{"id":517,"date":"2014-07-02T08:38:51","date_gmt":"2014-07-02T06:38:51","guid":{"rendered":"http:\/\/localhost\/christenverfolgung\/das-ist-die-dunkelste-stunde-des-irak-html\/"},"modified":"2023-02-23T12:15:20","modified_gmt":"2023-02-23T11:15:20","slug":"das-ist-die-dunkelste-stunde-des-irak-html","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kircheinnot.at\/christenverfolgung\/das-ist-die-dunkelste-stunde-des-irak-html\/","title":{"rendered":"&#8222;Das ist die dunkelste Stunde des Irak&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Patriarch Louis Rafael I. Sako: \u201eDas ist die dunkelste Stunde des Irak\u201c. Das&nbsp; Oberhaupt der chald\u00e4isch-katholischen Kirche f\u00fcrchtet christlichen Exodus im Irak. Ein Interview mit den Patriarchen von Kirche in Not.&nbsp;<strong style=\"line-height: 1.538em;\">Frage: Haben Sie Hoffnung, dass der Irak als Gesamtstaat erhalten bleibt?&nbsp;<\/strong><span style=\"line-height: 1.538em;\">Patriarch Louis Rafael I. Sako: \u201eNein. Vielleicht wird eine symbolische Einheit und der Name Irak weiterhin bestehen. Aber de facto wird es drei unabh\u00e4ngige Zonen mit eigenen Haushalten und Armeen geben.\u201c<\/span><\/p>\n<p><span><strong>Frage: Welche Folgen hat dieser Staatszerfall f\u00fcr die Christen des Irak?<\/strong> <br \/> Patriarch Louis Rafael I. Sako: \u201eDas ist die Frage. Ehrlich gesagt sind wir Bisch\u00f6fe zum gegenw\u00e4rtigen Zeitpunkt etwas ratlos. M\u00f6glicherweise liegt die Zukunft in Kurdistan. Viele Christen leben ja schon dort. Aber es gibt auch viele, die in Bagdad leben, manche auch in Basra im schiitischen S\u00fcden. Wir m\u00fcssen die weitere Entwicklung abwarten.\u201c<\/span><\/p>\n<p><span><strong>Frage: Am Freitag ist die Synode der chald\u00e4ischen Kirche in Erbil zu Ende gegangen. Haben Sie Ma\u00dfnahmen beschlossen angesichts der christlichen Fl\u00fcchtlingskrise aus von ISIS besetzten oder bedrohten Gebieten?<\/strong> <br \/> Patriarch Louis Rafael I. Sako: \u201eWir haben uns damit intensiv befasst. Wir haben auch eine Kommission von f\u00fcnf Bisch\u00f6fen der betroffenen Gebiete eingesetzt, die sich um die erste Hilfe f\u00fcr die Fl\u00fcchtlinge k\u00fcmmern soll. Der amerikanische und der franz\u00f6sischen Konsul waren hier, um uns zu helfen und eine Vision zu entwickeln. Die Dinge sind aber noch im Fluss. Ich bin mit anderen Bisch\u00f6fen der Meinung, dass sich die Lage verschlimmern wird. Es gibt derzeit ja drei Fragmente des Irak, einen sunnitischen, kurdischen und schiitischen Teil. Die Kurden haben ohnehin schon die Autonomie. Die Schiiten quasi auch. Die Sunniten folgen jetzt. Der Irak wird also geteilt werden. Wenn das so ist, dann ist es besser, sich zusammenzusetzen und einen Konsens zu finden, um weitere K\u00e4mpfe und den Verlust von Menschenleben zu vermeiden.\u201c<\/span><\/p>\n<p><span><strong>Frage: Ist das die dunkelste Stunde der irakischen Christenheit?<\/strong> <br \/> Patriarch Louis Rafael I. Sako: \u201eEs ist die dunkelste Stunde f\u00fcr alle. Es gibt ja keine Christenverfolgung. Es sind viel mehr Muslime aus Mossul und Umgebung gefl\u00fcchtet. Aber was uns gro\u00dfe Sorge bereitet, ist, dass die Abwanderung der Christen aus dem Irak zunehmen wird. Als ich k\u00fcrzlich in der T\u00fcrkei war, kamen zehn christliche Familien aus Mossul dort an. Und Alkosh, einen zur G\u00e4nze christlichen Ort unweit von Mossul, haben in nur einer Woche zwanzig Familien verlassen. Das ist sehr ernst. Wir verlieren unsere Gemeinde. Wenn das christliche Leben im Irak endet, dann ist unsere Geschichte unterbrochen. Unsere Identit\u00e4t ist bedroht.\u201c<\/span><\/p>\n<p><span><strong>Frage: Sollen westliche L\u00e4nder irakischen Christen Visa geben oder nicht?<\/strong> <br \/> Patriarch Louis Rafael I. Sako: \u201eDie Trag\u00f6die ist, dass die Familien geteilt sind. Viele sind schon im Westen. Die Kinder fragen ihre Eltern st\u00e4ndig, warum sie noch immer dableiben und nicht nachkommen. Diesen Trend kann man nicht stoppen. Das ist unm\u00f6glich.\u201c<\/span><\/p>\n<p><span><strong>Frage: Es gibt also keine Hoffnung?<\/strong> <br \/> Patriarch Louis Rafael I. Sako: \u201eVielleicht werden die \u00c4lteren zur\u00fcckkommen, wenn sich die Lage stabilisiert. Aber die Jungen werden im Ausland bleiben. In zehn Jahren wird es vielleicht noch 50.000 Christen im Irak geben. Vor 2003 waren wir etwa 1,2 Millionen. Innerhalb von zehn Jahren sind wir auf vielleicht vier- bis f\u00fcnfhunderttausend Gl\u00e4ubige geschrumpft. Genaue Zahlen haben wir aber keine.\u201c<\/span><\/p>\n<p><span><strong>Frage: Was k\u00f6nnen wir Christen im Westen tun?<\/strong> <br \/> Patriarch Louis Rafael I. Sako: \u201eDie Christen im Westen sind sehr schwach. Es gibt dort gute Christen, die uns mit ihrem Gebet und auch materiell unterst\u00fctzen. Aber ihr Einfluss ist gering. Insgesamt tut der Westen \u00fcberhaupt nichts. Wir sind sehr entt\u00e4uscht. Sie schauen unbeteiligt zu. Fu\u00dfball interessiert dort mehr als die Lage hier oder in Syrien. Die westliche Politik folgt nur wirtschaftlichen Interessen. Die internationale Gemeinschaft sollte Druck auf irakische Politiker aus\u00fcben, damit sie eine politische L\u00f6sung finden und eine Regierung der nationalen Einheit bilden.\u201c<\/span><\/p>\n<p><span><strong>Frage: Was kann \u201eKirche in Not\u201c f\u00fcr die Christen des Irak tun?<\/strong> <br \/> Patriarch Louis Rafael I. Sako: \u201eBeten Sie f\u00fcr uns. Wir werden in Zukunft auch Hilfe brauchen, um eine christliche Infrastruktur zu schaffen, wenn sich die Lage stabilisiert hat. Wir werden neue H\u00e4user brauchen, Fabriken und die Landwirtschaft wieder aufbauen m\u00fcssen. Die verbliebenen christlichen Orte m\u00fcssen modernisiert werden. F\u00fcr all das sind wir auf die Hilfe von au\u00dfen angewiesen.\u201c<\/span><\/p>\n<p><span><strong>Frage: K\u00f6nnen Sie als Unbeteiligter eine Vermittlerrolle in der gegenw\u00e4rtigen Situation spielen? Als Sie noch Erzbischof der zwischen Arabern und Kurden umstrittenen Stadt Kirkuk waren, stand Ihr Haus auch allen Parteien offen.<\/strong> <br \/> Patriarch Louis Rafael I. Sako: \u201eIch habe das in Bagdad fortgesetzt. Dort sitzen ja alle wichtigen Entscheidungstr\u00e4ger. Ich habe beispielsweise den Parlamentspr\u00e4sidenten besucht. Aber jetzt ist die Zeit daf\u00fcr vorbei. Die Spaltung ist viel schlimmer geworden. Wie soll ich nach Falludscha in der sunnitischen Anbar-Provinz gehen? Das Problem ist ja, dass die Sunniten keinen echten F\u00fchrer in Bagdad haben, der f\u00fcr sie sprechen kann.\u201c<\/span><\/p>\n<p><span><strong>Frage: Glauben Sie, dass die Mehrheit der arabischen Sunniten ISIS unterst\u00fctzt?<\/strong> <br \/> Patriarch Louis Rafael I. Sako: \u201eJa. Eindeutig. Sie teilen nicht unbedingt ihre Ideologie. Aber sie unterst\u00fctzen das politische Ziel, das Regime zu wechseln und ihren eigenen Staat zu gr\u00fcnden. ISIS will einen islamischen Staat mit \u00d6lquellen gr\u00fcnden, um die Welt zu islamisieren.\u201c<\/span><\/p>\n<p><span><strong>Frage: Das ist auch eine Gefahr f\u00fcr den Westen?<\/strong> <br \/> Patriarch Louis Rafael I. Sako: \u201eIch denke, das ist eine Gefahr f\u00fcr alle.\u201c<\/span><\/p>\n<p><span><strong>Frage: Es gibt Rufe nach einer amerikanischen Intervention, um den Vormarsch von ISIS zu stoppen. Was meinen Sie?<\/strong> <br \/> Patriarch Louis Rafael I. Sako: \u201eNein. Ich sehe das nicht so. Die Amerikaner waren hier und haben viele Fehler gemacht. Die jetzige Lage ist ihre Schuld. Warum ein Regime durch ein schlimmere Lage ersetzen? Das ist nach 2003 geschehen. Die Amerikaner haben einen Diktator abgesetzt. Aber wenigstens hatten wir damals unter Saddam Hussein Sicherheit und Arbeit. Und was haben wir jetzt? Konfusion, Anarchie und Chaos. Dasselbe ist in Libyen und Syrien geschehen. Wenn man eine \u00c4nderung der Situation hier will, dann muss man die Menschen in den Schulen, Medien und Moscheen zu Freiheit, Demokratie und dem Aufbau des eigenen Landes erziehen. Eine Demokratie nach westlichem Vorbild kann hier unm\u00f6glich eingesetzt werden. Unter dem alten Regime vor 2003 hatten wir keine konfessionellen Probleme. Wir waren alle Iraker. Jetzt sprechen wir von Sunniten, Schiiten, Christen, Arabern und Kurden.\u201c<\/span><\/p>\n<p><span><strong>Frage: Aber war das nicht nur so, weil Saddam die verschiedenen Gruppen mit eiserner Faust zusammenhielt?<\/strong> <br \/> Patriarch Louis Rafael I. Sako: \u201eVielleicht brauchen wir im Nahen Osten in dem gegenw\u00e4rtigen Kontext einen starken F\u00fchrer, der aber gleichzeitig gerecht ist und nicht nur nach seiner Familie oder seinem Stamm schaut.\u201c<\/span><\/p>\n<p><span><strong>Frage: Diesen starken F\u00fchrer gibt es derzeit nicht. Sehen Sie dennoch eine Chance, den Zerfall des Irak aufzuhalten und eine politische L\u00f6sung zu finden?<\/strong> <br \/> Patriarch Louis Rafael I. Sako: \u201eDie M\u00f6glichkeit besteht dann noch, wenn der Westen und unsere Nachbarn wie Iran, die T\u00fcrkei, Katar und Saudi-Arabien das wollen.\u201c<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Patriarch Louis Rafael I. Sako: \u201eDas ist die dunkelste Stunde des Irak\u201c. Das&nbsp; Oberhaupt der chald\u00e4isch-katholischen Kirche f\u00fcrchtet christlichen Exodus im Irak. 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