{"id":2489,"date":"2022-04-26T09:23:31","date_gmt":"2022-04-26T07:23:31","guid":{"rendered":"http:\/\/localhost\/christenverfolgung\/pater-maccalli-ueber-seine-entfuehrung-html\/"},"modified":"2023-02-16T15:40:34","modified_gmt":"2023-02-16T14:40:34","slug":"pater-maccalli-ueber-seine-entfuehrung-html","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kircheinnot.at\/christenverfolgung\/pater-maccalli-ueber-seine-entfuehrung-html\/","title":{"rendered":"Pater Maccalli \u00fcber seine Entf\u00fchrung"},"content":{"rendered":"<p>Der Afrikamissionar Pier Luigi Maccalli berichtet \u00fcber seine zweij\u00e4hrige Gefangenschaft in Subsahara-Afrika.&nbsp;Der italienische Afrikamissionar Pater Pier Luigi Maccalli war \u00fcber zwei Jahre in der Hand dschihadistischer Milizen. Im Oktober 2020 kam er zusammen mit anderen Geiseln frei. Er wurde von Niger in die W\u00fcste Sahara bis nach Mali verschleppt. Pater Maccallis Schicksal steht f\u00fcr die zunehmende terroristische Gewalt in Subsahara-Afrika, die sich auch gegen Christen richtet.<\/p>\n<p><em>Dennoch l\u00e4sst der Missionar keinen Hass in seinem Herzen aufkommen, wie er im Gespr\u00e4ch mit dem weltweiten katholischen Hilfswerk \u201eKirche in Not\u201c betont. Er fordert mehr Aufmerksamkeit f\u00fcr die Entt\u00e4uschung der jungen Bev\u00f6lkerung der Sahelzone, die sich zunehmend radikalisiert.<\/em><\/p>\n<p><strong>KIRCHE IN NOT: Pater Maccalli, was waren Ihre Aufgaben, bevor Sie entf\u00fchrt wurden?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Pater Pier Luigi Maccalli:<\/strong> Ich war elf Jahre in Bomoanga im S\u00fcdwesten von Niger t\u00e4tig. F\u00fcr mich geht die Verk\u00fcndigung des Evangeliums immer Hand in Hand mit der F\u00f6rderung der Menschen. Ich habe versucht, das auf drei Arten umzusetzen: erstens eine besondere Aufmerksamkeit f\u00fcr die Schulbildung, um den neuen Generationen eine Zukunft zu geben, zweitens: Einsatz f\u00fcr die Gesundheitsversorgung, weil es in Niger viele Epidemien gibt und die Kindersterblichkeit sehr hoch ist. Ein dritter Schwerpunkt ist die Ausbildung junger Menschen, vor allem im landwirtschaftlichen Bereich.<\/p>\n<p><strong>Wie sind Sie in die Gewalt der Islamisten geraten?<\/strong><\/p>\n<p>Es war am Abend des 17. September 2018. Ich wollte gerade schlafen gehen, da h\u00f6rte ich pl\u00f6tzlich Ger\u00e4usche vor dem Fenster. Ich dachte zuerst: Da stehen Menschen drau\u00dfen und bitten um Medikamente. Also ging ich im Schein einer Taschenlampe hinaus. Da wurde ich auch schon von einer Gruppe von Leuten umzingelt. Sie haben mir die H\u00e4nde hinter dem R\u00fccken gefesselt. Ich dachte erst, es sei ein bewaffneter Raub\u00fcberfall. Sie feuerten dreimal in die Luft und zogen mich mit sich. Au\u00dferhalb des Dorfes standen Motorr\u00e4der. Die Angreifer haben mir die Augen verbunden und mich auf eines der Motorr\u00e4der gesetzt. So begann diese lange Reise, von der ich nie gedacht h\u00e4tte, dass sie l\u00e4nger als zwei Jahre dauern w\u00fcrde.<\/p>\n<p><strong>Welche islamistische Gruppe genau hat Sie entf\u00fchrt?<\/strong><\/p>\n<p>Zuerst waren es Fulani [radikale Angeh\u00f6rige des Nomndenvolks der Fulani; Anm. d. Red.]. Sie stammten jedoch nicht aus Niger, sondern aus dem benachbarten Burkina Faso. Diese Gruppe hat mich dann quer durch Burkina Faso bis nach Mali verschleppt. Dort wurde ich in die H\u00e4nde einer anderen Gruppe \u00fcbergeben. Sie nannte sich \u201emalische Araber\u201d und brachte mich in die W\u00fcste Sahara. Im letzten Jahr meiner Gefangenschaft wurde ich erneut verlegt und von einer anderen Gruppe in Gewahrsam genommen. Sie firmieren unter dem Namen \u201eGruppe zur Unterst\u00fctzung des Islams und der Muslime\u201d (Dscham\u0101\u02bfat Nusrat al-Isl\u0101m wa-l-Muslim\u012bn), die unter der Ideologie von al-Qaida vereint sind.<\/p>\n<p><strong>Was wollten die Islamisten mit Ihrer Entf\u00fchrung erreichen?<\/strong><\/p>\n<p>Ich wei\u00df es nicht. Sie wussten nicht, wer ich war und was ich gearbeitet habe. Ich glaube, das Einzige, was sie interessierte, war meine Hautfarbe. Die Sahelzone erlebt derzeit das Drama eines Krieges, der weit \u00fcber ihre Grenzen hinausgeht. Seit dem Ende von Gaddafi in Libyen str\u00f6men Waffen und S\u00f6ldner in die gesamte Region. Es handelt sich um w\u00fctende junge Rekruten. Sie werden mit einer Kalischnikow, einem Motorrad, einem Telefon und der folgenden Ideologie ausgestattet: \u201eGeh und tu etwas Gro\u00dfes f\u00fcr Allah\u201c. Das bringt so viel Terror und Leid hervor.<\/p>\n<p><strong>Wie sah ihr t\u00e4gliches Leben in der Gefangenschaft aus?<\/strong><\/p>\n<p>Die ersten Monate waren sehr schwierig. Ich habe geweint, ich habe in meiner Verzweiflung zu Gott geschrien. Dann bat ich meine Entf\u00fchrer, mir etwas zum Schreiben zu geben. Schlie\u00dflich gaben sie mir einige Bl\u00e4tter Papier, sp\u00e4ter ein kleines Notizbuch. Ich habe darin meine Erfahrungen und Gedanken aufgeschrieben.<\/p>\n<p>Ich habe zwei Jahre lang immer auf dem Boden geschlafen, immer im Freien, vom Wind umweht. Ich habe gegessen, was sie mir gaben, und trank Wasser, das nach Benzin schmeckte. Was mich aber am meisten belastet hat: dass ich aus meiner Gemeinschaft und jeglichen Beziehung herausgerissen war und mit niemandem in Kontakt treten konnte.<\/p>\n<p>Mein st\u00e4ndiger Begleiter war das Gebet. Ich habe mir einen kleinen Rosenkranz gemacht, den ich am Handgelenk trug. Darin bestand mein t\u00e4gliches Gebet in der gro\u00dfen Stille, die ich in dieser gro\u00dfen W\u00fcste erlebte.<\/p>\n<p><strong>Wie wurden Sie von den Entf\u00fchrern behandelt?<\/strong><\/p>\n<p>Am schwersten waren die Beleidigungen, die ich hinnehmen musste. Mehrere Wochen am Beginn und Ende meiner Gefangenschaft war ich mit Ketten gefesselt. Ich habe mir gesagt, dass zwar meine F\u00fc\u00dfe angekettet sind, aber mein Herz ist es nicht. So wurde mein Herz frei. Ich konnte all die Menschen, die ich in meinem Herzen habe, im Gebet mit mir tragen. Das war vielleicht ein Geschenk, das ich durch dieses Leiden erhalten habe.<\/p>\n<p><strong>Wie sind Sie freigekommen?<\/strong><\/p>\n<p>Ich wei\u00df, dass es lange und m\u00fchsame Verhandlungen gab. Aber die Details kenne ich nicht. Am 5. Oktober h\u00f6rte ich: In der malischen Hauptstadt Bamako wurden Gefangene freigelassen und wir Geiseln freigekauft. Am n\u00e4chsten Tag kam ein Auto. Sie verbanden uns die Augen und fuhren mit uns zwei Tage lang durch die W\u00fcste. Am 8. Oktober wurden wir schlie\u00dflich freigelassen.<\/p>\n<p><strong>Was ist aus Ihrer Sicht das beste Mittel gegen den Islamismus?<\/strong><\/p>\n<p>Wir brauchen ein gro\u00dfes lokales und internationales Engagement. Ich glaube, dass die Antwort auf Konflikte nicht in der Konfrontation liegt, sondern in der Begegnung und im Zuh\u00f6ren. Der erste Bischof von Niamey, der Hauptstadt von Niger, hat einmal zu seinen Mitarbeitern gesagt: \u201eDie Pastoral, die ich von euch verlange, ist die ,Pastoral der Matte\u2019. Setzen Sie sich zu den Menschen, lernen Sie die Sprache, h\u00f6ren Sie zu.\u201d Wir brauchen diese \u201eMattenseelsorge\u201d, die aus Dialog, Geduld und Zuh\u00f6ren besteht. Denn wenn wir die Wunde nicht heilen, wird sie immer weiter mit Gewalt bluten.<\/p>\n<p><strong>Welche Erfahrungen wollen Sie Ihren Mitmenschen vermitteln?<\/strong><\/p>\n<p>Beginnen wir damit, unsere Worte zu \u201eentwaffnen\u201d. Wenn ich mir heute Sport-, Politik- und Nachrichtensendungen ansehe, wird mir bewusst, wie viele aggressive W\u00f6rter wir verwenden. Wenn wir unsere Worte entwaffnen, vermeiden wir eine bewaffnete Reaktion der H\u00e4nde, und vielleicht wird unser Herz dann Wege der Br\u00fcderlichkeit finden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ich danke \u201eKirche in Not\u201d und allen Unterst\u00fctzern. Ich wei\u00df, dass viele Menschen f\u00fcr meine Freilassung gebetet haben. Beten wir weiterhin f\u00fcr andere Geiseln, damit auch sie die Freude \u00fcber die R\u00fcckkehr zu ihren Familien erleben k\u00f6nnen.&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Afrikamissionar Pier Luigi Maccalli berichtet \u00fcber seine zweij\u00e4hrige Gefangenschaft in Subsahara-Afrika.&nbsp;Der italienische Afrikamissionar Pater Pier Luigi Maccalli war \u00fcber zwei Jahre in der Hand dschihadistischer Milizen. Im Oktober 2020 kam er zusammen mit anderen Geiseln frei. Er wurde von Niger in die W\u00fcste Sahara bis nach Mali verschleppt. 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