn ganz direkt: \u201eSind Sie ein religi\u00f6ser Eiferer?\u201c Er verneinte und sagte uns, es sei t\u00f6richt zu glauben, dass in Nigeria eine Religion \u00fcber eine andere dominieren k\u00f6nne. Die Menschen sollen ihre Religion frei praktizieren k\u00f6nnen ohne Diskriminierung und ohne die Feindschaft, die wir in der Vergangenheit erlebt haben.<\/p>\n<p><strong>Wie sieht es mit der religi\u00f6sen Bildung und der Bau von Kirchen in Nigeria aus? Gibt es dort eine Ungleichheit?<\/strong><\/p>\n<p>Auf dem Niveau der Bundesl\u00e4ndern \u2013 besonders im \u00fcberwiegend muslimischen Norden \u2013 sieht die Praxis leider so aus. Man findet Anzeichen der Diskriminierung. Beispielsweise haben die muslimischen Sch\u00fcler eigene Moscheen, w\u00e4hrend die Christen ihren Gottesdienst in Klassenr\u00e4umen abhalten m\u00fcssen. F\u00fcr die Muslime gibt es Religionsunterricht, aber was ist mit den Christen? Sie haben nicht die gleichen M\u00f6glichkeiten. Au\u00dferdem macht die Regierung es den Christen im Norden nicht einfach, neue Kirchen zu bauen, und die Christen haben keine Erlaubnis, \u00fcberhaupt Land privat zu erwerben. Diese Diskriminierung ist nicht hilfreich. Wenn man den Christen aufgrund von engstirnigen religi\u00f6sen Vorurteilen keinen Zugang zu einer christlichen Ausbildung gew\u00e4hrt, dann ist das \u00fcberhaupt nicht hilfreich. Es ist sogar sch\u00e4dlich. Denn wir schaffen dadurch Menschen ohne Glauben, ohne fundierte Moral, die gef\u00e4hrlich f\u00fcr die Gesellschaft sein k\u00f6nnen. Wir wollen, dass jeder in seinem Glauben und seiner religi\u00f6sen Identit\u00e4t gest\u00e4rkt wird, sodass bessere B\u00fcrger f\u00fcr die Gesellschaft entstehen.<\/p>\n<p><strong>Ihre Botschaft an den Pr\u00e4sidenten betraf auch die Korruption und die Terrorgruppe Boko Haram. Warum halten Sie diese beiden f\u00fcr gleich gef\u00e4hrlich?<\/strong><\/p>\n<p>Weil sie so gef\u00e4hrlich sind. Sie untergraben die Einheit und die ganze Identit\u00e4t des Landes. Wenn man Boko Haram erlaubt, erfolgreich zu sein, dann destabilisiert man das Land. Nigeria ist dann nicht l\u00e4nger Nigeria, das gro\u00dfartige Land, das es sein sollte. Die Korruption gibt es schon l\u00e4nger als Boko Haram und sie verursacht die gleiche Art von Schaden. Sie frisst sich tief in das System, verhindert jeden Fortschritt, sie destabilisiert die Regierungsarbeit und sie f\u00f6rdert Not und Elend, aus denen wiederum Gewalt und Konflikte entstehen. Wir glauben, dass Pr\u00e4sident Buhari diese fundamentalen Probleme angeht.<\/p>\n<p><strong>Denken Sie, der Pr\u00e4sident ist auf dem richtigen Weg, um Boko Haram zu besiegen?<\/strong><\/p>\n<p>Absolut. Wir haben seit langem f\u00fcr das bedr\u00e4ngte Nigeria gebetet. Wir haben auch ein Gebet gegen die Korruption verfasst. Wir haben es jahrelang gebetet und ich glaube, Gott hat unsere Gebete erh\u00f6rt. Gegen die Korruption wird vorgegangen, Boko Haram wird bek\u00e4mpft. Unsere Gebete wurden beantwortet.<\/p>\n<p><strong>Wenn man \u00fcber Boko Haram spricht, denkt man gleich an die entf\u00fchrten M\u00e4dchen aus Chibok im April 2014. Wie ist die aktuelle Lage der M\u00e4dchen, von denen ein paar entkommen konnten?<\/strong><\/p>\n<p>Das ist eine traurige Geschichte, die das Herz jedes Nigerianers bluten l\u00e4sst, weil diese rund 200 unschuldigen Schulm\u00e4dchen entf\u00fchrt wurden. Sie wurden ihren Familien weggenommen. Wir beten daf\u00fcr, dass es gut ausgeht. Die Regierung hat auch versucht, diese M\u00e4dchen zu befreien. Aber es gab nur wenig Fortschritte, bis letzte Woche, als eines der M\u00e4dchen gerettet wurde. Sie hat ein Baby und beide wurden zu ihrer Familie zur\u00fcck gebracht. Kurz danach hat auch der Pr\u00e4sident sie empfangen. Man konnte sehen, dass der Pr\u00e4sident sehr froh war, sie wieder zur\u00fcck zu haben. Wir sind nun optimistischer als vorher, dass mit Gottes Hilfe noch mehr M\u00e4dchen zur\u00fcckkommen.<\/p>\n<p><strong>In den Medien wurde kritisiert, dass die befreiten M\u00e4dchen nicht so warmherzig empfangen wurden, sondern mit Argwohn betrachtet werden, weil sie manchmal mit dem Baby eines Terroristen heim kommen. Ist das wirklich ein Problem oder \u00fcbertreiben die Medien?<\/strong><\/p>\n<p>Stigmatisierung ist ein Problem, besonders in den D\u00f6rfern, wo der Bildungsstand der Menschen nicht so hoch ist. Sie denken: \u201eDiese M\u00e4dchen wurden sicherlich indoktriniert, sie wurden gewaltsam zum Terrorismus erzogen, also m\u00fcssen wir uns von ihnen entfern halten\u201c. Aber wenn man dar\u00fcber nachdenkt, l\u00e4sst die Vernunft erkennen, dass es nicht die Schuld der M\u00e4dchen war. Sie haben Schlimmes erlitten und sie sollten als die Heldinnen gesehen werden, die sie sind.<\/p>\n<p><strong>Wenn die katholische Kirche so pr\u00e4sent ist in Nigeria, warum beteiligen sich auch Katholiken an der Korruption?<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe keine Ahnung, warum sie das machen. Aber als Priester f\u00fcrchte ich die Korruption. Christen sind daran genauso beteiligt wie Muslime. Es ist ein nationales Problem, gegen das vorgegangen werden muss. Die Korruption hat dieses Land zur\u00fcckgeworfen. Warum sind die Leute so egoistisch, so selbsts\u00fcchtig, und trotzdem reden wir vom Christentum oder Islam. Die Werte unserer Religionen sollten etwas ver\u00e4ndern zum Wohle aller. Pr\u00e4sident Buhari versucht, die korrupte Vergangenheit aufzuarbeiten. Wir als Kirche versuchen den Familien positive Werte zu vermitteln. Es ist so ein gro\u00dfes Problem, dass es Zeit braucht, um es zu \u00fcberwinden.<\/p>\n<p><strong>Zum Schluss etwas Positives: In Ihrer Erzdi\u00f6zese haben Sie mehr als 300 Sch\u00fcler im Studienseminar und etwa 60 Priesteranw\u00e4rter im Theologischen Seminar.<\/strong><\/p>\n<p>Wir danken Gott f\u00fcr das Geschenk der Berufungen. Es kann sein, dass ich von 50 oder 60 Bewerbungen in der Erzdi\u00f6zese Jos nur 12 oder 14 nehmen kann. Und das nach einem sehr strengen Auswahlverfahren. Wir nehmen das sehr ernst. Wir sind beschenkt mit Berufungen, unsere Kirchen sind voll, und wir danken Gott daf\u00fcr. Darum bin ich hier bei KIRCHE IN NOT, um meinen Dank auszudr\u00fccken, f\u00fcr die gro\u00dfe Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Bildung unserer Seminaristen und Katecheten. Selbst in sehr schweren Zeiten war die Hilfsorganisation f\u00fcr uns da. Wir sind zutiefst dankbar. Wir wollen auch die Geste erwidern, die uns die Missionare aus Europa gebracht haben. Nun sind wir komplett missioniert und wir sp\u00fcren, dass wir etwas zu geben haben. Der Westen sollte keine Angst haben, uns um Hilfe zu bitten. Wir sind gewillt mit unseren Priestern zu helfen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview mit Erzbischof Ignatius Ayau Kaigama aus Nigeria.&nbsp;Nigeria ist Afrikas bev\u00f6lkerungsreichstes Land. Von den insgesamt rund 170 Millionen Nigerianern sind etwa 20 Millionen Katholiken. Die Terrorgruppe Boko Haram und die Korruption sind aktuell die gr\u00f6\u00dften Herausforderungen des Landes. 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