{"id":1517,"date":"2018-04-06T08:43:55","date_gmt":"2018-04-06T06:43:55","guid":{"rendered":"http:\/\/localhost\/christenverfolgung\/aufbau-von-marawi-wird-jahre-dauern-html\/"},"modified":"2023-02-23T12:29:02","modified_gmt":"2023-02-23T11:29:02","slug":"aufbau-von-marawi-wird-jahre-dauern-html","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kircheinnot.at\/christenverfolgung\/aufbau-von-marawi-wird-jahre-dauern-html\/","title":{"rendered":"Aufbau von Marawi wird Jahre dauern"},"content":{"rendered":"<div class=\"data-1 data template-\">\n<p id=\"content-1651\">Reinhard Backes reiste f\u00fcr das Hilfswerk KIRCHE IN NOT (ACN) in die philippinische Stadt Marawi. Die dort lebende christliche Minderheit wurde monatelang von Islamisten unterdr\u00fcckt. Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber die Beziehungen von Christen und Muslimen in der Region und den Umgang mit den Folgen des Konflikts.&nbsp;<\/p>\n<div class=\"inner\">\n<div class=\"text\">\n<p><strong>Was ist in Marawi in den vergangenen Monaten geschehen?<\/strong><\/p>\n<p>Die Stadt ist ein Zentrum muslimischen Glaubens auf Mindanao, der zweitgr\u00f6\u00dften mehrheitlich jedoch christlich gepr\u00e4gten Insel der Philippinen. Und ausgerechnet diesen Ort haben sich islamistische Extremisten als Angriffsziel ausgesucht. Begonnen hat alles am 23. Mai 2017. Das philippinische Milit\u00e4r hatte eine Operation geplant, um F\u00fchrer des so genannten \u201eIslamischen Staates\u201c in der Region zu verhaften. Dem sind die Extremisten zuvorgekommen und haben den historischen Stadtkern von Marawi besetzt, bis weit in den Oktober hinein. Letztlich wurde der Konflikt mit Gewalt gel\u00f6st. Die Armee hat das Stadtzentrum massiv bombardiert.<span style=\"font-size: 13.008px;\">&nbsp;<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"data-3 data template-\">\n<div class=\"inner\">\n<div class=\"text\">\n<p><strong>Handelte es sich eher um einen spontanen \u00dcberfall oder war die Besetzung schon l\u00e4nger geplant?<\/strong><\/p>\n<p>Offenbar waren die Angreifer gut vorbereitet und \u00fcber die geplante Milit\u00e4roperation gut informiert. M\u00f6glicherweise wurden sie sogar von Milit\u00e4rs gewarnt. Das ist, wie vieles, aber Spekulation, weil detaillierte Informationen \u00fcber den Ablauf des Angriffs auf Marawi nach wie vor fehlen. Bei meinem Besuch in der Stadt Anfang M\u00e4rz wurde mir erkl\u00e4rt, dass ein Gro\u00dfteil der Extremisten Indonesier gewesen sind. \u00dcber das Meer ist Mindanao von Indonesien aus leicht zu erreichen. F\u00fcr das Milit\u00e4r war und ist es offenbar schwer, den Seeweg zu kontrollieren. Beobachter meinen, dass die Armee auf eine derartige Bedrohung gar nicht vorbereitet war.<\/p>\n<p><strong>Hatten die Islamisten Unterst\u00fctzung von Seiten der Bev\u00f6lkerung?<\/strong><\/p>\n<p>Man muss wohl davon ausgehen, dass sie in der Tat ein gewisses \u201eBacking\u201c von Seiten der Bev\u00f6lkerung hatten. Denn offenbar nutzten die Extremisten ein Tunnelsystem, in dem sie sich unterirdisch bewegen konnten. Und derlei entsteht ja nicht \u00fcber Nacht.<span style=\"font-size: 13.008px;\">&nbsp;<\/span><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"data-5 data template-\">\n<div class=\"inner\">\n<div class=\"text\">\n<p><strong>Medien berichteten, dass Christen, unter ihnen auch ein Priester, als Geiseln genommen wurden?<\/strong><\/p>\n<p>Es sind viele Geiseln genommen worden, der Gro\u00dfteil davon Christen. Offenbar war eines der ersten Angriffsziele der Extremisten in der Stadt die katholische St.-Marien-Kathedrale. Vermutlich wollten sie den Bischof von Marawi, Edwin de la Pena, als Geisel nehmen, der zu dem Zeitpunkt aber nicht im Stadtzentrum war. Statt dessen nahmen sie dann den Generalvikar, Teresito Suganob, und weitere Gl\u00e4ubige gefangen. Die Islamisten haben aber auch Muslime als Geiseln genommen, denen sie vorwarfen, mit den Christen zu kollaborieren.<\/p>\n<p><strong>Wurden in der St.-Marien-Kathedrale Sch\u00e4ndungen oder Entweihungen vorgenommen?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, die Kirche ist im Grunde v\u00f6llig zerst\u00f6rt, auch s\u00e4mtliche Figuren, Marienstatuen oder Kruzifixe. Ich habe eine gek\u00f6pfte Marienstatue gesehen. Der Kopf wurde wohl verbrannt. Nur noch der bekleidete Korpus war vorhanden. Architektonisch ist die Kathedrale eher einfach, eine Art Hallenbau. Marawi ist mehrheitlich muslimisch, eine allzu auff\u00e4llige christliche Kirche war da nicht erw\u00fcnscht. Die katholische Gemeinde dort umfasst auch nur wenige 1.000 Mitglieder, die jetzt erst einmal zerstreut sind.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"data-6 data template-imagebig\">\n<div class=\"center\">&nbsp;<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"data-7 data template-\">\n<div class=\"inner\">\n<div class=\"text\">\n<p><strong>Wie war das Verh\u00e4ltnis zwischen Christen und Muslimen vor dem Einfall der Islamisten?<\/strong><\/p>\n<p>Wie in anderen L\u00e4ndern, etwa in Pakistan, bem\u00fchen sich Christen dort, wo sie nur eine kleine Minderheit unter Muslimen sind, um gute Beziehungen zu ihren muslimischen Nachbarn. So kenne ich das zumindest von katholischer Seite. In der Regel pflegen die Christen deshalb auch enge Kontakte zu den muslimischen Autorit\u00e4ten, auch in Marawi war das nicht anders. Auf Seiten der Muslime war es wohl auch so, denn die Mehrheit wollte einfach nur friedlich mit ihren Nachbarn zusammenleben. Deshalb waren die Beziehungen zumeist freundschaftlich. Jetzt herrscht allerdings ein gewisses Misstrauen.<\/p>\n<p><strong>Wie geht der Bischof von Marawi, Edwin de la Pena, mit der Situation um?<\/strong><\/p>\n<p>Bischof de la Pena ist sehr um einen Ausgleich bem\u00fcht. Der Aufbau der Kathedrale hat f\u00fcr ihn deshalb auch keine Priorit\u00e4t. Das Gemeinschaftsgef\u00fchl zu st\u00e4rken und zwischenmenschliche wie auch interreligi\u00f6se Beziehungen wieder aufzubauen, ist f\u00fcr ihn das Wichtigste.<\/p>\n<p><strong>Gibt es bestimmte Projekte, mit denen man versucht, diese Ziele zu erreichen?<\/strong><\/p>\n<p>Die Di\u00f6zese hat einige Initiativen ins Leben gerufen, darunter ein Rehabilitationszentrum, das \u00fcber 200 Menschen Beistand bietet, die monatelang gefangen gehalten wurden und k\u00f6rperliche und seelische Qualen erlitten haben. Dort werden Christen wie Muslime gleicherma\u00dfen betreut. In Gruppentherapie, aber auch in Einzelgespr\u00e4chen werden Frauen behandelt, die vergewaltigt wurden, auch solche im M\u00e4dchen- und Teenageralter. Oder M\u00e4nner, denen Gewalt widerfahren ist, die geschlagen wurden \u2013 bis hin zu Kindern, die nach diesen schrecklichen Erfahrungen in die Normalit\u00e4t zur\u00fcckgef\u00fchrt werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>Und Sie erw\u00e4hnten ein weiteres Projekt&#8230;<\/strong><\/p>\n<p>Das nennt sich \u201eYouth for Peace\u201c, also \u201eJugend f\u00fcr den Frieden\u201c, und ist ebenfalls eine Initiative der Ortskirche. 184 \u00fcberwiegend muslimische Studentinnen und Studenten der Mindanao State University besuchen im Rahmen dieses Projekts Fl\u00fcchtlingslager. Aus dem Stadtkern sind im Zuge des Konflikts ja Zigtausend geflohen und leben nun in Lagern um die Stadt herum. \u201eYouth for Peace\u201c hat es sich zur Aufgabe gemacht, diesen Fl\u00fcchtlingen zu helfen, ihnen zu zeigen, wir sind f\u00fcr euch da, wir wollen das, was wir mal hatten, n\u00e4mlich ein friedliches Zusammenleben, wieder erm\u00f6glichen: Darum geht es den Studenten. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Fl\u00fcchtlinge Christen oder Muslime sind.<\/p>\n<p><strong>In welcher Form unterst\u00fctzt KIRCHE IN NOT diese Projekte?<\/strong><\/p>\n<p>Schon w\u00e4hrend des Konflikts hat KIRCHE IN NOT Notfallhilfe f\u00fcr die Fl\u00fcchtlinge geleistet. Jetzt wollen wir helfen, damit das Rehabilitationszentrum weitergef\u00fchrt werden kann. Zudem unterst\u00fctzen wir das &#8222;Duyog Marawi\u201c-Peace Corridor Programm der Ortskirche zu dem auch \u201eYouth for Peace\u201c geh\u00f6rt. Bisher wurden daf\u00fcr zwei Fahrzeuge bereitgestellt, ein Van und ein Transporter. Weitere Hilfe ist geplant. Zudem diskutieren wir auch Hilfe f\u00fcr die Unterbringung der Fl\u00fcchtlinge, die ja seit Monaten in Zelten leben. Bei tropischen Temperaturen von weit \u00fcber 30 Grad ist es darin kaum auszuhalten. Dann regnet es andererseits auch wieder, manchmal heftig. Zelte sind also keine Dauerl\u00f6sung. Es gibt \u00dcberlegungen, stattdessen kleine, provisorische H\u00e4user zu bauen, die dann erst einmal ausreichen sollten. Daran wird sich KIRCHE IN NOT m\u00f6glicherweise beteiligen.<\/p>\n<p><strong>Gibt es eine realistische Hoffnung, die Stadt in den n\u00e4chsten Jahren wieder aufzubauen?<\/strong><\/p>\n<p>Der Wiederaufbau wird definitiv viele Jahre dauern. Ich habe noch nie einen so zerst\u00f6rten Stadtkern gesehen, wie den von Marawi. Und seit dem Ende der K\u00e4mpfe im Oktober letzten Jahres ist nicht viel passiert. Das Milit\u00e4r sagt, dass erst einmal alle Blindg\u00e4nger, Munitionsreste und Sprengfallen, die die Extremisten hinterlassen haben k\u00f6nnten, entfernt werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>Was ist das Fazit Ihrer Reise?<\/strong><\/p>\n<p>Es ist einerseits dramatisch zu sehen, wie Islamisten eine ganze Stadt, eine gewachsene Kultur benutzt und zerst\u00f6rt haben, also wohin ideologische Verblendung f\u00fchrt. Andererseits haben mich die Menschen in Marawi sehr \u00fcberrascht. Ihre Lage ist zwar katastrophal, aber sie haben Hoffnung, sie packen an. Ich habe erfahren, wie wichtig ihnen der christlich-katholische Glaube ist, das selbstlose Konzept der N\u00e4chstenliebe, das sich in konkreter Hilfe f\u00fcr die Opfer zeigt. Und die jungen Freiwilligen, Muslime wie Christen, sind sehr offen miteinander umgegangen, was sehr ermutigend ist. Sie haben fast unisono gesagt, dass ihr gemeinsamer Einsatz sie dazu gef\u00fchrt hat, die \u00dcberzeugungen der anderen besser zu verstehen, dass sie gleichzeitig aber auch in ihrer eigenen Identit\u00e4t gefestigt wurden.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Reinhard Backes reiste f\u00fcr das Hilfswerk KIRCHE IN NOT (ACN) in die philippinische Stadt Marawi. Die dort lebende christliche Minderheit wurde monatelang von Islamisten unterdr\u00fcckt. Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber die Beziehungen von Christen und Muslimen in der Region und den Umgang mit den Folgen des Konflikts.&nbsp; Was ist in Marawi in den vergangenen Monaten geschehen? 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