{"id":1965,"date":"2020-02-11T12:28:03","date_gmt":"2020-02-11T11:28:03","guid":{"rendered":"http:\/\/localhost\/christenverfolgung\/regierung-tut-nicht-genug-html\/"},"modified":"2023-02-21T09:04:22","modified_gmt":"2023-02-21T08:04:22","slug":"regierung-tut-nicht-genug-html","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kircheinnot.at\/christenverfolgung\/regierung-tut-nicht-genug-html\/","title":{"rendered":"Regierung tut nicht genug"},"content":{"rendered":"<p>Nigeria ist ein weltweit einzigartiges Land. Seine Einwohner sind fast zu gleichen Teilen Christen und Muslime. Hier lebt etwa ein F\u00fcnftel der afrikanischen Bev\u00f6lkerung. Eine Krise, die in Nigeria nicht entschieden angegangen wird, w\u00fcrde sich letztlich auf ganz Afrika auswirken.&nbsp;<span style=\"font-size: 13.008px;\">Der katholische Erzbischof von Benin-Stadt und Pr\u00e4sident der Katholischen Nigerianischen Bischofskonferenz Augustine Obiora Akubeze spricht in einem Interview mit der Stiftu<\/span><em style=\"font-size: 13.008px;\">ng KIRCHE IN NOT (ACN) von den ernsten politischen Problemen, die sich aus der derzeitigen Unsicherheit im Land aufgrund der Gr\u00e4ueltaten sowohl der Terrorgruppe Boko Haram als auch anderer radikaler Gruppen wie der Fulani ergeben.<\/em><\/p>\n<p><strong>KIRCHE IN NOT: Wie w\u00fcrden Sie die derzeitige Situation der Christen in Nigeria beschreiben?<br \/> <\/strong>Ich wei\u00df nicht, ob ich in der Lage bin, in einem einzigen Interview ein getreues Bild von Nigeria zu vermitteln. Ich werde es versuchen, wohl wissend, dass ich dabei Gefahr laufe, aus Zeitgr\u00fcnden und aufgrund der Komplexit\u00e4t Nigerias eine unbefriedigende Antwort zu geben.<\/p>\n<p>Die gegenw\u00e4rtige Situation in Nigeria spiegelt eine selbstverschuldete, unn\u00f6tige Spannung wider. Wir haben es mit einem politisch polarisierten Land zu tun. Leider waren und sind einige unserer politischen F\u00fchrer f\u00fcr Entscheidungen, Erkl\u00e4rungen und Ernennungen verantwortlich, die manche Nigerianer in einigen Gebieten dazu veranlassen, die Einheit des Landes immer wieder in Frage zu stellen. Wir leben in einem Nigeria, in dem die Verfassung das f\u00f6deralistische Prinzip anerkennt. Dies bedeutet, dass alle Sektoren des Landes in der Verwaltung der Bundesinstitutionen vertreten sein m\u00fcssen. Dieses Prinzip wurde eingef\u00fchrt, damit sich alle Nigerianer willkommen f\u00fchlen und wissen, dass Nigeria allen geh\u00f6rt. Angesichts der enormen Herausforderung durch die jetzige gro\u00dfe Unsicherheit \u2013 sie war mit Ausnahme der Zeit des B\u00fcrgerkriegs in Nigeria noch niemals so gro\u00df \u2013 hat die derzeitige Bundesregierung Nigerias jedoch beschlossen, bei der Besetzung sensibler Posten auf h\u00f6chst fragw\u00fcrdige Weise vorzugehen. So geh\u00f6ren praktisch alle Armeechefs, die den Pr\u00e4sidenten beraten, derselben ethnischen Gruppe der Hausa-Fulani an. Daher sind 95 Prozent von ihnen Muslime. Und das in einem Land, in dem etwa 50 Prozent Christen sind. Die f\u00fcr die Sicherheit zust\u00e4ndige Beh\u00f6rde wird in einer multireligi\u00f6sen und multiethnischen Nation von einer einzigen religi\u00f6sen Gruppe, einer einzigen ethnischen Gruppe, geleitet! Wir Mitglieder der Katholischen Nigerianischen Bischofskonferenz haben uns wiederholt gegen diese Haltung der Bundesregierung ausgesprochen. Dar\u00fcber hinaus haben wir uns mit dem Pr\u00e4sidenten getroffen und unsere v\u00f6llige Unzufriedenheit mit diesem Vorgehen der Regierung zum Ausdruck gebracht.<\/p>\n<p><strong>KIRCHE IN NOT:<\/strong><strong> Sicherheitsprobleme treten im Land seit Jahren auf. Boko Haram bedroht Nigeria seit einem Jahrzehnt. Kann man sagen, dass die Terrorgruppe zwar verwundet, aber nicht besiegt ist?<\/strong><\/p>\n<p>Boko Haram greift die Nigerianer seit vielen Jahren an. Diese Terrorgruppe, die dem IS die Treue geschworen hat, operiert im Nordosten Nigerias, hat aber auch in der Bundeshauptstadt Abuja Anschl\u00e4ge ver\u00fcbt. Boko Haram verfolgt eine extremistische religi\u00f6se Ideologie: Nigeria soll in eine islamische Republik verwandelt werden. Einerseits lehnen sie alles Westliche ab, andererseits benutzen sie westlich hergestellte Waffen und Munition, um unschuldige Nigerianer, sowohl Muslime als auch Christen, anzugreifen. Zurzeit konzentrieren sie sich auf die Ermordung und Entf\u00fchrung von Christen. Die Reaktion der Regierung darauf war f\u00fcr die meisten Nigerianer weitgehend unbefriedigend. W\u00e4hrend wir dieses Interview f\u00fchren, wird die von Boko Haram verschleppte Leah Sharibu immer noch gefangen gehalten. Erst vor einigen Wochen wurde der \u00f6rtliche Regierungsvorsitzende der Christlichen Vereinigung Nigerias von Boko Haram enthauptet. Der 58-j\u00e4hrige verheiratete Pastor Lawan Andima, Vater von neun Kindern, wurde nur deshalb get\u00f6tet, weil er ein Christ war.<\/p>\n<p><strong>KIRCHE IN NOT: Glauben Sie also, dass die Regierung nicht genug tut, um die Christen zu sch\u00fctzen?<\/strong><\/p>\n<p>Der nigerianische Pr\u00e4sident hat k\u00fcrzlich erkl\u00e4rt, dass er \u00fcber die fortdauernde Ermordung von Nigerianern, zumeist Christen, schockiert ist. Viele Nigerianer fragen sich, ob der Pr\u00e4sident in einem Paralleluniversum lebt: Wie kann er jetzt \u00fcberrascht tun, nachdem einige von uns an Massenbegr\u00e4bnissen von Christen teilgenommen haben, die von Boko Haram get\u00f6tet wurden? In der Tat: Die Regierung tut nicht genug, um sowohl Christen als auch Muslime zu sch\u00fctzen. Vor einigen Tagen schlug die Nationalversammlung einstimmig vor, dass der Pr\u00e4sident die milit\u00e4rische F\u00fchrung austauscht, weil sie das Leben der Nigerianer nicht sch\u00fctzt. Da sich der gesetzgebende Zweig der Regierung zum gr\u00f6\u00dften Teil aus Mitgliedern der Regierungspartei zusammensetzt, spiegelt ein solcher Vorschlag die Unzufriedenheit der Nigerianer mit dem Ausma\u00df der Inkompetenz der nigerianischen Regierung beim Schutz von Leben und Eigentum wider. Wir in der Katholischen Nigerianischen Bischofskonferenz haben bereits in einer Stellungnahme erkl\u00e4rt, dass eine Regierung, die nicht in der Lage ist, ihrer verfassungsm\u00e4\u00dfigen Verpflichtung zum Schutz von Leben und Eigentum nachzukommen, allm\u00e4hlich ihre Legitimit\u00e4t verliert.<\/p>\n<p><strong>KIRCHE IN NOT: Es wird von immer mehr Angriffen auf Christen durch andere radikale Gruppen als Boko Haram, etwa durch die Fulani, berichtet. Wie wirkt sich das auf die Situation der Christen in Nigeria aus?<\/strong><\/p>\n<p>In der Vergangenheit beschr\u00e4nkten sich die ernsthaften Sicherheitsprobleme auf ein bestimmtes Gebiet, den Nordosten Nigerias. Heute herrscht jedoch \u00fcberall Unsicherheit. Heute werden in allen Gebieten Nigerias Menschen entf\u00fchrt, um L\u00f6segeld zu fordern. Es gibt viele F\u00e4lle von Zusammenst\u00f6\u00dfen zwischen Viehhirten und Bauern, wobei die Viehhirten \u00fcberwiegend muslimische Fulani aus dem Norden sind, genauso wie der Pr\u00e4sident. Sie bewegen sich mit beispielloser Unverfrorenheit in Nigeria auf der Suche nach Weideland f\u00fcr ihr Vieh. Es wird von zu vielen F\u00e4llen in allen Teilen des Landes berichtet, in denen diese Viehhirten in das Ackerland eindringen und dies mit Waffen, sogar mit Schusswaffen, tun. Die von der internationalen Gemeinschaft bereits als terroristische Gruppe bezeichneten Viehhirten handeln v\u00f6llig ungestraft. Dass diese M\u00e4nner nicht strafrechtlich verfolgt werden, n\u00e4hrt den Glauben, dass sie die Unterst\u00fctzung der Bundesregierung haben. Ich muss zwar zugeben, dass ich keine schl\u00fcssigen Beweise daf\u00fcr habe, dass diese Gruppe die Unterst\u00fctzung der Regierung hat. Weil sie aber nichts dagegen tut, und offenkundig keinen wirklichen Willen hat, die Zunahme dieser Verbrechen zu stoppen, ist es schwierig, die Nigerianer davon zu \u00fcberzeugen, dass es keinen Zusammenhang zwischen der einseitigen Ernennung von Milit\u00e4rf\u00fchrern und dem Ausbleiben einer Verfolgung der T\u00e4ter gibt, die solche Verbrechen gegen die Menschlichkeit und die offenbar selektive T\u00f6tung von Christen ver\u00fcben.<\/p>\n<p>Gerechtigkeit und Frieden gehen immer Hand in Hand. Wer echten Frieden w\u00fcnscht, muss Gerechtigkeit f\u00f6rdern. Damit in Nigeria Frieden und Sicherheit herrschen k\u00f6nnen, muss es f\u00fcr jeden einzelnen Nigerianer politische, religi\u00f6se, ethnische, wirtschaftliche und juristische Gerechtigkeit geben.<\/p>\n<p><strong>KIRCHE IN NOT: K\u00fcrzlich hat uns die Entf\u00fchrung von Seminaristen in Kaduna und der Mord an einem von ihnen, Michael Nnadi, schockiert. Wie bekannt ist, wurden die anderen drei freigelassen. K\u00f6nnen Sie uns etwas \u00fcber ihren Gesundheitszustand sagen?<\/strong><\/p>\n<p>Wir haben die Nachricht mit Trauer im Herzen aufgenommen. Leider steht die Entf\u00fchrung der Seminaristen in einem Kontext mit anderen Entf\u00fchrungen von Priestern und Ordensleuten durch die gleiche Gruppe, die die Nigerianer terrorisiert. Zu viele Priester und Ordensleute sind in letzter Zeit entf\u00fchrt worden. Wie ich erfahren habe, werden die freigelassenen Seminaristen derzeit behandelt. \u00dcber den Gesundheitszustand der Seminaristen wei\u00df ich zwar nichts Konkretes, aber laut den Berichten von Gefangenen k\u00f6nnen wir zweifellos davon ausgehen, dass sie gro\u00dfe Qualen erlitten haben und tief traumatisiert sind. Die Ermordung von Michael Nnadi schmerzt und macht uns traurig. Zu wissen, dass er ein Waisenkind war, macht es schmerzhafter. M\u00f6gen seine Seele und die Seelen aller, die in den H\u00e4nden dieser Verbrecher gestorben sind, in Frieden ruhen.<\/p>\n<p><strong>KIRCHE IN NOT: Wie kann die Sicherheit von Gottesh\u00e4usern und weiteren kirchlichen St\u00e4tten wie Seminaren, Konventen und Kl\u00f6stern gew\u00e4hrleistet werden?<\/strong><\/p>\n<p>Alle Institutionen versuchen, Sicherheit in ihren Gottesh\u00e4usern zu gew\u00e4hrleisten. Laut lokalen Berichten reagieren damit die religi\u00f6sen F\u00fchrer auf die Bed\u00fcrfnisse ihrer Bev\u00f6lkerung. Einige Kirchen nehmen die Dienste der nigerianischen Polizei f\u00fcr den Sonntagsgottesdienst in Anspruch und m\u00fcssen f\u00fcr die bereitgestellte Sicherheit bezahlen. Je nach Gegend wird auch privates Sicherheitspersonal angeheuert, in einigen F\u00e4llen melden sich die Gl\u00e4ubigen selbst freiwillig, um f\u00fcr die Sicherheit zu sorgen.&nbsp; Zurzeit gibt es keine einheitliche Situation hinsichtlich der Sicherheitsma\u00dfnahmen f\u00fcr Gottesh\u00e4user und Seminare. Aber den meisten der privaten Sicherheitsdienste, die eingestellt werden, fehlen die Mittel, um mit dem Ausma\u00df der Bedrohung durch die Fulani-Viehhirten und Boko Haram fertig zu werden.<\/p>\n<p><strong>KIRCHE IN NOT: K\u00f6nnen wir etwas tun, Ihnen in diesem Bereich zu helfen?<\/strong><\/p>\n<p>Zun\u00e4chst einmal m\u00f6chte ich Ihnen f\u00fcr das fortw\u00e4hrende Interesse Ihrer Stiftung an der Not der leidenden Menschen und insbesondere an der Not der Armen in Nigeria danken. Ihre Unterst\u00fctzung war f\u00fcr viele Nigerianer eine gro\u00dfe Hilfe, insbesondere f\u00fcr unsere Br\u00fcder und Schwestern in den n\u00f6rdlichen Di\u00f6zesen.<\/p>\n<p>Ein Bereich, in dem meiner Meinung nach westliche L\u00e4nder und Medien eine gro\u00dfe Hilfe leisten k\u00f6nnten, ist die Berichterstattung \u00fcber die Gr\u00e4ueltaten in Nigeria. Die Zahl der T\u00f6tungen ist einfach erschreckend. Vielleicht w\u00fcrde sich die nigerianische Regierung bei einer umfassenden westlichen Berichterstattung unter Druck gesetzt f\u00fchlen, zu handeln. Dar\u00fcber hinaus w\u00fcrden die Regierungen der Mitgliedsl\u00e4nder der Europ\u00e4ischen Union und Amerikas wahrscheinlich moralisch verpflichtet f\u00fchlen, nach Wegen zu suchen, um das Leben von Christen und anderen Nigerianern zu sch\u00fctzen, die st\u00e4ndig von Boko Haram und den Fulani-Viehhirten angegriffen werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nigeria ist ein weltweit einzigartiges Land. Seine Einwohner sind fast zu gleichen Teilen Christen und Muslime. Hier lebt etwa ein F\u00fcnftel der afrikanischen Bev\u00f6lkerung. 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