{"id":1595,"date":"2018-07-20T08:06:56","date_gmt":"2018-07-20T06:06:56","guid":{"rendered":"http:\/\/localhost\/christenverfolgung\/christen-im-irak-quo-vadis-html\/"},"modified":"2023-02-23T12:01:56","modified_gmt":"2023-02-23T11:01:56","slug":"christen-im-irak-quo-vadis-html","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kircheinnot.at\/christenverfolgung\/christen-im-irak-quo-vadis-html\/","title":{"rendered":"Christen im Irak: Quo vadis?"},"content":{"rendered":"<p>\u201eISIS hat versucht, das Kloster einzunehmen. Wir waren uns im August 2014 sicher, dass ihnen das gelingen w\u00fcrde\u201c erkl\u00e4rt Erzbischof Timotheus Musa al Schamani, Abt des syrisch-orthodoxen Klosters des heiligen Matti, gegr\u00fcndet im 4. Jahrhundert, eines der \u00e4ltesten der Welt. Die M\u00f6nche flohen, nach dem ersten Schrecken kehrten sie aber schnell zur\u00fcck. Hunderte christliche Fl\u00fcchtlinge lebten monatelang mit ihnen \u2013 ein paar Kilometer Luftlinie von ihren schlimmsten Feinden entfernt. \u201eDer IS hat es nie geschafft, unser Kloster zu erobern. Gott war mit uns.\u201c Tats\u00e4chlich kann man am Fu\u00dfe des Berges noch die Sch\u00fctzengr\u00e4ben sehen, die die K\u00e4mpfer des IS ausgehoben haben. Hier standen sich die Schergen und die Peschmerga, die K\u00e4mpfer der autonomen Kurdengebiete, \u00fcber zwei Jahre gegen\u00fcber. Immer wieder schossen die IS-K\u00e4mpfer M\u00f6rser in Richtung des Klosters. Bei tr\u00fcbem Wetter versuchten sie regelm\u00e4\u00dfig, es einzunehmen. Bombardements der US-gef\u00fchrten Koalition verhinderten dies. Seit Ende 2016 wurde Ort f\u00fcr Ort vom IS zur\u00fcckerobert. Die Ninive-Ebene ist also frei. Das Kloster ist au\u00dfer Gefahr. Doch wie geht es seinen Gl\u00e4ubigen?<\/p>\n<p>Bischof Musas Miene verfinstert sich. \u201eBevor der IS 2014 kam lebten in meiner Di\u00f6zese \u00fcber 5 000 christliche Familien. Heute sind es bestenfalls 2 300. Der Rest hat das Land verlassen.\u201c Musa vermutet einen Plan dahinter, Christen aus dem Nahen Osten zu vertreiben. \u201eDas hat 1975 im Libanon angefangen, dann ging es im Irak, in \u00c4gypten, in Syrien weiter.\u201c Genauer will er auf Nachfrage nicht werden. Angesprochen auf die Ank\u00fcndigungen von US-Vizepr\u00e4sident Mike Pence vom vergangenen Herbst, US-Hilfe k\u00fcnftig direkt und ohne den Umweg \u00fcber die UNO den verfolgten Minderheiten des Irak zukommen zu lassen, winkt Musa ab. \u201eWir brauchen keine Worte. Ich wei\u00df nicht, mit wievielen westlichen Botschaftern und Politikern ich schon gesprochen habe. Wir Christen des Irak brauchen Taten.\u201c<\/p>\n<p>Der Gottesmann wirkt ersch\u00f6pft, als er von seinen Treffen mit irakischen Gewaltigen von Provinzregierung und Polizei berichtet. Sie empfingen ihn, so Musa, mit gro\u00dfer Freundlichkeit und h\u00f6rten sich die Sorgen seiner Gemeinschaft an. Doch au\u00dfer einer Tasse Kaffee sei nichts dabei herausgekommen. \u201eFrieden, Sicherheit, Jobs: Ohne diese Dinge wird niemand bleiben. Ich kann es keinem Familienvater verdenken, wenn er f\u00fcr sich und seine Familie eine bessere Zukunft im Ausland sucht. Zwar raten wir niemandem zur Auswanderung, aber wir halten auch niemanden davon ab. Das ist eine pers\u00f6nliche Entscheidung.\u201c Ein Verschwinden seiner syrisch-orthodoxen Gemeinschaft h\u00e4lt Musa ohne weiteres f\u00fcr m\u00f6glich. \u201eIm Tur Abdin im S\u00fcdosten der heutigen T\u00fcrkei hatten wir einst eine bl\u00fchende Heimat. Heute ist da niemand mehr au\u00dfer ein paar leeren Kirchen. Das kann uns hier genauso passieren.\u201c Das n\u00e4chste Problem sieht er schon kommen. \u201eFahren Sie nach Bartella und fragen Sie nach den Schabak.\u201c<\/p>\n<p>Mit dem Jeep geht es die Serpentinenstra\u00dfe hinunter zur\u00fcck in die Ebene. Schafsherden grasen links und rechts der Stra\u00dfe das trockene Land ab. In diesem Jahr sorgt eine heftige D\u00fcrre daf\u00fcr, dass ihr Futter noch k\u00e4rglicher ist als sonst. Vorbei an den kurdischen Posten geht es hinein in den von der Zentralregierung in Bagdad kontrollierten Irak. 20, 30 Kilometer f\u00fchren durch das ethnische Mosaik des Nordirak. Turkmenen, Christen, sunnitische Araber und Jesiden leben hier. Und die Schabak. Auf bis zu 400 000 Menschen wurde diese ethnische Gruppe vor 2014 gesch\u00e4tzt. Ganz \u00fcberwiegend leben sie in der Ninive-Ebene. Die D\u00f6rfer der meist schiitischen Schabak sind erkennbar \u00e4rmlicher und heruntergekommener als etwa die christlichen. Auch die Schabak hatten massiv unter dem Hass des IS zu leiden. Schiiten, die Rafidin, die Abtr\u00fcnnigen, standen in der Skala der Verachtung noch tiefer als die Christen. Doch anders als die Christen haben die Schiiten m\u00e4chtige Freunde. Nicht nur im von schiitischen Politikern dominierten Bagdad. Von Plakatw\u00e4nden winkt Ajatollah Khamenei, der oberste F\u00fchrer des Iran. Sein Arm reicht bis hierher. Der iranische Botschafter war auch schon zu Besuch. Auf uns k\u00f6nnt ihr z\u00e4hlen, soll das hei\u00dfen.<\/p>\n<p>\u201eDie Schabak wollen unser Land\u201c, meint Abuna Jakob knapp. \u201eDas ist das n\u00e4chste Problem.\u201c Der syrisch-orthodoxe Dorfpfarrer von Bartella ist ein Neffe Bischof Musas. Das Problem davor, das war der IS. \u201eIch war der Letzte, der im August 2014 ging, und der Erste, der wieder kam.\u201c Tr\u00e4nen, so erinnert sich der Dorfgeistliche, seien ihm gekommen, als er erstmals wieder die Glocken l\u00e4utete. Abuna Jakob f\u00fchrt durch seine frisch renovierte Pfarrkirche. Sie strahlt wei\u00df und golden. Einzig eine verkohlte Kapelle im Seitenschiff erinnert an die Dschihadisten. \u201eDie hat der IS gesch\u00e4ndet. Das lassen wir als Zeichen der Mahnung.\u201c Seit Oktober 2016 ist der Ort vom IS befreit. Nun also das Problem mit den Schabak. Gab es 1980 nur zwei Schabak-Familien im Dorf, sind es heute weit \u00fcber zwanzig Prozent. Tendenz steigend. Ursache f\u00fcr den demografischen Mikrokonflikt ist die hohe Geburtenrate der Schabak \u2013 und die Tatsache, dass viele Christen mehr denn je bereit sind, zu billigen Preisen ihr Land zu verkaufen. Die Kirche versucht ihre Gl\u00e4ubigen davon abzubringen. Aber wer alle seine Ersparnisse w\u00e4hrend der Flucht aufgebraucht hat, schon im Ausland lebt oder nach Australien emigrieren will, hat oft keine andere Wahl. Heimatliebe muss man sich leisten k\u00f6nnen. \u201eIch werde mein Land niemals an die Schabak verkaufen\u201c, meint Ibrahim entschlossen. Der 63-j\u00e4hrige Bauer tr\u00e4gt die bodenlange Galabaia, das traditionelle Gewand der M\u00e4nner. Sein imposanter Schnauzer wie sein Haupthaar schimmern in makellosem Schwarz. Offensichtlich wurde der Natur ein wenig nachgeholfen. Auf dem Land seiner Familie baut er Getreide, Kichererbsen und Sonnenblumen an. Sieben Kinder hat er \u2013 von denen kein einziges mehr im Irak lebt. \u201eSie sind in der T\u00fcrkei und in Europa. Ich sage ihnen immer, dass sie zur\u00fcckkommen sollen, aber sie wollen nicht, weil es hier keine Jobs und keine Sicherheit gibt.\u201c Ibrahim macht sich deswegen keine Illusionen. \u201eIn zwanzig Jahren gibt es hier keine Christen mehr.\u201c Dabei macht der Ort derzeit einen ganz anderen Eindruck. An allen Ecken und Enden wird gebaut und geh\u00e4mmert, werden die Sch\u00e4den behoben, die der IS hinterlassen hat. Abends wird im Dorfrestaurant arabische Musik so laut gesungen, dass jedes Gespr\u00e4ch dagegen ank\u00e4mpfen muss, dampfen Kebab und H\u00e4hnchen auf dem Grill, versammelt sich die Jugend gutgelaunt. Fast f\u00fcnftausend Christen sind zur\u00fcckgekehrt \u2013 und mit ihnen das alte Leben.<\/p>\n<p>Geleitet wird all dies vom \u201eNinivah Reconstruction Committee\u201c (NRC). Das Hirn des christlichen Wiederaufbaus sitzt im benachbarten Baghdeda, ein paar Kilometer tiefer in die Ninive-Ebene hinein. Karakosch nannten die Osmanen den Ort, Al Hamdaniya sagen die Araber, Baghdeda hei\u00dft die Stadt in der aram\u00e4ischen Sprache der einheimischen Christen. Baghdeda war vor 2014 die gr\u00f6\u00dfte christliche Stadt des Irak. Etwa 50 000 Menschen lebten hier. Christenanteil: 97 Prozent. Landwirtschaft \u2013 Getreideanbau und Gefl\u00fcgelzucht \u2013 machten die Bewohner, \u00fcberwiegend syrisch-katholische Christen, wohlhabend. Das sieht man selbst den arg mitgenommenen H\u00e4usern noch an. Durch holprige Stra\u00dfen geht es zum Sitz des NRC. Ahlan wa sahlan, herzlich willkommen, sagt Abuna Georges Jahola und winkt in sein B\u00fcro. Der syrisch-katholische Priester zeigt Karten, Tabellen, Luftaufnahmen seines Ortes. Er ist Stadtpfarrer und B\u00fcrgermeister in einem. \u201eWir bauen unsere Heimat wieder auf. Wir haben nur sie. Christen leben in Bagdad, Basra und Kirkuk. Aber nur diese Gegend k\u00f6nnen sie wirklich Heimat nennen. Verlieren wir sie, verlieren wir mehr als nur Land und H\u00e4user: Wir verlieren unsere Identit\u00e4t.\u201c Unterst\u00fctzt wird der Priester von einem Team von Ingenieuren und jungen Leuten, die sich um die Registrierung der Hausbesitzer k\u00fcmmern, die um Hilfe bitten. \u201e\u00dcber 7 000 H\u00e4user gibt es in unserem Ort. Wir haben sie in drei Gruppen eingeteilt: Leicht besch\u00e4digte, schwer besch\u00e4digte und zerst\u00f6rte.\u201c Nicht alle H\u00e4user wurden vom IS zerst\u00f6rt oder besch\u00e4digt. Viele kamen bei der R\u00fcckeroberung zu Schaden. Andere verwahrlosten in den Jahren des Leerstands. Gepl\u00fcndert wurden vom IS und den umliegenden muslimischen D\u00f6rfern fast alle. Um Kosten zu sparen und den Menschen Arbeit zu geben, m\u00fcssen die Hausbesitzer selber Hand anlegen. Au\u00dferdem m\u00fcssen sie ein Drittel der Kosten tragen wenn m\u00f6glich. Und nur der wird unterst\u00fctzt, der tats\u00e4chlich in seinem Haus wohnt. \u201eWir haben mittlerweile wieder viele Menschen, die aus dem Libanon und der T\u00fcrkei zur\u00fcckkommen\u201c, ist Abuna Georges froh. \u201eAnfangs haben unsere Leute gesagt: Erst Sicherheit, dann R\u00fcckkehr. Ich habe ihnen dann geantwortet: Je mehr ihr hier wieder seid, desto besser k\u00f6nnt ihr euch gegenseitig sch\u00fctzen.\u201c Abuna Georges wei\u00df, dass H\u00e4user allein angesichts fehlender Sicherheit und Jobs die christliche Pr\u00e4senz nicht auf Dauer sichern k\u00f6nnen. \u201eAber ohne H\u00e4user w\u00e4re schon jetzt keiner mehr hier.\u201c<\/p>\n<p>M\u00f6glich ist der Wiederaufbau nur, weil christliche Organisationen \u2013 allen voran KIRCHE IN NOT \u2013 mit Millionenspenden helfen. Der irakische Staat existiert hier n\u00e4mlich nur auf Flaggen und P\u00e4ssen. \u201eDie Regierung hat kein Geld oder andere Priorit\u00e4ten. Es l\u00e4sst sich auch niemand hier blicken. Ohne die Hilfe unserer Mitchristen im Westen w\u00e4ren wir verloren\u201c, sagt Abuna Georges dankbar. Aimery de V\u00e9rac freut das zu h\u00f6ren. Er ist der Verbindungsmann von KIRCHE IN NOT. Der Franzose lebt seit einigen Jahren deswegen im Irak. \u201eEs macht ungeheuer gl\u00fccklich, den Menschen zu helfen. Sie lieben ihre Heimat. Wir setzen dabei auf maximale Transparenz. F\u00fcr jeden ausgegebenen Dollar k\u00f6nnen wir Rechenschaft geben.\u201c Mittlerweile, so der Franzose, seien in der Ninive-Ebene \u00fcber 8 700 Familien zur\u00fcckgekehrt und \u00fcber 4 300 H\u00e4user wieder bewohnbar gemacht. Ist ein Haus fertig, \u00fcberreicht KIRCHE IN NOT jedem Hauseigent\u00fcmer einen Olivenbaum. Die biblische Pflanze soll Hoffnung und Zukunft symbolisieren.<\/p>\n<p>Auch Rabah hat ein B\u00e4umchen erhalten. Die Mittf\u00fcnfzigerin hat drei Kinder. Geb\u00fcrtig kommen Rabah und ihr Mann aus Mossul. Von dort flohen sie 2006 nach Baghdeda, nachdem Sohn und Neffe von Islamisten bedroht worden waren. Der Neffe wurde entf\u00fchrt, der Sohn konnte sich gerade noch in Sicherheit bringen. Doch 2014 kamen die Islamisten mit dem IS auch nach Baghdeda. Die Familie floh erneut. Seit Juli 2017 lebt sie nach Jahren des Fl\u00fcchtlingsdaseins in der benachbarten autonomen Region Kurdistan wieder in ihrem Haus. \u201eUnseren Wagen, unser Gold: Wir hatten ausgegeben, was wir hatten. W\u00e4re Baghdeda nicht befreit worden: Ich wei\u00df nicht, wie es mit uns h\u00e4tte weitergehen sollen\u201c, sagt Rabah. Zum Gl\u00fcck waren die Sch\u00e4den an ihrem Haus nur leichte. Mittlerweile sieht man ihm nichts mehr an. Und doch sitzen die Wunden tief. \u201eMein Mann und ich werden im Irak bleiben, so Gott will. Auch unsere Kinder wollen das. Aber sie haben keine Arbeit. Und ich habe Angst, dass uns dasselbe nochmal passieren kann, dass ISIS zur\u00fcckkommt.\u201c<\/p>\n<p>Seit der Vertreibung der Christen durch den IS hat KIRCHE IN NOT die notleidenden Christen im Irak mit rund 39,7 Millionen Euro unterst\u00fctzt.&nbsp;Um den Wiederaufbau weiter voranzutreiben und der Bev\u00f6lkerung materiell wie pastoral beistehen zu k\u00f6nnen, bittet KIRCHE IN NOT um Spenden \u2013 entweder&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.kircheinnot.at\/Wie_Sie_helfen\/Spenden\/\">online &#8230;hier<\/a>&nbsp;oder auf folgendes Spendenkonto:<\/p>\n<p>Empf\u00e4nger: KIRCHE IN NOT&nbsp;<br \/>IBAN: AT71 2011 1827 6701 0600&nbsp;<br \/>BIC: GIBAATWWXXX&nbsp;<br \/>Verwendungszweck: Irak Wiederaufbau<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eISIS hat versucht, das Kloster einzunehmen. 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