{"id":539,"date":"2014-07-17T09:26:11","date_gmt":"2014-07-17T09:26:11","guid":{"rendered":"http:\/\/localhost\/christenverfolgung\/gehen-oder-bleiben-html\/"},"modified":"2022-12-06T15:33:30","modified_gmt":"2022-12-06T15:33:30","slug":"gehen-oder-bleiben-html","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kircheinnot.at\/christenverfolgung\/gehen-oder-bleiben-html\/","title":{"rendered":"Gehen oder bleiben?"},"content":{"rendered":"<p><span>Zwei Br\u00fcder, zwei Visionen: Junge Christen aus Kirkuk und wie sie die Zukunft sehen &#8211; &#8222;Kirche in Not&#8220; hat sie besucht. Kirkuk: Das ist der Irak im kleinen. Die Vielv\u00f6lkerstadt im Norden des geschundenen Landes ist die Heimat von Kurden, Arabern, Turkmenen und Christen. Verschiedene Religionen, Sprachen und Ethnien sind in ihr Zuhause. Entsprechend konfliktreich ist das Zusammenleben, zumal die Provinz Kirkuk bedeutende Erd\u00f6lvorkommen besitzt. Seit Jahren ersch\u00fcttern Anschl\u00e4ge die Stadt. Auch Christen sind ihnen zum Opfer gefallen. Nach dem Vordringen von ISIS im Juni haben die Kurden die Stadt besetzt und ihrem Kontrollbereich einverleibt. Die Dschihadisten von ISIS sind kaum zwanzig Kilometer entfernt und haben die Stadt ebenfalls im Visier. Viele f\u00fcrchten, dass es irgendwann zum Kampf kommt. Wie aber lebt es sich als Christ in einer solchen Situation?<\/span><\/p>\n<p>&#8222;Mein Tank ist immer voll. Falls die Lage eskaliert, schnappe ich mir meine Frau und mein Kind und fl\u00fcchte. Momentan herrscht ja Benzinknappheit bei uns, weil eine gro\u00dfe Raffinerie umk\u00e4mpft ist. Um Sprit zu sparen fahre ich schon jetzt mit dem Fahrrad zur Arbeit. Ich will kein Risiko eingehen.&#8220; Karam ist 23 Jahre alt. Der junge Familienvater ist wie etwa 5000 andere Kirkuker chald\u00e4ischer Katholik. Seine Frau erwartet in B\u00e4lde das zweite Kind. &#8222;Ich habe nie gedacht, dass ich einmal ans Weggehen denken w\u00fcrde. Aber ich habe jetzt nicht mehr nur f\u00fcr mich Verantwortung.&#8220; Mohand nickt. Der 26-j\u00e4hrige ist der \u00e4ltere Bruder Karams. Der Seminarist studiert Theologie und wird in ein paar Jahren zum Priester geweiht werden. &#8222;Drei Jahre noch, wenn alles gut geht&#8220;, sch\u00e4tzt er. &#8222;Ich verstehe meinen Bruder. Er hat Frau und Kinder. Wir sprechen im Seminar viel dar\u00fcber. Die Auswanderung unserer Gl\u00e4ubigen ist wirklich unsere gr\u00f6\u00dfte Herausforderung.&#8220; Patentl\u00f6sungen gibt es daf\u00fcr keine, meint er. &#8222;Die Leute f\u00fcrchten f\u00fcr ihre Kinder. Wenn ich einer jungen Familie sage: bleibt, geht nicht weg!, dann sagen sie: Was ist, wenn einer kommt, und uns t\u00f6ten will? Wer garantiert dann f\u00fcr uns?&#8220; Dieses Dilemma, Sicherheit f\u00fcr die Heimat eintauschen zu m\u00fcssen, treibt in diesen Tagen viele irakische Christen um. &#8222;Es sind ja vor allem die gut ausgebildeten und wohlhabenden Familien, die eine Auswanderung erw\u00e4gen. Sie k\u00f6nnen im Westen als Ingenieure oder \u00c4rzte leicht Fu\u00df fassen. Zur\u00fcck bleiben die, die es sich nicht leisten k\u00f6nnen&#8220;, sagt Mohand.<\/p>\n<p>Der junge Mann will seit seinem 14. Lebensjahr Priester werden. &#8222;Ich sehe den Priester als brennende Kerze des Glaubens und der Hoffnung. Wenn sie erlischt, dann geht auch der Glaube aus.&#8220; Mohands Meinung nach muss man die Christen erziehen, ihren Glauben besser zu verstehen. &#8222;Es ist oft nur Glaube aus Gewohnheit. Es muss aber zur bewussten \u00dcberzeugung werden&#8220;, sagt er. &#8222;Wir Christen sollen das Licht der Welt und das Salz der Erde sein. Essen ohne Salz schmeckt nicht. Das ist die christliche Berufung auch hier im Irak.&#8220;<\/p>\n<p>Karam stimmt seinem Bruder zu. &#8222;Ich liebe meine Heimat und meinen Glauben. Aber es war schon vor dem Vordringen von ISIS nicht leicht hier als Christ.&#8220; Der junge Mann hat Landwirtschaft studiert. &#8222;Ich war der zweitbeste meines Jahrgangs, aber ich finde keinen Job.&#8220; Er arbeitet jetzt als Fahrer des Bischofs von Kirkuk. &#8222;Die Kirche hilft uns, so gut sie kann. Aber sonst alle guten Jobs gehen an Muslime. F\u00fcr Christen ist es schwer, irgendwo unterzukommen. Ich habe mich zum Beispiel bei Northoil beworben, einer gro\u00dfen \u00d6lfirma hier in Kirkuk. Aber hier haben die Schiiten das Sagen und setzen ihre Leute hin. Wir Christen haben dann das Nachsehen. Jobs f\u00fcr Christen gibt es nur in der Armee und der Polizei. Aber auch nur deshalb, weil es so gef\u00e4hrlich ist und es keiner machen will.&#8220;<\/p>\n<p>Die Beziehungen zu den Muslimen insgesamt beschreibt Karam dabei nicht als schlecht. &#8222;Ich hatte nie Probleme mit ihnen. Viele Muslime sch\u00e4tzen uns Christen, weil wir nicht aggressiv und gewaltt\u00e4tig sind.&#8220; Aber die Grenzen zwischen den Religionen sind doch deutlich, meint er. &#8222;Es beschr\u00e4nkt sich meist auf ein paar nette Worte mit den Nachbarn oder in Gesch\u00e4ften. Richtig befreundet bin ich nur mit Christen. Wir leben in einer geschlossenen Gemeinschaft.&#8220;<\/p>\n<p>Die Kirche bem\u00fcht sich derweil, den muslimischen Mitb\u00fcrgern die Hand entgegenzustrecken. Etwa 500 meist muslimische Familien werden derzeit von der Di\u00f6zese Kirkuk mit Lebensmitteln unterst\u00fctzt. Nur zwanzig Familien sind christlich. Jugendliche der Pfarrei packen zusammen mit Ordensschwestern Pakete f\u00fcr die Fl\u00fcchtlinge, die sich vor ISIS in Kirkuk in Sicherheit gebracht haben. Bohnen, Zucker, Mehl und Reis werden in gelbe T\u00fcten gepackt. &#8222;Unser Glaube lehrt uns, keine Unterschiede zu machen. Die Liebe Gottes gilt allen Menschen, egal ob Muslime oder Christen&#8220;, sagt Mohand. &#8222;So sehe ich unsere Rolle hier. Ich will nicht gehen. Jesus selbst hat unseren Glauben hier in den Nahen Osten gepflanzt. Ich geh\u00f6re hierher.&#8220;<\/p>\n<p>In den vergangenen f\u00fcnf Jahren hat \u201eKirche in Not\u201c im Irak mit rund 2,4 Millionen Euro geholfen.&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwei Br\u00fcder, zwei Visionen: Junge Christen aus Kirkuk und wie sie die Zukunft sehen &#8211; &#8222;Kirche in Not&#8220; hat sie besucht. Kirkuk: Das ist der Irak im kleinen. 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