{"id":119,"date":"2013-04-18T09:30:50","date_gmt":"2013-04-18T07:30:50","guid":{"rendered":"http:\/\/localhost\/christenverfolgung\/erzbischof-kaigama-im-interview-html\/"},"modified":"2023-02-23T14:00:43","modified_gmt":"2023-02-23T13:00:43","slug":"erzbischof-kaigama-im-interview-html","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kircheinnot.at\/christenverfolgung\/erzbischof-kaigama-im-interview-html\/","title":{"rendered":"Erzbischof Kaigama im Interview"},"content":{"rendered":"<p><em><span>Am 23. April wird das weltweite katholische Hilfswerk &#8222;Kirche in Not&#8220; unter dem Titel &#8222;Christen in gro\u00dfer Bedr\u00e4ngnis&#8220; seine aktuelle Dokumentation \u00fcber die Diskriminierung und Verfolgung von Christen weltweit vorstellen. Der Bericht mit Stand 2013 beleuchtet unter anderem die schwierige interreligi\u00f6se Situation in Nigeria. \u00dcber die vielf\u00e4ltigen Konflikte im Land und deren Ursachen hat &#8222;Kirche in Not&#8220; mit dem Erzbischof von Jos, Ignatius Kaigama, gesprochen.<\/span><\/em><span><\/p>\n<p><strong>Ihre Erzdi\u00f6zese Jos liegt im Herzen Nigerias. Der Norden ist mehrheitlich von Muslimen bewohnt, w\u00e4hrend im S\u00fcden \u00fcberwiegend Christen leben. Kann man daher sagen, dass in Jos unterschiedliche Zivilisationen aufeinander prallen?<\/strong><\/p>\n<p> Genau. Meine Di\u00f6zese liegt inmitten eines \u00dcberlebenskampfes und eines kulturellen Kampfes zwischen dem Norden und dem S\u00fcden Nigerias. Bei diesem Kampf spielt auch die Religion eine zentrale Rolle. Das Aufeinandertreffen des muslimisch gepr\u00e4gten Nordens und des christlich gepr\u00e4gten S\u00fcdens kann friedlich verlaufen; es kann aber auch zu gewaltt\u00e4tigen Ausschreitungen kommen. Leider wurden wir bereits Zeugen von Gewalt.<\/p>\n<p> <strong>Wie sieht es gegenw\u00e4rtig in Ihrer Di\u00f6zese aus?<\/strong><\/p>\n<p> In unserer Di\u00f6zese sind wir mit verschiedenen Krisen konfrontiert. Zu Beginn bestand ein verheerendes Missverst\u00e4ndnis zwischen der Volksgruppe der Hausa und den anderen ethnischen Gruppen in Jos. Beide Fraktionen behaupten, dass Jos ihnen geh\u00f6re. Die Hausa argumentieren: &#8222;Wir haben die Stadt Jos gegr\u00fcndet.&#8220; Und die anderen halten dagegen: &#8222;Ihr seid aus den n\u00f6rdlichen Bundesstaaten Kano und Sokoto gekommen. Ihr seid nur nach Jos gekommen, um Handel zu treiben oder im Bergbau zu arbeiten.&#8220; Dieser Streit hat seit 2001 eine gro\u00dfe Krise mit vielen Toten herbeigef\u00fchrt. Zwischen unseren ethnischen Gruppen hat sich enorm viel Misstrauen aufgebaut. Die Volksgruppe der Hausa ist dabei nahezu vollst\u00e4ndig muslimisch; die anderen ethnischen Gruppen sind dagegen fast ausschlie\u00dflich christlich. So liegt es nahe, diese ethnische Krise auf die Religion zur\u00fcckzuf\u00fchren, und leider wurde der Konflikt tats\u00e4chlich auch religi\u00f6s interpretiert. Das f\u00fchrte zu noch mehr Misstrauen und Gewalt zwischen Christen und Muslimen.<\/p>\n<p> <strong>Im Norden Nigerias ist die militante Sekte &#8222;Boko Haram&#8220; aktiv. Wie gro\u00df ist die Bedrohung, die von ihr ausgeht?<\/strong><\/p>\n<p> Der Wunsch, zu missionieren und dadurch mehr Mitglieder zu bekommen, liegt in der Natur jeder Religion begr\u00fcndet. Ich verstehe darum, dass der Islam an Boden gewinnen und mehr Bekehrungen erzielen will. Das will das Christentum ja auch. Manchmal erfolgt diese Glaubensweitergabe auf friedlichem Weg \u2013 zum Beispiel dadurch, dass wir Christen in Nigeria unseren Glauben einfach als Zeugen leben. Doch einige wollen anderen ihren Glauben aufzwingen. Wenn aber in Glaubenssachen Zwang mitspielt, ist Gewalt unvermeidbar. Aufgrund religi\u00f6ser Intoleranz werden Menschen in Nordnigeria diskriminiert. Das macht sie gewaltbereit. Religi\u00f6se Intoleranz ist eine tickende Zeitbombe: Wenn sie explodiert, wird jeder Nigerianer die schrecklichen Konsequenzen zu sp\u00fcren bekommen. Die islamistische Sekte &#8222;Boko Haram&#8220; hat sich das Ziel gesteckt, jeden Nigerianer zum Islam zu bekehren. Auch den Pr\u00e4sidenten von Nigeria dr\u00e4ngen sie zur Konversion. Wenn man eine fl\u00e4chendeckende Missionierung in einem multiethnischen und multireligi\u00f6sen Land von 160 Millionen Einwohnern anstrebt, beschw\u00f6rt man eine verheerende Krise herauf.<\/p>\n<p> <strong>Haben die Extremisten so etwas wie eine Strategie f\u00fcr die Islamisierung Nigerias oder operieren verschiedene fanatische Gruppen unabh\u00e4ngig voneinander?<\/strong><\/p>\n<p> Die islamischen Fundamentalisten agieren unabh\u00e4ngig voneinander. Sie haben keine hierarchische Struktur wie wir sie in der Katholischen Kirche haben. Im Islam gibt es verschiedene Glaubensrichtungen. Es gibt auch mehrere Autorit\u00e4ten. Selbst die Sekte &#8222;Boko Haram&#8220; besteht aus mehreren Gruppen mit unterschiedlichen Ansichten. Daher glaube ich nicht, dass es einen einheitlichen Strategieplan gibt, um Nigeria zu islamisieren. Doch der Wunsch ist da.<\/p>\n<p> <strong>Wie beurteilen gem\u00e4\u00dfigte Muslime die geforderte Islamisierung? Haben sie Angst vor den Fanatikern?<\/strong><\/p>\n<p> Der Sultan von Sokoto, das Oberhaupt der Muslime Nigerias, hat klipp und klar gesagt, dass eine vollst\u00e4ndige Islamisierung Nigerias reines Wunschdenken ist. Praktisch ist sie nicht durchf\u00fchrbar. Denn Nigeria ist ein multikulturelles, multiethnisches und ein multireligi\u00f6ses Land mit 160 Millionen Einwohnern und mehr als 400 ethnischen Gruppen. Anstatt unsere Zeit damit zu verschwenden, \u00fcber ein muslimisches Nigeria nachzudenken, sollten wir uns darum bem\u00fchen, harmonisch zusammen zu leben und im sozialen Bereich Fortschritte zu machen.<\/p>\n<p> <strong>Welchen Einfluss hat der nordafrikanische &#8222;Arabische Fr\u00fchling&#8220; auf den Rest des Kontinents?<\/strong><\/p>\n<p> Der &#8222;Arabische Fr\u00fchling&#8220; wirkt sich direkt und indirekt auf uns alle in Afrika aus. Die Revolution war etwas Au\u00dfergew\u00f6hnliches; viele junge Leute haben sie auf den Weg gebracht. Es ist m\u00f6glich, dass wir so etwas erneut erleben. In den afrikanischen L\u00e4ndern ist die Korruption ein gro\u00dfes Problem. Die Funktion\u00e4re kreisen nur um sich selbst, k\u00fcmmern sich nicht um die jungen Leute und interessieren sich nicht f\u00fcr das Allgemeinwohl. So etwas bereitet den Boden f\u00fcr eine soziale Revolution. Hoffentlich bleibt es bei solch einer sozialen Revolution, etwa gegen Korruption, Jugendarbeitslosigkeit und unethisches Verhalten. Gef\u00e4hrlicher w\u00e4re eine Revolution der Religionen. Wir sollten auf eine soziale Revolution gefasst sein, denn die Jugend Afrikas ist sehr ver\u00e4rgert. Sie hat keine soziale Perspektive. Ich w\u00fcrde daher gerne eine friedliche Revolution erleben.<br \/> <strong><br \/> Welche Botschaft m\u00f6chten Sie an die Katholiken in Deutschland richten? Was k\u00f6nnen wir Deutsche tun, um Ihre Arbeit zu unterst\u00fctzen?<\/strong><\/p>\n<p> Als ich noch ein Seminarist im Priesterseminar war, bin ich meinen Wohlt\u00e4tern in Deutschland sehr dankbar gewesen. Denn sie finanzierten meine Priesterausbildung. Die meisten Kirchen, die wir in Nigeria gebaut haben, wurden mit Hilfe von &#8222;Kirche in Not&#8220; und anderen deutschen Hilfswerken finanziert. Als ich Bischof wurde und Kirchen und Pfarrh\u00e4user bauen wollte, hatte ich keine Mittel zur Verf\u00fcgung. Die gr\u00f6\u00dfte finanzielle Unterst\u00fctzung kam dann aus Deutschland. Daher k\u00f6nnen wir den gro\u00dfz\u00fcgigen und opferbereiten deutschen Katholiken nicht gen\u00fcgend danken.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 23. April wird das weltweite katholische Hilfswerk &#8222;Kirche in Not&#8220; unter dem Titel &#8222;Christen in gro\u00dfer Bedr\u00e4ngnis&#8220; seine aktuelle Dokumentation \u00fcber die Diskriminierung und Verfolgung von Christen weltweit vorstellen. 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