{"id":381,"date":"2014-01-09T08:36:45","date_gmt":"2014-01-09T08:36:45","guid":{"rendered":"http:\/\/localhost\/christenverfolgung\/interview-ueber-situation-nigeria-html\/"},"modified":"2022-12-06T15:33:33","modified_gmt":"2022-12-06T15:33:33","slug":"interview-ueber-situation-nigeria-html","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kircheinnot.at\/christenverfolgung\/interview-ueber-situation-nigeria-html\/","title":{"rendered":"Interview \u00fcber Situation in Nigeria"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"line-height: 1.538em;\">Bischof Hyacinth Egbebo leitet das Apostolische Vikariat Bomadi im Nigerdelta. Im Gespr\u00e4ch mit dem weltweit t\u00e4tigen katholischen Hilfswerk &#8222;Kirche in Not&#8220; spricht er \u00fcber die Herausforderungen f\u00fcr die Kirche und Gesellschaft Nigerias im Angesicht des Terrors der Islamistensekte &#8222;Boko Haram&#8220;.<\/span><\/p>\n<p><strong style=\"line-height: 1.538em;\">Boko-Haram-K\u00e4mpfer haben Ende des vergangenen Jahres 70 Christen im Norden Nigerias massakriert und praktisch jede Woche kommt es zu weiteren Angriffen. Die Islamisten werfen der Regierung vor, sie habe nicht auf Angriffe von Christen gegen Muslime reagiert. Gab es solche Angriffe?<\/strong><\/p>\n<p><span>Vor zwei Jahren wurden in der Stadt Jos Menschen aus Rache get\u00f6tet und in Kaduna im letzten Winter. In beiden F\u00e4llen handelte es sich um christliche Hochburgen. Allerdings verurteilten die Bisch\u00f6fe es zutiefst, dass Muslime von Christen get\u00f6tet wurden. Es kommt nur noch sehr selten zu solchen Angriffen aus Rache. Erzbischof Ignatius Kaigama von Jos, Vorsitzender der nigerianischen Bischofskonferenz, hat au\u00dferdem die Aufmerksamkeit auf das gelenkt, was er islamische Propaganda nennt \u2013 \u00dcbertreibungen bei den Zahlen der get\u00f6teten Muslime \u2013 und auf F\u00e4lle hingewiesen, in denen die Muslime die Leichen christlicher Opfer bei ihren Toten mitgez\u00e4hlt hatten. <\/span><\/p>\n<p><strong><span>Was will der radikale Islam? Warum dieser Hass auf Christen? <\/span><\/strong><\/p>\n<p><span>Boko Haram will einen islamischen Staat im Norden, in dem das Gesetz der Scharia f\u00fcr alle gilt. Dementsprechend wird alles, das der Durchsetzung dieser Zielsetzung im Wege steht, zur Zielscheibe der Gewalt. Zu diesen Hindernissen geh\u00f6ren die Regierung, die Verfassung, die Polizei und die Armee. Christen werden dar\u00fcber hinaus mit dem Westen in Verbindung gebracht, mit Werten wie Freiheit und Demokratie und der F\u00f6rderung von Bildung. Aus diesem Grund greift Boko Haram sogar Schulen an und t\u00f6tet Kinder. Die Fanatiker sind der Meinung, dass westliche Bildung verboten werden sollte. Sollten sie im Norden Erfolg haben, w\u00fcrde sich ihr Blick in Richtung S\u00fcden wenden. Wenn sie Nigeria \u00fcberrennen, wird dies das Sprungbrett zur Eroberung kleinerer L\u00e4nder sein. Es gibt au\u00dferhalb des Landes viel Unterst\u00fctzung f\u00fcr Boko Haram \u2013 anders l\u00e4sst sich nicht erkl\u00e4ren, dass sie so professionell geschult und versorgt werden. Wenn es sich ausschlie\u00dflich um eine heimische Organisation handelte, w\u00e4re sie l\u00e4ngst besiegt.<\/span><\/p>\n<p><strong><span>Welche Kr\u00e4fte au\u00dferhalb des Landes k\u00f6nnten dahinter stecken?<\/span><\/strong><\/p>\n<p><span>Ich bin mir nicht sicher. Der libysche F\u00fchrer Muammar al-Gaddafi hat eine gro\u00dfe Rolle gespielt. Der ehemalige Pr\u00e4sident Nigerias, General Muhammadu Buhari, drohte einmal so gut wie unverh\u00fcllt, falls er nicht wiedergew\u00e4hlt w\u00fcrde, f\u00fcr die Unregierbarkeit des Landes zu sorgen. Mit Goodluck Jonathan wurde ein Mann aus dem S\u00fcden, ein christlicher F\u00fchrer, zum Pr\u00e4sidenten Nigerias gew\u00e4hlt. Die Angriffe durch Islamisten haben seitdem definitiv zugenommen.<\/span><\/p>\n<p><strong><span>Gibt es genug moderate Muslime in Nigeria, die ein Gegengewicht zu den Radikalen sein k\u00f6nnten? <\/span><\/strong><\/p>\n<p><span>Ja, prominente Muslim-F\u00fchrer haben sich gegen Boko Haram ausgesprochen, was zu Attentatsversuchen f\u00fchrte. Einige von ihnen sind schon ums Leben gekommen. Es gibt auch Muslime, die christliche Kirchen w\u00e4hrend der Gottesdienste bewachen. Auf gar keinen Fall sind alle nigerianischen Muslime mit dieser Radikalisierung einverstanden! Besonders im S\u00fcden gibt es moderate Muslime, die Christen innerhalb ihrer eigenen Familien akzeptieren. Leider unterst\u00fctzen einige politische F\u00fchrer Boko Haram. Das hat die Regierung selbst zugegeben. Nachdem ein Christ aus dem S\u00fcden zum Pr\u00e4sidenten gew\u00e4hlt wurde, herrschte in Nigeria die sp\u00fcrbare Furcht, dass die politische Macht sich in Richtung S\u00fcden verlagert. Das bedroht die Privilegien der muslimischen Eliten im Norden, von denen manche ohne jegliche Qualifikation in Machtpositionen aufgestiegen sind \u2013 ganz einfach, weil sie Muslime waren. Nehmen Sie beispielsweise die Erd\u00f6lindustrie, deren reiche Gaben bisher an die Menschen im Norden gingen. <\/span><\/p>\n<p><strong><span>Aber das \u00d6l kommt aus dem S\u00fcden.<\/span><\/strong><\/p>\n<p><span>Ja, aber sehen Sie sich das selbst einmal an. Wir haben keine Elektrizit\u00e4t, und die Stra\u00dfen haben so viele Schlagl\u00f6cher, dass Autofahren wirklich gef\u00e4hrlich ist. Der Wohlstand, der aus unseren Bodensch\u00e4tzen entsteht, flie\u00dft im w\u00f6rtlichen und \u00fcbertragenen Sinne nach Norden. Das \u00d6l wird \u00fcber 1100 Kilometer weit nach Norden geleitet, bevor es raffiniert wird. In meinem Vikariat Bomadi gibt es keine zuverl\u00e4ssigen Schulen oder Krankenh\u00e4user. Es gibt kein Trinkwasser. Ver\u00e4nderungen vollziehen sich sehr langsam. Eine echte Reform erfordert eine mutige und charismatische F\u00fchrung. <\/span><\/p>\n<p><strong><span>Es gibt auch Berichte, dass Christen Muslime werden, um wirtschaftlich voranzukommen. Stimmt das? <\/span><\/strong><\/p>\n<p><span>Das war unter den Milit\u00e4rregimes sicherlich der Fall, als die Pr\u00e4sidenten aus dem Norden kamen und die Erd\u00f6leinnahmen in erster Linie von ihnen auf eine sehr pers\u00f6nliche Weise kontrolliert wurden. Man konnte Muslim werden, eine muslimische Frau heiraten und an den Erd\u00f6leinnahmen teilhaben. Diese Konvertiten werden wohl, wenn sich ihr Blatt wendet, wieder zum christlichen Glauben zur\u00fcckkehren \u2013 allerdings d\u00fcrfte sie das im Norden ihr Leben kosten. Sie m\u00fcssen in den S\u00fcden umsiedeln, wenn sie wirklich zu ihrem fr\u00fcheren christlichen Glauben zur\u00fcckkehren wollen. Die Verfassung gestattet solche Konversionen, aber das Gesetz wird im Norden ignoriert. <\/span><\/p>\n<p><strong><span>Was ist das gr\u00f6\u00dfte Geschenk, das die Kirche Nigeria geben kann? <\/span><\/strong><\/p>\n<p><span>Christen k\u00f6nnen einen gro\u00dfen Beitrag leisten, indem sie die Wahrheit sagen und hervorheben, dass Frieden wichtig ist. Die Bisch\u00f6fe Nigerias wenden sich regelm\u00e4\u00dfig an die Regierung und bitten dringend um Reformen. Boko Haram w\u00fcrde schw\u00e4cher werden, wenn die Menschen eine Aussicht auf ein anst\u00e4ndiges Leben h\u00e4tten. Es herrscht ein hohes Ma\u00df an Gesetzlosigkeit und ungez\u00fcgelter Kriminalit\u00e4t. Die katholische Kirche bem\u00fcht sich au\u00dferdem um eine gute medizinische Versorgung und Bildung. Darum schicken viele Muslime in hohen Positionen ihre Kinder in unsere Schulen. <\/span><\/p>\n<p><strong><span>Sie erw\u00e4hnten Korruption als spezielle Plage der Nigerianer.<\/span><\/strong><\/p>\n<p><span>W\u00e4ren unsere Regierungsf\u00fchrer nicht korrupt, h\u00e4tten die Nigerianer einen Grund, ein ganz anderes Leben zu f\u00fchren. Korruption ist eines unserer schlimmsten \u00dcbel. Es gibt keine Hoffnung, ein anst\u00e4ndiges Leben zu f\u00fchren. Darum geraten viele so leicht in den Sog eines Lebens voller Gewalt. Besonders junge Menschen werden angeworben, um w\u00e4hrend der Wahlen f\u00fcr wenig Geld f\u00fcr die Interessen einiger Regierungsmitglieder zu k\u00e4mpfen. Viele sind dabei gestorben. Darum predigen nigerianische Bisch\u00f6fe und Priester in fast jeder Messe gegen Korruption. Wir haben ein Gebet gegen Korruption verfasst, das von Katholiken jeden Tag gesprochen wird. Au\u00dferdem werden junge Menschen, die f\u00fcr den Schutz der \u00d6l-Pipelines verantwortlich sind, h\u00e4ufig verd\u00e4chtigt, Roh\u00f6l zu stehlen. In einigen F\u00e4llen verursachen sie absichtlich Lecks, denn die Regierung zahlt ihnen ihre L\u00f6hne nicht. Die Leitungen platzen aber auch, da sie nicht rechtzeitig repariert oder ersetzt werden. Das auslaufende \u00d6l verunreinigt das Wasser, das die Menschen zum Trinken ben\u00f6tigen.<\/span><\/p>\n<p><strong><span>Sind Sie entt\u00e4uscht, dass die Regierungen der westlichen Staaten und selbst Kirchenf\u00fchrer nicht eingreifen? <\/span><\/strong><\/p>\n<p><span>Die westlichen Staaten h\u00e4tten mehr tun k\u00f6nnen. Aber das Erd\u00f6l ist das Problem, vermute ich. Sie profitieren davon und wollen sich mit denen in der Machtposition nicht anlegen. Chevron, Shell, Agip \u2013 diese Firmen nutzen unser \u00d6l und unternehmen nicht genug gegen die fundamentale Ungerechtigkeit der Situation. Internationale Standards werden von diesen Erd\u00f6lunternehmen in der Regel nicht eingehalten. Ich muss aber auch sagen, dass die f\u00fchrenden K\u00f6pfe Nigerias und die lokalen Gemeinden die Sache auch nicht gerade besser gemacht haben, da sie mehr am pers\u00f6nlichen Gewinn als am Wohl der Allgemeinheit interessiert sind.<\/span><\/p>\n<p><strong><span>Was ist Ihre Botschaft an den Westen? <\/span><\/strong><\/p>\n<p><span>Sehen Sie nicht einfach zu, wie Nigeria sich aufl\u00f6st! Sorgen Sie daf\u00fcr, dass Boko Haram besiegt wird. F\u00e4llt Nigeria in die H\u00e4nde der Islamisten, ist ganz Afrika in Gefahr. Das w\u00e4re ein unvorstellbares humanit\u00e4res Desaster. Denken Sie bitte auch daran, dass wir hier dringendere Probleme haben, als diejenigen, mit denen sich der Westen besch\u00e4ftigt und die man uns gerne aufzwingen m\u00f6chte \u2013 wie gleichgeschlechtliche Ehen oder Abtreibung. Man hat uns gesagt, wenn wir Zugang zu westlicher Hilfe haben wollen, m\u00fcssen wir akzeptieren, wie die Dinge auf moderne Weise getan werden. Wir wollen nichts davon. Aber wir sterben, weil uns Lebensmittel und sehr grundlegende Dinge fehlen. (Bild: Open Doors)<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bischof Hyacinth Egbebo leitet das Apostolische Vikariat Bomadi im Nigerdelta. Im Gespr\u00e4ch mit dem weltweit t\u00e4tigen katholischen Hilfswerk &#8222;Kirche in Not&#8220; spricht er \u00fcber die Herausforderungen f\u00fcr die Kirche und Gesellschaft Nigerias im Angesicht des Terrors der Islamistensekte &#8222;Boko Haram&#8220;. 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