{"id":1105,"date":"2016-09-20T07:53:19","date_gmt":"2016-09-20T05:53:19","guid":{"rendered":"http:\/\/localhost\/christenverfolgung\/gefangenschaft-von-boko-haram-html\/"},"modified":"2023-02-23T11:48:50","modified_gmt":"2023-02-23T10:48:50","slug":"gefangenschaft-von-boko-haram-html","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kircheinnot.at\/christenverfolgung\/gefangenschaft-von-boko-haram-html\/","title":{"rendered":"In Gefangenschaft von Boko Haram"},"content":{"rendered":"<p>Rebecca wurde zwei Jahre von den Terroristen gefangen gehalten: Sie kerhte am 5. September in ihre Heimatstadt Maiduguri zu ihrem Ehemann zur\u00fcck. In der Zwischenzeit gebar sie ein Kind, dessen Vater ein Mitglied von Boko Haram ist.&nbsp;Die Familie von Bitrus Zachariah und seiner Frau Rebecca hat eine traurige Geschichte zu erz\u00e4hlen, denn sie alle gerieten am 21. August 2014 in einen grausamen Angriff durch Boko Haram, der der massiven Offensive und der vollst\u00e4ndigen Besetzung von Baga durch die Terroristen im Jahr 2015 voranging.&nbsp;<\/p>\n<p>Mit einem tr\u00fcben Blick und einem tiefen Gef\u00fchl der Depression erz\u00e4hlt Rebecca dem Priester Gideon Obasogie, auch Direktor f\u00fcr Kommunikation der Di\u00f6zese von Maiduguri, wie Boko Haram die Stadt Baga st\u00fcrmte. In gro\u00dfer Verwirrung floh sie zusammen mit ihrem Ehemann und den zwei S\u00f6hnen, dem dreij\u00e4hrigen Zachariah und dem einj\u00e4hrigen Jonatan, aus ihrem sch\u00f6nen Zuhause. Sie war schwanger. Sechs Monate sp\u00e4ter verlor sie das ungeborene Kind aufgrund der unmenschlichen Bedingungen, denen sie durch die Terroristen ausgesetzt war. Als sie flohen, wurde ihr Mann zur Zielscheibe der K\u00e4mpfer. Er konnte nicht schnell laufen, weil er seinen Sohn trug. Da Rebecca starke Schmerzen hatte, flehte sie ihn an, um sein Leben zu laufen und seine Familie zur\u00fcckzulassen. Bitrus befolgte ihren Rat und lief los, um sich im Geb\u00fcsch zu verstecken. Dorthin kamen die K\u00e4mpfer von Boko Haram auf ihrer Verfolgungsjagd und schossen willk\u00fcrlich. Bitrus hatte Gl\u00fcck. Bewegt erz\u00e4hlte er, dass keine Kugel ihn auch nur streifte. Bitrus lief dann weiter und fragte sich, was aus seiner Frau geworden sei, da die K\u00e4mpfer in ihre Richtung zur\u00fcckgekehrt waren.<\/p>\n<p>Als er seine Geschichte erz\u00e4hlte, schaute er seine Frau mit einem Gef\u00fchl tiefer Scham an, da er in diesem verzweifelten Augenblick ihres Lebens f\u00fcr sie kein Held gewesen war. Mit wieder erstarkter Hoffnung machte sich Bitrus auf den Weg nach Mongonu. Er versprach sich davon, nach einiger Zeit seine Familie wiederzufinden, so Gott sie am Leben erhalten h\u00e4tte. 15 Tage lang wartete er in Mongonu und hielt voller Hoffnung auf die Ankunft seiner Frau Ausschau in Richtung Baga. Beim tagelangen Warten sah er viele Menschen aus Baga eintreffen. Er sagt w\u00f6rtlich: \u201eIch fragte sie immer wieder, ob sie etwas \u00fcber den Aufenthaltsort meiner Frau w\u00fcssten, aber keiner konnte mir gute Nachrichten bringen. Ich wurde depressiv, hatte starke Migr\u00e4ne, und mein Blutdruck stieg stark an. Es waren da einige Soldaten, die mir Unterschlupf gew\u00e4hrten, so dass ich mein Haupt irgendwohin betten konnte, und die mir etwas Geld gaben, das ich dazu verwandte, nach Maiduguri zu fahren. Mein Onkel in Maiduguri bat mich inst\u00e4ndig, nicht den Mut zu verlieren. Er brachte mich zur Behandlung ins Krankenhaus. Er versuchte, mir Hoffnung zu machen, aber er konnte meine Alptr\u00e4ume und mein Herzweh nicht vertreiben. Meine Familie und alles, was ich jemals gehabt hatte, hinter mir zu lassen, war eine Erfahrung, die ich nicht so einfach verwinden konnte.\u201c<\/p>\n<p><strong>REBECCAS GESCHICHTE<\/strong><\/p>\n<p>\u201cAls die M\u00e4nner von Boko Haram zu mir kamen, bedrohten sie mich und sagten: \u201eWenn wir deinen Mann get\u00f6tet h\u00e4tten, dann h\u00e4tten wir vor Allah einen Verdienst erworben, aber da Allah das nicht zugelassen hat, wirst du mit deinen Kindern mitkommen und f\u00fcr Allah arbeiten!\u201c Danach schlugen sie mich mit einem gro\u00dfen Gewehr, das mir einige Z\u00e4hne ausschlug.\u201c&nbsp;Als sie gefragt wird, was dann geschehen sei, bricht Rebecca in Tr\u00e4nen aus und schaut mich durchdringend an. Ich verzog ein bisschen meinen Mund zu einem freundlichen L\u00e4cheln, dann ermutige ich sie fortzufahren.&nbsp;<\/p>\n<p>Rebecca beruhigt sich wieder und sagt, danach habe ihr Alptraum angefangen. Nachdem die K\u00e4mpfer von Boko Haram alle M\u00e4nner get\u00f6tet h\u00e4tten, die sie gefangen genommen hatten, trieben sie Rebecca und ihre beiden S\u00f6hne in den Tschadsee. Den See zu durchqueren war eine schlimme Reise, mit Wasser, das ihr bis zum Hals stand. Sie waren sechs Tage lang unterwegs, um den See zu durchqueren, und man gab ihnen Chin-Chin [NB: ein typisches nigerianisches Geb\u00e4ck] zu essen. Am siebten Tag kamen sie in einem Ort namens Kwalleram an, der im Herzen der Dornensavanne liegt. Sie blieben dort 53 Tage. Sie wurden gezwungen, f\u00fcr die Ehefrauen der M\u00e4nner zu waschen, s\u00fc\u00dfen Pfeffer zuzubereiten, die Pfade f\u00fcr ihre Mopeds freizumachen und f\u00fcr die Soldaten zu kochen. \u201eNach einiger Zeit brachten sie mich und meine S\u00f6hne nach Gurva in den Tschad, weil sie Angst hatten, ich k\u00f6nnte fliehen. Wir waren siebzig Tage in Gurva. Wir arbeiteten auf den Feldern und schnitten Feuerholz. In Gurva waren rund 2000 Boko Haram-K\u00e4mpfer.\u201d&nbsp;<\/p>\n<p><strong>IN DER STADT TILMA&nbsp;<\/strong><\/p>\n<p>\u201eIn Tilma brachte man mir die Nummer 69 am R\u00fccken an. Ich wei\u00df nicht wirklich, was sie bedeutete, und ich habe nie danach gefragt. Sie verkauften mich an einen Mann namens Bage Guduma. Ich verbrachte 55 Tage bei ihm. Man gab mir Palmfr\u00fcchte, aber Gott sei Dank a\u00df ich nicht davon. Dies h\u00e4tte zu einem Rausch f\u00fchren k\u00f6nnen und mich in Folge dessen meiner Sinne berauben k\u00f6nnen. Ich gab ihm nicht nach, und die meisten N\u00e4chte, in denen er mich ber\u00fchren wollte, nahm ich die Ausscheidungen meiner Kinder und rieb meinen K\u00f6rper damit ein. Dies hielt ihn immer von mir fern, auch wenn seine Jungen mich stets erbarmungslos verpr\u00fcgelten. Sie lie\u00dfen mich drei Wochen lang ein Loch graben, bis ich das Grundwasser erreichte. Jeden Tag peitschten sie mich mit 98 Schl\u00e4gen aus. Ich war zwei Wochen lang krank. Dann nahmen sie meinen zweiten Sohn Jonathan und warfen ihn in den Tschadsee. Er versank noch lebendig.\u201c Dies sagt sie mit tiefem Kummer, und dicke Tr\u00e4nen rannen \u00fcber ihre Wange. Alle diese schrecklichen Dinge wurden Rebecca zugef\u00fcgt, weil sie sich weigerte, ihren K\u00f6rper hinzugeben.<\/p>\n<p><strong>MALLA \u2013 DER VATER DES SOHNES, DEN ICH DANN BEKAM<\/strong><\/p>\n<p>\u201eMalla war der zweite Mann, den sie zu mir brachten. Sie zwangen mich dazu, mit ihm zu schlafen. Als ich mich widersetzte, warfen sie mich in ihr Gef\u00e4ngnis, eine tiefe Grube. Ich verbrachte zwei Tage in der Grube, ohne Wasser und Nahrung. Als ich rauskam, nahm mich Malla mit roher Gewalt. Als ich sah, dass meine Periode ausblieb, wusste ich, dass ich schwanger war. Ich suchte Paracetamol und nahm zehn Tabletten auf einmal, um der Schwangerschaft ein Ende zu setzen. Aber das klappte nicht. Dann bat mich eine Frau \u2013 die Ehefrau eines Pastors, die aus Gwoza entf\u00fchrt worden war \u2013 inst\u00e4ndig darum, mich nicht wegen der Schwangerschaft umzubringen. Sie hatte schon zwei Kinder von Boko Haram. Dies ermutigte mich, die Schwangerschaft bis zu der Entbindung durchzustehen. Ich verging fast vor Hunger. Als ich niederkam, kam mir niemand zur Hilfe. Ich schnitt die Placenta selbst und mit gro\u00dfen Schmerzen ab. Ich erhielt keinerlei medizinische Versorgung. Sie nannten meinen Sohn Ibrahim. Sie liebten ihn, weil er ein Junge ist. Sie wollen Frauen, die m\u00e4nnlichen Nachwuchs geb\u00e4ren. Malla, der Vater, ein Mitglied von Boko Haram, der auf Reisen gewesen war, kehrte sechs Wochen nach der Geburt meines Kindes zur\u00fcck. Ich hatte mit ihm nichts mehr zu tun, denn sie hatten versprochen, mich einem anderen Mann zu verkaufen.\u201c<\/p>\n<p><strong>MIT KUMMERVOLLEM SINN<\/strong><\/p>\n<p>Sie sahen im Laufe der vergangenen zwei Jahre und einiger Monate schreckliche und be\u00e4ngstigende Dinge. Sie erlebten es oft, dass Menschen, die zu fliehen versuchten, zu Tode kamen. Es gab dort einen Benjamin, einen Igbo-Mann, der fliehen wollte, der aber aufgegriffen wurde und dem beide Beine gebrochen wurden. Sie lie\u00dfen ihn mit schlimmen Schmerzen liegen. Sie wurden gezwungen, zwischen 7 und 10 Uhr morgens, zwischen 12 und 14 Uhr und zwischen 16 und 18 Uhr an ihren Gebeten und Lesungen teilzunehmen. Sie t\u00f6teten einige Christen, die es ablehnten, mit ihnen gemeinsam zu beten. Sie sch\u00e4ndeten M\u00e4dchen von acht oder neun Jahren und vergewaltigten sie zu Tode.&nbsp;<br \/><strong><br \/>MEINE FLUCHT<\/strong><\/p>\n<p>Eines sch\u00f6nen Tages, als die meisten K\u00e4mpfer von Boko Haram weggefahren waren, erhielt Rebecca von einem weiblichen Mitglied von Boko Haram, wahrscheinlich der Ehefrau eines Befehlshabers, die Erlaubnis, eine Freundin in einem anderen unter der Kontrolle von Boko Haram stehenden Gebiet zu besuchen. Als es ihr gestattet wurde, machte sie sich nach Maitele auf, einer kleinen Ortschaft vielleicht in der N\u00e4he des Tschad. Sie liefen sechs Tage lang zu Fu\u00df in Richtung der nigerianischen Grenze. Ihr Sohn wurde krank, weil es an Wasser und Nahrung mangelte. Gottlob gab es dann einen heftigen Regenschauer, der ihre Kr\u00e4fte wiederbelebte und erneuerte, um diese Reise, die f\u00fcr viele zu einem unbekannten Ziel gef\u00fchrt h\u00e4tte, fortzusetzen. Rebecca kannte zwar nicht den Weg, auf dem sie sich befand, aber sie lief mit gro\u00dfer Hoffnung und dem Glauben, sicher anzukommen, weiter. Sie kamen in Diffa an, wo sie auf einige Angeh\u00f6rige der US-Armee und der Armee des Niger trafen, die ihren Sohn behandelten und ihnen dann etwas Brot zu essen gaben. Nach einiger Zeit brachten diese sie zu einigen nigerianischen Soldaten in Damaturu. \u201eDie Soldaten waren ganz wunderbar. Sie brachten mich direkt zu meinem Ehemann in Maiduguri City.\u201d<\/p>\n<p><strong>MEIN NEUER SOHN IBRAHIM<\/strong><\/p>\n<p>Bitrus, der Ehemann von Rebecca, sagt in einem ruhigen und doch verst\u00f6rten Ton: \u201eMeine Frau mit einem Sohn von einem Vater zu sehen, der Boko Haram angeh\u00f6rt, ver\u00e4ngstigt mich sehr. Ich war sehr gl\u00fccklich, meine Frau zu sehen, aber der Sohn l\u00e4sst mir das Herz brechen. Gebe Gott, dass ich ihn lieben kann. Doch er ist der Sohn einer Schlange\u201c, erkl\u00e4rt Bitrus mit erbittertem Zorn. Rebecca sagte mit gemischten Gef\u00fchlen, der kleine Ibrahim sei ihr Sohn, trotz seines b\u00f6sen Vaters. Sie hat mehrfach versucht, das Kind der Regierung zu \u00fcberlassen, aber Soldaten baten sie, damit zu warten, weil das Kind nur acht Monate alt sei.&nbsp;<br \/>Rebecca, deren Eltern in Kamerun sind, hat ihren Mann angefleht, sie aufzunehmen, so wie sie ist, aber wenn er z\u00f6gere, so sagt sie in hoffnungslosem Ton, \u201edann werde ich ihm seinen Sohn \u00fcberlassen und zu meinen Eltern gehen.\u201c<\/p>\n<p><strong>DIE ZUKUNFT&nbsp;<\/strong><\/p>\n<p>Bitrus und seine Familie befinden sich in der Obhut der katholischen Di\u00f6zese von Maiduguri. Bischof Oliver Doeme sorgt f\u00fcr sie, seitdem sie in ein unfertiges Fl\u00fcchtlingslager eingezogen sind, wo \u00fcber 500 IDPs (Binnenfl\u00fcchtlinge) untergebracht sind. Mit Gebeten, Solidarit\u00e4t und der finanziellen Unterst\u00fctzung werden sie bald das B\u00f6se und den Schmerz der Vergangenheit vergessen. Die Di\u00f6zese hat Rebecca mit Lebensmittelnothilfe versorgt und hofft, die Hilfe weiterf\u00fchren zu k\u00f6nnen. Im Moment ist die Familie an einem moralischen Scheideweg. Sie brauchen sorgf\u00e4ltige medizinische Versorgung, Kleidung, eine sichere Unterkunft und eine Bettstatt, auf die sie ihr aufgew\u00fchltes Haupt betten kann. Die Zeit heilt viele Wunden, aber Rebecca br\u00e4uchte eine systematische Traumabehandlung. Und ihr Sohn Zachariah, der jetzt sechs Jahre alt ist, m\u00fcsste in die Schule gehen. Sie ist wirklich eine Frau, die stark ist im Glauben!<\/p>\n<p>Die P\u00e4pstliche Stiftung &#8222;Kirche in Not&#8220; hat in Nigeria im Jahr 2015 Projekte f\u00fcr mehr als anderthalb Millionen Euro finanziert. Seit 2014 unterst\u00fctzt &#8222;Kirche in Not&#8220; auch Nothilfeprojekte f\u00fcr die Opfer von Boko Haram, f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge in Kamerun und Nigeria, auch in der Di\u00f6zese Maiduguri.<\/p>\n<p>Von Gideon Obasogie (Priester in Maiduguri) f\u00fcr Kirche in Not<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rebecca wurde zwei Jahre von den Terroristen gefangen gehalten: Sie kerhte am 5. September in ihre Heimatstadt Maiduguri zu ihrem Ehemann zur\u00fcck. 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