{"id":129,"date":"2013-04-26T07:35:33","date_gmt":"2013-04-26T07:35:33","guid":{"rendered":"http:\/\/localhost\/christenverfolgung\/christen-verlierer-des-arabischen-fruehlings-html\/"},"modified":"2023-02-23T13:58:16","modified_gmt":"2023-02-23T12:58:16","slug":"christen-verlierer-des-arabischen-fruehlings-html","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kircheinnot.at\/christenverfolgung\/christen-verlierer-des-arabischen-fruehlings-html\/","title":{"rendered":"Christen Verlierer des Arabischen Fr\u00fchlings"},"content":{"rendered":"<p><span>Libanesischer Caritas-Pr\u00e4sident im Gespr\u00e4ch mit KIRCHE IN NOT:&nbsp;<\/span>&#8222;Wir Christen sind die Verlierer des Arabischen Fr\u00fchlings&#8220;<span><br \/>\n<em>Mit zunehmender Dauer des B\u00fcrgerkriegs in Syrien spitzt sich die Lage der Zivilbev\u00f6lkerung im Land und der Fl\u00fcchtlinge in den Nachbarl\u00e4ndern immer mehr zu. Im Gespr\u00e4ch mit dem weltweiten katholischen Hilfswerk &#8222;Kirche in Not&#8220; gibt der Pr\u00e4sident der Caritas Libanon, Simon Faddoul, einen Einblick in die un\u00fcbersichtliche Lage in der Region und bittet die internationale Gemeinschaft um mehr Hilfe bei der L\u00f6sung des Konflikts.<\/em><\/span><\/p>\n<p><em><br \/>\n<\/em><em><\/em><strong>Herr Faddoul, in den westlichen Medien wird meist gesagt, dass der syrische Staatspr\u00e4sident Bashar Al-Assad inzwischen mit dem R\u00fccken zur Wand steht \u2013 ist das wahr?<\/strong><\/p>\n<p>Leider sind Ihre Medien mehr von politischen Wunschvorstellungen beeinflusst als von wirklichen Fakten. Jeder wei\u00df, dass heutzutage in Syrien \u00fcber 100 verschiedene Gruppierungen in Kampfhandlungen verwickelt sind. All diese Gruppierungen bek\u00e4mpfen zwar das Regime, aber nicht zusammen. Das hei\u00dft, die K\u00e4mpfe k\u00f6nnten zu jeder Zeit auch zwischen den Rebellengruppen ausbrechen \u2013 sp\u00e4testens, sobald das Regime zusammenbricht. Das Regime erscheint mir aber stark, die Armee weiterhin gr\u00f6\u00dftenteils vereint.<\/p>\n<p><strong>Was h\u00f6ren Sie \u00fcber die Lage der Menschen in den von den Rebellen kontrollierten Landesteilen?<\/strong><\/p>\n<p>Man kann nicht gerade sagen, dass die Menschen dort ihr Leben genie\u00dfen. Wir h\u00f6ren von Misshandlungen durch Rebellengruppen. In manchen Regionen sind islamistische Gruppierungen an der Macht, die von der christlichen Bev\u00f6lkerung &#8222;Dschizya&#8220; verlangen \u2013 das ist eine Zwangssteuer f\u00fcr &#8222;Ungl\u00e4ubige&#8220;, eine Art &#8222;Schutzgeld&#8220;. Die Christen und alle anderen Nicht-Muslime sind in diesen Regionen heute B\u00fcrger zweiter Klasse. Ein Bischof sagte mir, dass er Geld von den Wohlhabenden sammelt, um das Leben der \u00e4rmeren Christen zu retten. Das alles ist sehr traurig. Um nicht missverstanden zu werden: Ich sage nicht, dass das Regime im Recht ist. Nein, das Regime ist totalit\u00e4r, eine Diktatur und muss deshalb ge\u00e4ndert werden. Aber es ist bis jetzt v\u00f6llig unklar, was danach kommt. Denn wir wissen nicht einmal, wer in Syrien gegen wen und f\u00fcr was k\u00e4mpft. Diese Unsicherheit st\u00fctzt das Regime und h\u00e4lt viele Menschen davon ab, die Rebellen zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p><strong>Aber sind die islamistischen Kr\u00e4fte unter den Rebellen nicht eher eine extremistische Minderheit?<\/strong><\/p>\n<p>Wir wollen es hoffen, aber es muss nicht unbedingt eine Minderheit sein. Die Erfahrungen in Tunesien, \u00c4gypten, Irak und Libyen haben uns gelehrt, dass jene, von denen der Westen dachte, dass es nur Minderheiten seien, in der Lage waren, die Macht an sich zu rei\u00dfen und nun in der Regierung zu sitzen. In all diesen L\u00e4ndern wissen wir au\u00dferdem, dass die Bilanzen dieser islamistischen Regierungen furchtbar sind. Die Menschen in diesen L\u00e4ndern f\u00fchren heute ein noch miserableres Leben als vor dem &#8222;Arabischen Fr\u00fchling&#8220;. Das hei\u00dft nicht, dass wir die noch bestehenden autorit\u00e4ren Regime besch\u00fctzen sollten \u2013 aber der Wandel sollte doch bitte auf demokratisch-rechtsstaatlichen Grundlagen vor sich gehen und nicht aufgrund von religi\u00f6sen \u00dcberzeugungen. Die Staatsb\u00fcrgerschaft muss \u00fcber der Religionszugeh\u00f6rigkeit stehen.<\/p>\n<p><strong>Einen derart blutigen B\u00fcrgerkrieg wie in Syrien hat der &#8222;Arabische Fr\u00fchling&#8220; bisher allerdings bei aller Kritik nicht hervorgebracht \u2026<\/strong><\/p>\n<p>Wir konnten auch in Syrien beobachten, dass die Demonstrationen zun\u00e4chst sehr friedlich und geordnet abliefen. Das war wunderbar! Die Menschen haben nicht gek\u00e4mpft, egal wie sehr sie vom Regime angegriffen wurden. Doch genau diese gewaltt\u00e4tige Reaktion des Regimes auf die Demonstrationen hat die Proteste schlie\u00dflich zu Unruhen werden lassen. Heutzutage muss man leider sagen, dass der syrische B\u00fcrgerkrieg dschihadistische Z\u00fcge tr\u00e4gt. So sollte es auf keinen Fall sein. Unter den Rebellen gibt es neben Muslimen auch Christen, aber seitdem das Ganze ein &#8222;Heiliger Krieg&#8220; geworden ist, werden alle Nicht-Muslime vom Freiheitskampf des Volkes ausgeschlossen. Das ist eine Exklusion, und wir br\u00e4uchten eine Inklusion. Wir m\u00fcssen unsere Augen \u00f6ffnen. Es geht nicht darum, die Konfliktparteien in &#8222;diese&#8220; und &#8222;jene&#8220; einzuteilen. Aber wir m\u00fcssen die feine Linie erkennen, die den einen Rebell vom anderen unterscheidet. Wir m\u00fcssen mit der Opposition sprechen und ein neues Regime entwerfen, das alle B\u00fcrger annimmt und gleich behandelt.<\/p>\n<p><strong>Wie genau verlaufen denn zurzeit die Frontlinien? Welche St\u00e4dte werden von den Rebellen gehalten und welche von der Regierung?<\/strong><\/p>\n<p>Das ist schwer zu sagen. Nehmen Sie zum Beispiel Aleppo \u2013 hier werden einige Viertel von den Rebellen kontrolliert, andere von der Regierung. Gleiches gilt f\u00fcr Homs. Allgemein kann man sagen, dass die Region zwischen Homs und Damaskus von der Regierung gehalten wird. Die Region zwischen Homs und Aleppo wird inzwischen haupts\u00e4chlich von den Rebellen kontrolliert. Das sind aktuelle Informationen, die mich vergangene Woche erreicht haben.<\/p>\n<p><strong>Die Caritas im Libanon k\u00fcmmert sich um alle syrischen Fl\u00fcchtlinge im Land. Vor wem fliehen die meisten? Vor der Armee oder den Rebellen?<\/strong><\/p>\n<p>Vor beiden. Der Granatbeschuss und die Luftangriffe sind so schlimm geworden, dass die Menschen die Flucht ergreifen. Sie fliehen also nicht vor anr\u00fcckenden Truppen der einen oder anderen Seite, sondern um dem st\u00e4ndigen Bombardement zu entkommen. Im Libanon haben wir unter anderem deshalb so viele Fl\u00fcchtlinge, weil die meisten K\u00e4mpfe bisher nahe an unserer Grenze stattgefunden haben und die Menschen daher vor allem zu uns flohen.<\/p>\n<p><strong>Kann der Libanon denn weiterhin Fl\u00fcchtlinge aufnehmen?<\/strong><\/p>\n<p>Unsere gr\u00f6\u00dfte Angst ist es zurzeit, dass die Schlacht um Damaskus ausbrechen k\u00f6nnte. Diese Gro\u00dfstadt liegt nur etwa 30 Kilometer von unserer Grenze entfernt. Schon jetzt haben wir 1,2 Millionen Fl\u00fcchtlinge im Libanon. Was wird geschehen, wenn weitere 500 000 kommen? Wir haben doch selbst nur vier Millionen Einwohner. Die Grenzen sind offen \u2013 die Menschen brauchen nicht einmal einen Pass, um in den Libanon zu kommen. Dann d\u00fcrfen sie sogar arbeiten. Bereits vor dem Krieg wurden alle niederen Arbeiten im Libanon von Syrern verrichtet. Doch langsam sto\u00dfen wir an unsere Grenzen. Wir k\u00f6nnen eigentlich nicht alle aufnehmen, aber sie sind nun einmal da. Ich habe keine Ahnung, was wir tun sollen.<\/p>\n<p><strong>Welche Zukunft sehen Sie f\u00fcr Syrien und den Nahen Osten?<\/strong><\/p>\n<p>Ich sehe ehrlich gesagt ziemlich schwarz. In Syrien setzt sich ein Dominoeffekt fort, der bereits im Irak, in Libyen und in \u00c4gypten stattgefunden hat, und von dem ich hoffe, dass er nicht auch noch auf Jordanien und den Persischen Golf \u00fcbergreift. Ich glaube, dass irgendjemand da drau\u00dfen die Landkarte des Nahen Ostens ohne R\u00fccksicht auf Menschenleben und Schicksale neu zeichnet.<\/p>\n<p><strong>Das klingt ja beinahe nach einer Verschw\u00f6rungstheorie. Wer w\u00fcrde denn von so einer Neuordnung profitieren?<\/strong><\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht, wem oder was das dienen soll. Ich kenne die Motive nicht, die dahinterstecken. Vielleicht geschieht es, um einige Nachbarl\u00e4nder zu entlasten. Vielleicht, um die Region von seinen Minderheiten und insbesondere von seinen Christen zu s\u00e4ubern. Ich wei\u00df es nicht, denn ich bin kein Politiker. Ich m\u00f6chte hier keine Hypothesen ohne Faktengrundlage aufstellen. Aber was ich feststellen muss, ist, dass wir Christen die gr\u00f6\u00dften Verlierer und S\u00fcndenb\u00f6cke dieser ganzen Entwicklung im Nahen Osten sind. Solange die westlichen M\u00e4chte das nicht wahrhaben wollen und weiter ihre eigenen Interessen verfolgen, statt die Bed\u00fcrfnisse der Menschen unserer Region an die erste Stelle zu setzen, kommen wir nicht weiter. Das Engagement des Westens im Nahen und Mittleren Osten ist widerspr\u00fcchlich. Auf der einen Seite wollen sie Demokratien f\u00f6rdern, aber auf der anderen Seite unterst\u00fctzen sie Theokratien. Auf der einen Seite predigen sie den Laizismus und die Trennung von Staat und Religion. Aber auf der anderen Seite unterst\u00fctzen sie L\u00e4nder, deren Staatsreligion der Islam ist. Warum ist das so? Das k\u00f6nnen wir im Nahen und Mittleren Osten nicht verstehen. Ich sage Ihnen: Amerika und Europa halten die Zukunft der ganzen Welt in ihren H\u00e4nden. Was machen Sie mit dieser Verantwortung?<\/p>\n<p><strong>Welchen Appell m\u00f6chten Sie an den Westen richten, damit er seiner Verantwortung gerecht wird?<\/strong><\/p>\n<p>Hat der Gr\u00fcnder von &#8222;Kirche in Not&#8220;, Pater Werenfried van Straaten, nicht immer betont, dass Gott weint und wir seine Tr\u00e4nen trocknen m\u00fcssen? Wo weint Gott denn? In wem? Doch wohl in den Menschen! Es ist so leicht, \u00fcber Leiden, Schmerzen und Verzweiflung zu sprechen. Aber es ist so schwierig, zu den Menschen zu gehen und die Tr\u00e4nen abzuwischen. Das brauchen wir! Nicht nur humanit\u00e4re Hilfe, sondern Seelsorge. Und die Politik muss endlich begreifen, dass man nicht einfach eine Landkarte nehmen und strategische Interessen umsetzen kann, koste es, was es wolle. Die gewaltigen Verluste an Menschenleben und G\u00fctern sind der Politik offensichtlich egal. Bis zum heutigen Tag betr\u00e4gt der Kriegsschaden in Syrien zwischen 250 und 300 Milliarden Dollar \u2013 und das ist nur der rein materielle Schaden. Ich habe noch keinen amerikanischen oder europ\u00e4ischen Politiker \u00fcber die menschliche Katastrophe sprechen h\u00f6ren. Die zerbrochenen Familien, die zerst\u00f6rte Gesellschaft. Ich m\u00f6chte mich mit meinem Aufruf vor allem an das deutsche Volk richten: Es gibt so viele Menschen, die leiden, die da drau\u00dfen verbluten! Diese Menschen brauchen eine heilende Hand, ein liebendes Herz und einen mitdenkenden Verstand. Jemanden, der sie versteht und mit ihnen mitf\u00fchlt. Nicht aus Gnade, sondern aus Liebe. Wir sind alle Br\u00fcder und Schwestern in dieser Menschheitsfamilie, und ich danke &#8222;Kirche in Not&#8220;, der deutschen Regierung und allen Organisationen, die uns in unseren Hilfsbem\u00fchungen beistehen.<br \/>\n<!--[if !supportLineBreakNewLine]--><br \/>\n<!--[endif]--><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Libanesischer Caritas-Pr\u00e4sident im Gespr\u00e4ch mit KIRCHE IN NOT:&nbsp;&#8222;Wir Christen sind die Verlierer des Arabischen Fr\u00fchlings&#8220; Mit zunehmender Dauer des B\u00fcrgerkriegs in Syrien spitzt sich die Lage der Zivilbev\u00f6lkerung im Land und der Fl\u00fcchtlinge in den Nachbarl\u00e4ndern immer mehr zu. 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