{"id":561,"date":"2014-09-05T10:50:59","date_gmt":"2014-09-05T08:50:59","guid":{"rendered":"http:\/\/localhost\/christenverfolgung\/wird-keine-grenzen-kennen-html\/"},"modified":"2023-02-23T12:13:41","modified_gmt":"2023-02-23T11:13:41","slug":"wird-keine-grenzen-kennen-html","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kircheinnot.at\/christenverfolgung\/wird-keine-grenzen-kennen-html\/","title":{"rendered":"\u201eIS wird keine Grenzen kennen\u201d"},"content":{"rendered":"<p>Interview mit Johannes Freiherr Heereman \u00fcber die Lage im Irak.&nbsp;<span style=\"line-height: 1.538em;\">Mitte August reiste eine Delegation von KIRCHE IN NOT in die Krisenregion im Irak. Ziele waren die Stadt Erbil, das dazugeh\u00f6rige Ankawa, wo viele Christen leben und die Erzdi\u00f6zese angesiedelt ist, sowie die Duhok-Ebene an der t\u00fcrkischen Grenze. Nach seiner R\u00fcckkehr sprachen wir mit dem Gesch\u00e4ftsf\u00fchrenden Pr\u00e4sidenten von KIRCHE IN NOT, Johannes von Heereman.<\/span><\/p>\n<p><strong>Herr von Heereman, was waren Ihre pers\u00f6nlichen Eindr\u00fccke?<\/strong><br \/>\u00dcberw\u00e4ltigend ist die gro\u00dfe Zahl der Fl\u00fcchtlinge. In Erbil sch\u00e4tzt man in 22 Zentren ungef\u00e4hr 70 000 Fl\u00fcchtlinge. Das wird besonders deutlich, wenn man zum Erzbischof nach Ankawa geht, weil sie dort wirklich im ganzen Kirchengel\u00e4nde untergebracht sind \u2013 oder lagern muss man sagen. Von Unterbringung kann man nicht sprechen.<\/p>\n<p>Sie liegen wirklich vor der T\u00fcr des Bischofs \u2013 und wenn man zu ihm ins Haus geht, dann geht man zwischen schlafenden Kindern hindurch. Es ist wirklich \u00fcberw\u00e4ltigend, wie eng beieinander die Menschen dort hausen und auf ihr weiteres Schicksal warten.<\/p>\n<p><strong>Was haben die Menschen dar\u00fcber berichtet?<\/strong><br \/>Es gibt nat\u00fcrlich viele unterschiedliche Berichte. Besonders traumatisiert sind diejenigen, die am 10. Juni, als sich die irakische Armee vor IS zur\u00fcckzog, fl\u00fcchten mussten. In Karakosch sind sie letztlich gelandet, im christlichen Teil. In der Nacht vom 7. auf den 8. August sind dort die Peschmerga vor IS gefl\u00fcchtet. Das hat die Menschen quasi zum zweiten Mal auf die Flucht geschickt. Danach hatten sie nun wirklich gar nichts mehr.<\/p>\n<p><strong>Ihr Hilfswerk hat wegen der dramatischen Lage einen offenen Brief an den Bundespr\u00e4sidenten und die Bundeskanzlerin geschrieben. Was fordern Sie?<\/strong><br \/>Uns ging es erst einmal darum, auf die Lage aufmerksam zu machen. Als wir uns auf den Weg in den Irak gemacht haben, war in den Medien nichts zu h\u00f6ren, obwohl seit dem 06.\/07. August die Christen in Scharen auf der Flucht waren. Das Schicksal der Jesiden war pr\u00e4senter. Es war ganz schwierig f\u00fcr die Christen, eine hohe Aufmerksamkeit zu erregen.<\/p>\n<p>Sie sind zwar nicht ganz so brutal behandelt worden wie die Jesiden\u2013 in den Augen der Muslime abgefallene Glaubensbr\u00fcder \u2013, dennoch wurden sie erbarmungslos auf die Flucht geschickt. Oder sie h\u00e4tten den Terroristen Steuern zahlen oder den Glauben der Muslime annehmen m\u00fcssen, sonst w\u00e4ren sie get\u00f6tet worden. Das war eine unbeschreibliche Brutalit\u00e4t.<\/p>\n<p>Menschen, die seit Jahren zusammengelebt haben, mussten auf einmal fliehen und feststellen, wie Nachbarn ihre H\u00e4user pl\u00fcnderten. Das hat die Fl\u00fcchtlinge traumatisiert.<\/p>\n<p><strong>Reicht humanit\u00e4re Hilfe aus oder sollte Deutschland auch Waffen liefern?<\/strong><br \/>Wir machen keine Politik. Ich glaube, wir sind verpflichtet zu helfen, dass in der Region Sicherheit einkehrt. Frieden mag ich gar nicht sagen, daf\u00fcr ist zu viel Hass und Zerstrittenheit aufgebrochen \u2013 schon seit der Syrienkrise, besonders jetzt, seitdem IS auch in Karakosch eingefallen ist.<\/p>\n<p>Die betroffenen Menschen vor Ort teilen sich in zwei Gruppen. Die eine H\u00e4lfte sagt: \u201eWeg hier, nie wieder, mein Vertrauen ist verloren, ich will in die westliche Welt.\u201c Und andere sagen: \u201eNein, wir wollen hier bleiben, aber wir brauchen eine Sicherheitszone.\u201c<\/p>\n<p><strong>Notwendigkeit einer \u201ehumanit\u00e4rer Intervention\u201c<\/strong><br \/>Das ist nat\u00fcrlich schwierig. Sie tr\u00e4umen von einer UN-Sicherheitszone. Aber die Vereinten Nationen f\u00fchren keine Kriege. Sie sch\u00fctzen nur etwas, was in einer Vereinbarung festgelegt worden ist. Sie kann Grenzen bewachen, aber nicht selbst eine Sicherheitszone schaffen. Deswegen wird alles davon abh\u00e4ngen, dass die ISIS zur\u00fcckgedr\u00e4ngt wird. Das werden die Kurden nicht alleine schaffen.<\/p>\n<p>Es gibt so etwas wie eine Nothilfeverpflichtung, die gibt es im b\u00fcrgerlichen Recht auch. Ich glaube, Papst Johannes Paul II. hat einmal von der Notwendigkeit \u201ehumanit\u00e4rer Intervention\u201c gesprochen. Das scheint mir ein richtiger Begriff zu sein. Es geht hier nicht darum, Politik zu gestalten, wie bei anderen kriegerischen Auseinandersetzungen, sondern einfach darum, Menschenleben zu retten. Ich denke, man muss hier alles tun, um einen Genozid zu verhindern.<\/p>\n<p><strong>Was tut Ihr Hilfswerk KIRCHE IN NOT, um den Menschen dort zu helfen?<\/strong><br \/>Im Norden ist die Kirche im Moment die einzige Institution, die hilft. In Erbil baut sich allm\u00e4hlich die internationale Hilfsgemeinschaft auf; die Vereinten Nationen errichten beispielsweise Zelte und liefern Grundnahrungsmittel. Es kommen auch andere Hilfswerke dorthin. Aber im Norden sind es nur die \u00f6rtlichen Bisch\u00f6fe und Priester, die diesen \u00fcber die Gegend zerstreut gefl\u00fcchteten Christen helfen.<\/p>\n<p>Man muss nichts dorthin liefern, weil es vor Ort alles zu kaufen gibt. Es geht um Grundnahrungsmittel, vor allem Wasser. Es geht um ein Dach \u00fcber dem Kopf, um Zelte und nat\u00fcrlich mit der Zeit auch um Medikamente. Und dabei unterst\u00fctzen wir die Kirche finanziell.<\/p>\n<p><strong>Viele Christen stehen meist nur vor der Frage \u201eTod oder Konversion zum Islam\u201c und sind deswegen schon ausgewandert. Haben Sie Zahlen, die verdeutlichen, wie gro\u00df der Aderlass in den letzten Jahren war?<\/strong><br \/>Man spricht davon, dass es zu Zeiten von Saddam Hussein noch 1,5 Millionen Christen im Irak gab. Heute spricht man von 300 000 bis 400 000 Christen, die dort noch leben. Davon ist ein gro\u00dfer Teil auf der Flucht. Es gibt zwar verschiedene Zahlen, aber es sind mit Sicherheit weit mehr als 100 000 Christen auf der Flucht.<\/p>\n<p>Die Zahl der Christen im Land wird weiter schrumpfen. Ein Bischof sagte, dass wir die letzten Zeilen der Geschichte der Christen im Zweistromland, im alten Babylon, beschreiben.<\/p>\n<p><strong>Besteht \u00fcberhaupt noch eine Chance, dass die Christen in ihre Heimat zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen?<\/strong><br \/>Wenn man h\u00f6rt, dass Mossul eventuell wieder zur\u00fcckerobert wird, dann besteht die Chance theoretisch, aber das Vertrauen der Menschen ist unheimlich ersch\u00fcttert. Die meisten Menschen trauen sich nicht mehr, nach alldem, was sie erlebt haben.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite ist es vielleicht wie bei einem Vulkanausbruch: Zuerst fliehen die Menschen, danach siedeln sie sich doch wieder an. So \u00e4hnlich k\u00f6nnte ich es mir vorstellen, wenn ein gewisses Grundma\u00df an Stabilit\u00e4t sichergestellt wird. Das muss sein. Im Moment sind die Leute traumatisiert.<\/p>\n<p>Von dem Terror der IS sind nicht nur die christlichen und die jesidischen Minderheiten betroffen. Auch Schiiten und selbst Sunniten, die sich nicht den Fanatikern unterwerfen, werden ohne Z\u00f6gern get\u00f6tet. Wie verhalten sich die muslimischen F\u00fchrer in der Region in diesem Konflikt?<\/p>\n<p>Das ist das Ersch\u00fctternde eigentlich an der ganzen Geschichte, auch der Muslime im Westen. Jetzt hat zwar der Gro\u00dfmufti von Saudi-Arabien IS \u00f6ffentlich verurteilt, aber an und f\u00fcr sich h\u00f6rt man von den muslimischen F\u00fchrern leider so gut wie gar nichts. Das ist das eigentliche Erschreckende: Man sieht keine Perspektive, wie eigentlich ein Friedensprozess in Gang kommen kann.<\/p>\n<p>Die Muslime sind untereinander zerstritten, aber es bleibt auch der Graben zwischen Muslimen und Christen. Das hat man ganz deutlich gesp\u00fcrt. Der Graben ist jetzt noch tiefer geworden. Alle anf\u00e4nglichen Friedens- und Vers\u00f6hnungsbem\u00fchungen, die auch gerade von der Katholischen Kirche und dem Heiligen Stuhl aus sehr intensiv betrieben werden, haben im Irakeinen starken R\u00fcckfall erlitten.<\/p>\n<p><strong>Ist es nicht letztlich dennoch nur ein regionaler Konflikt, aus dem wir uns erst einmal heraushalten sollten?<\/strong><br \/>Ich glaube, es gibt keine regionalen muslimischen Konflikte. Alle haben das Potenzial, sich auszudehnen, denn die ISIS strebt eine unbegrenzte Herrschaft an. Sie werden keine Grenze kennen. Wenn sie sich ausbreiten und die Macht haben, werden sie auch in die T\u00fcrkei dringen. Sie sind bereits in Syrien, sie werden auch weitermachen in Richtung Jordanien, und Libanon. Das wird kein Ende nehmen.<\/p>\n<p>Ich bin sehr zur\u00fcckhaltend mit kriegerischen Ratschl\u00e4gen, das steht mir nicht zu. Die Geschichte lehrt uns auch gr\u00f6\u00dfte Zur\u00fcckhaltung. Aber das sind enthemmte Fanatiker, und gegen sie muss man wirklich mit allen Mitteln vorgehen, sonst gibt es kein Ende.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview mit Johannes Freiherr Heereman \u00fcber die Lage im Irak.&nbsp;Mitte August reiste eine Delegation von KIRCHE IN NOT in die Krisenregion im Irak. Ziele waren die Stadt Erbil, das dazugeh\u00f6rige Ankawa, wo viele Christen leben und die Erzdi\u00f6zese angesiedelt ist, sowie die Duhok-Ebene an der t\u00fcrkischen Grenze. 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