{"id":1975,"date":"2020-02-24T13:09:04","date_gmt":"2020-02-24T13:09:04","guid":{"rendered":"http:\/\/localhost\/christenverfolgung\/terrorgruppen-der-sahelzone-html\/"},"modified":"2022-12-06T15:32:36","modified_gmt":"2022-12-06T15:32:36","slug":"terrorgruppen-der-sahelzone-html","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kircheinnot.at\/christenverfolgung\/terrorgruppen-der-sahelzone-html\/","title":{"rendered":"Terrorgruppen in der Sahelzone"},"content":{"rendered":"<p>\u201eDie Ortschaften, in denen Christen und Muslime zusammenleben, sind die n\u00e4chsten Ziele\u201c.&nbsp;Der Islamforscher und wissenschaftliche Mitarbeiter der Universit\u00e4t Aix-Marseille Olivier Hanne beschrieb 2015 das f\u00fcr ihn \u201ewahrscheinlichste Szenario f\u00fcr die Sahelzone im Jahr 2020\u201c. In seinem gemeinsam mit dem Ausbildungsoffizier Guillaume Larabi geschriebenen Buch \u201eDjihad au Sahel\u201c (Dschihad in der Sahelzone) zog er eine Expansion der bewaffneten Terrorgruppen in der Sahelzone zulasten der Autorit\u00e4t der jeweiligen Staaten in Betracht. Die Voraussagen der beiden Autoren wurden durch die aktuellen Geschehnisse best\u00e4tigt. Thomas Oswald f\u00fchrte das Interview mit Guillaume Larabi f\u00fcr die weltweite katholische Hilfswerk Kirche in Not (ACN).<\/p>\n<p><strong>KIRCHE IN NOT: Weit davon entfernt, sich aus der Sahelzone zur\u00fcckzuziehen, hat Frankreich stattdessen soeben die Entsendung von zus\u00e4tzlichen 600 M\u00e4nnern zur Verst\u00e4rkung der Operation Barkhane angek\u00fcndigt. Sehen Sie einen Ausweg aus der Krise in der Sahelzone?<\/strong><\/p>\n<p>Die bewaffneten Terrorgruppen haben sich f\u00fcr eine lange Zeit eingenistet. Sie zwingen weiten Teilen der Sahelzone ihr Gesetz auf. Sie erzielen ein regelm\u00e4\u00dfiges Einkommen durch Erpressung der lokalen Bev\u00f6lkerung, aber auch durch ihren Anteil an illegalen Gesch\u00e4ften. Sie kontrollieren die Transitgebiete der Migranten, die eine leichte Beute f\u00fcr Menschenh\u00e4ndler sind. Und sie profitieren vom Drogenhandel, von dem der Gro\u00dfteil \u00fcber den Hafen von Lagos in Nigeria abgewickelt und im Verborgenen nach Europa gebracht wird. Kokain aus S\u00fcdamerika reist quer durch die Sahara, oftmals in aufgeblasenen Reifen verborgen.<\/p>\n<p><strong>KIRCHE IN NOT: Ist das denn kein Widerspruch, wenn eine Gruppe mit religi\u00f6sen Forderungen Rauschgifthandel betreibt? <\/p>\n<p> <\/strong>Es stimmt, dass diese Gruppen ihr Image als rechtschaffene Gl\u00e4ubige pflegen, und meistens machen sie sich nicht selber die H\u00e4nde mit den Drogen schmutzig. Sie \u00fcberlassen das Gangstertruppen, von denen sie eine Steuer erheben. Bereits ab 2001 befand der \u00e4gyptische Salafist Abu Basir al-Tartus\u00ee, dass diese Praxis der islamischen Sozialabgabe \u201eZakat\u201c auf Schmuggelware im Einklang mit den Regeln des Dschihad steht. Das ist schiere Heuchelei. Von den Dschihadkriegern stammen viele selber aus dem Umfeld der organisierten Kriminalit\u00e4t. Im Allgemeinen gibt es keinen sehr logischen Diskurs unter den bewaffneten terroristischen Gruppen der Sahelzone, die behaupten, islamisch zu sein, beziehen sich selbst sogar auf das &#8222;Kalifat&#8220;, also auf Daesh. Aber die nigerianische Armee beispielsweise hat festgestellt, dass die Gefangenen aus den Reihen der bewaffneten Terrorgruppen weder ihren Glauben aus\u00fcben, noch ihre t\u00e4glichen Gebete sprechen.<\/p>\n<p><strong>KIRCHE IN NOT: Wie erkl\u00e4rt es sich, dass diese Terrorgruppen in den Gebieten, die sie kontrollieren, die Akzeptanz seitens eines Teils der Bev\u00f6lkerung bekommen? <\/strong><\/p>\n<p>Die Gebiete, um die es geht, sind massiv benachteiligt und wurden von der staatlichen Verwaltung quasi aufgegeben. Bereits vor der Kolonialisierung handelte es sich um Orte, an denen die Wirtschaft auf illegalem Handel beruhte. F\u00fcr die Menschen dort ist der Staat sehr weit entfernt, verf\u00fcgt \u00fcber keinerlei Legitimit\u00e4t und ist gleichbedeutend mit Korruption. F\u00fcr die jungen Fulani oder die Tuareg ist es absolut klar, dass sie in einer Sackgasse stecken und keinerlei Perspektiven haben. Sie leben in extrem hierarchiebasierten Gesellschaften, die von religi\u00f6sen F\u00fchrern und Familienoberh\u00e4uptern beherrscht werden. F\u00fcr diese Menschen ist der Dschihad ein Weg, sich zu emanzipieren. Es ist absolut auff\u00e4llig, dass sie in den Gebieten, die unter ihre Kontrolle fallen, zuerst die Dorfvorsteher, die \u00c4ltesten, angreifen. Ich glaube, der Erfolg der bewaffneten Terrorgruppen erkl\u00e4rt sich gr\u00f6\u00dftenteils durch den Machtzuwachs dieser jungen Menschen, die Tatendrang und Kampfeslust versp\u00fcren. Deshalb ist insbesondere der sogenannte \u201eIslamische Staat in der Gr\u00f6\u00dferen Sahara\u201c seit seiner Gr\u00fcndung im Jahr 2015 so erfolgreich. Er ist aktiver und aggressiver als andere Gruppen wie beispielsweise Al-Qaida im islamischen Maghreb.<\/p>\n<p><strong>KIRCHE IN NOT: Wie kommt es, dass diese bewaffneten Terrorgruppen, die jedoch nicht \u00fcber besonders umfangreiche Mittel verf\u00fcgen, vor Ort gegen\u00fcber regul\u00e4ren Armeen solche Erfolge erzielen? <\/p>\n<p> <\/strong>Sie sind extrem mobil und brauchen keine umfangreichen Mittel. Sie greifen an und zerstreuen sich mit Leichtigkeit. Und sie profitieren insbesondere vom Zustand der Truppen, die ihnen gegen\u00fcberstehen! In Mali konnte ein Milit\u00e4rst\u00fctzpunkt ungehindert von den Terroristen angegriffen werden, weil die Soldaten nicht Wache standen, obwohl das doch zu den Grundlagen der milit\u00e4rischen Ausbildung geh\u00f6rt. Wenn man nach 60 Jahren Zusammenarbeit zwischen Frankreich und Mali diese Art von Verhalten sieht, kann man die Zukunft schon etwas pessimistisch betrachten. Zwischen den Soldaten und ihren Vorgesetzten herrscht ein Mangel an Vertrauen, der vor Ort katastrophale Konsequenzen hat. In Burkina Faso beginnt der Staat nun, Zivilisten zu bewaffnen, das ist sehr besorgniserregend. Die Erfahrung zeigt, dass das die sicherste Methode ist, um die Saat des B\u00fcrgerkrieges zu s\u00e4en.<\/p>\n<p><strong>KIRCHE IN NOT: Wie wird sich die Situation nun weiterentwickeln? <\/p>\n<p> <\/strong>Ich bef\u00fcrchte, dass sich in den n\u00e4chsten f\u00fcnf Jahren die Erweiterung des von den bewaffneten Terrorgruppen beherrschten Gebietes fortsetzt. Die Schmuggelaktivit\u00e4ten werden besser organisiert sein und weiter zunehmen. Nachdem sie ihren Einfluss auf die muslimischen Regionen der Sahara ausgedehnt haben, werden nun die Ortschaften, an denen Christen und Muslime zusammenleben, zu den n\u00e4chsten Zielen. In Burkina Faso und in Nigeria ist das Gleichgewicht, das bisher m\u00f6glich war, nun in Gefahr. Und in den kommenden f\u00fcnf Jahren werden die afrikanischen Staaten weiterhin die Unterst\u00fctzung des Westens ben\u00f6tigen, um die Katastrophe zu verhindern. Ohne die Operation Barkhane w\u00e4re Mali bereits heute in zwei Teile gespalten, und der Versuch eines Staatsstreichs im Tschad 2013 h\u00e4tte vielleicht gelingen k\u00f6nnen. Dies n\u00e4hrt die Propaganda der Dschihadisten, die mit den frankreichfeindlichen Ressentiments spielen; doch es gibt keine andere L\u00f6sung, eine weitere Versch\u00e4rfung der Situation zu verhindern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDie Ortschaften, in denen Christen und Muslime zusammenleben, sind die n\u00e4chsten Ziele\u201c.&nbsp;Der Islamforscher und wissenschaftliche Mitarbeiter der Universit\u00e4t Aix-Marseille Olivier Hanne beschrieb 2015 das f\u00fcr ihn \u201ewahrscheinlichste Szenario f\u00fcr die Sahelzone im Jahr 2020\u201c. 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