{"id":569,"date":"2014-09-15T09:57:32","date_gmt":"2014-09-15T07:57:32","guid":{"rendered":"http:\/\/localhost\/christenverfolgung\/welche-zukunft-gibt-es-fuer-den-irak-html\/"},"modified":"2023-02-23T12:12:18","modified_gmt":"2023-02-23T11:12:18","slug":"welche-zukunft-gibt-es-fuer-den-irak-html","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kircheinnot.at\/christenverfolgung\/welche-zukunft-gibt-es-fuer-den-irak-html\/","title":{"rendered":"Welche Zukunft gibt es f\u00fcr den Irak?"},"content":{"rendered":"<p><span>Patriarch Sako hielt diese Rede am 9. September 2014 in Antwerpen im Rahmen einer Konferenz: Fast zwei Jahrtausende lange haben christliche Gemeinschaften im Irak, in Syrien, \u00c4gypten und anderen L\u00e4ndern des Nahen Ostens gelebt, ihren Beitrag auf wirtschaftlicher, politischer und intellektueller Ebene geleistet und die Kulturen der entsprechenden L\u00e4nder mitgeformt. Im 21. Jahrhundert sind Christen im Nahen Osten nunmehr leider einer brutalen Verfolgung ausgesetzt. Wenn sie \u00fcber die entsprechenden Mittel verf\u00fcgen, fliehen viele aus dieser Region.<\/span><\/p>\n<p>Ohne Zweifel ist es als Angriff auf ihr Leben und ihre Existenz zu werten, dass mehr als 120.000 irakische Christen \u2013 wie Anh\u00e4nger anderer Minderheiten auch \u2013 aus ihren H\u00e4usern und D\u00f6rfern fl\u00fcchten und alle in ihrem Leben erworbenen Besitzt\u00fcmer, pers\u00f6nlichen Wertgegenst\u00e4nde und Dokumente Pl\u00fcnderern \u00fcberlassen mussten, die ihre H\u00e4user besetzten. Und all dies nur aus einem Grund: Weil sie Christen sind!<\/p>\n<p>Vertreibung und Auswanderung wirken sich vehement auf uns alle aus, sowohl auf Christen wie auch auf Moslems. Der Irak verliert derzeit durch die Flucht der Christen einen nicht zu ersetzenden Bestandteil seiner Gesellschaft: Eine authentische und alte Tradition ist gef\u00e4hrdet!<\/p>\n<p>Aufgrund ihrer moralischen und historischen Verantwortung darf die internationale Gemeinschaft den Ereignissen im Irak nicht gleichg\u00fcltig gegen\u00fcberstehen. Ebenso traurig ist das Eingest\u00e4ndnis, dass die Reaktion der internationalen Gemeinschaft der Moslems auf die (im Namen ihrer Religion ver\u00fcbten) barbarischen Akte gegen das Leben, die W\u00fcrde und die Freiheit der Christen nicht so ausf\u00e4llt, wie wir es gerne sehen w\u00fcrden. Vor allem unter Ber\u00fccksichtigung der Tatsache, dass es Christen waren, die sich in partnerschaftlichem Miteinander mit ihren muslimischen Br\u00fcdern und in Anerkennung der islamischen Zivilisation (durch Teilen von Freud und Leid) f\u00fcr dieses Land eingesetzt und daf\u00fcr gek\u00e4mpft haben.<\/p>\n<p>Religi\u00f6ser Fundamentalismus nimmt an Macht und St\u00e4rke zu, ruft Trag\u00f6dien hervor und wirft die Frage auf, wann islamische Gelehrte und muslimische Intellektuelle dieses gef\u00e4hrliche Ph\u00e4nomen einer kritischen Pr\u00fcfung unterziehen und es ein f\u00fcr alle Mal ausl\u00f6schen werden, indem sie ein echtes religi\u00f6ses Bewusstsein lehren und sich f\u00fcr eine verl\u00e4ssliche Kultur der Akzeptanz von Menschen anderer Glaubensrichtungen als Br\u00fcder und B\u00fcrger mit gleichen und unbeschr\u00e4nkten Rechten einsetzen. Die IS r\u00fcckt voran, f\u00fchrt einen grimmigen Krieg gegen andere Kulturen und gegen Vielfalt und bedroht damit die intellektuellen und sozialen Grundlagen der gesamten Gesellschaft.<\/p>\n<p>Christen und Moslems sollten nicht aufh\u00f6ren, ihre Stimmen gegen diese Extremisten zu erheben und gemeinsam daran arbeiten, eine neue Mentalit\u00e4t des Zusammenlebens in Frieden und Harmonie aufzubauen. Daher ist es h\u00f6chste Zeit, dass auf ideologischer Ebene in der islamischen Welt wirksame Ma\u00dfnahmen ergriffen werden, diesen Extremisten Einhalt zu gebieten, die f\u00fcr sich religi\u00f6se Legitimit\u00e4t beanspruchen, um Ressourcen zu erhalten und neue K\u00e4mpfer zu rekrutieren. Wir fordern alle religi\u00f6sen und politischen F\u00fchrer eindringlich auf, sich anstelle einer Kultur des Extremismus, der Unterdr\u00fcckung, der Ausgrenzung und der sozialen R\u00fcckst\u00e4ndigkeit, die durch ein schwaches Individual- und Kollektivbewusstsein der eigenen Defizite gef\u00f6rdert wird, \u00fcberall f\u00fcr eine Kultur der Offenheit, Vielfalt, Pluralit\u00e4t und Gleichberechtigung einzusetzen. Dieser Umwandlungsprozess kann nur durch Bildung erreicht werden, durch die eine Gesellschaft aufgebaut wird, die auf der Gleichheit aller B\u00fcrger basiert. Dies l\u00e4sst sich in erster Linie durch eine entsprechende \u00c4nderung der Lehrpl\u00e4ne aller, vor allem jedoch der religi\u00f6sen Bildungseinrichtungen erreichen. Um eine bessere Koexistenz gew\u00e4hrleisten zu k\u00f6nnen, m\u00fcssen wir eine Zivilgesellschaft schaffen, die jede Religion respektiert und keine Religionen zum eigenen Vorteil politisiert.<\/p>\n<p>Diese Veranstaltung genau 100 Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs steht unter dem Motto \u201eReligionen und Kulturen im Dialog\u201c f\u00fcr mehr Frieden in der Zukunft. Dies sollte zum Leitmotto unseres Lebens werden. Ich m\u00f6chte deshalb einige praktische Aspekte ansprechen.<\/p>\n<p>Der Begriff der Religion im Islam und seine theologische Sprache unterscheiden sich von der christlichen Sichtweise. Der Islam ist ein System, in dem Religion und Politik miteinander verkn\u00fcpft sind und das in alle Bereiche der menschlichen Existenz eingreift. Ich denke, der Moment ist gekommen, um die Religion, die auf Wahrhaftigkeit beruht, von der Politik abzutrennen, die im Wesentlichen auf Interessen (derer, die regieren, und derer, die regieren wollen) basiert!<br \/>Der Dialog ist ein Prozess und eine Lebenseinstellung. Er ist keine Gesch\u00e4ftsangelegenheit oder etwas, was man in Sitzungen oder Gespr\u00e4chen abhandeln kann. Dialog ist eine wahrhaft intellektuelle Bem\u00fchung, den eigenen Glauben, das eigene Leben und die eigene Kultur zu \u00fcberdenken und zu analysieren und gleichzeitig Raum daf\u00fcr zu schaffen, um den Glauben, das Leben und die Kultur anderer Menschen zu verstehen. In diesem Prozess findet derjenige, der tats\u00e4chlich nach Dialog sucht, mehr \u00c4hnlichkeiten zwischen den Religionen als Unterschiede und mehr Gr\u00fcnde, um sich durch verschiedene Glaubensrichtungen vereint als getrennt zu sehen. Dann wird Religion zu einer pers\u00f6nlichen Angelegenheit und ist keine \u00fcberlieferte Tatsache mehr.<br \/>Die F\u00f6rderung von Menschenrechten ist die beste gemeinsame Grundlage zwischen Moslems und Christen, auf der sie ihre Arbeit aufbauen und gemeinsam mit Blick auf die F\u00f6rderung einer friedlichen Koexistenz handeln k\u00f6nnen. Wir sollten uns um die Gesundheit der Menschen k\u00fcmmern und ebenso Hunger und Analphabetismus bek\u00e4mpfen.<br \/>Au\u00dferdem ist es von gr\u00f6\u00dfter Wichtigkeit, das religi\u00f6se Vokabular und die Lehrpl\u00e4ne f\u00fcr eine religi\u00f6se Unterweisung auf den aktuellen Stand zu bringen. Wandel und Erneuerung ist eine ganz nat\u00fcrliche Sache. Kulturen entwickeln sich ebenso weiter wie unterschiedliche Mentalit\u00e4ten. Auch Sprachen sind einem st\u00e4ndigen Wandel unterworfen. Wir sollten nach neuen Wegen suchen, um im Geist der \u201eBarmherzigkeit und im Dienst der Liebe\u201c (vgl. Ut Unum Sint, 92-93, 95) zu denken und zu leben, anstatt mit Ausfl\u00fcchten die derzeitige Situation rechtfertigen zu wollen. Religionen sollten nach einer neuen menschlichen und theologischen Sprache suchen, die die Herzen der Menschen anspricht und ber\u00fchrt, ihrem Leben Richtung und Hoffnung verleiht, anstatt sich f\u00fcr die Gewalt zugunsten einiger weniger instrumentalisieren zu lassen. Ich lade unsere muslimischen Freunde im Nahen Osten zu gemeinsamen Taten mit dem Ziel \u201eeiner gemeinsamen Welt\u201c ein.<\/p>\n<p>Verfassungsreformen: Der Islam ist die in den Verfassungen islamischer L\u00e4nder verankerte Staatsreligion. Will man der derzeitigen Lage und der Geschichte gerecht werden, so ist die \u00c4nderung dieser Verfassungen unabdingbar. Eine \u00c4nderung, die Christen und anderen Minderheiten, die von Beginn an in diesem Land gelebt haben, die gleiche Behandlung wie muslimischen B\u00fcrgern garantiert. Was wir anstreben, ist keine Duldung von \u201eDhimmi\u201c, sondern Gleichberechtigung. Religion darf kein Kriterium sein, um B\u00fcrger diskriminieren zu k\u00f6nnen. Christen machen im Nahen Osten eine wichtige Minderheit aus: Sie sind in ihren L\u00e4ndern tief verwurzelt, sie sind weltoffen und f\u00e4hig zum Dialog und haben in ihren L\u00e4ndern in vielen Lebensbereichen, vor allem aber bei der Bildung einen wichtigen Beitrag geleistet.<\/p>\n<p>Ich komme zum Schluss: Lasst uns \u2013 Christen, Moslems und Jesiden \u2013 mit der Logik von Konflikten und Gewalt brechen und sie durch eine Logik des Dialogs und Friedens ersetzen. Dann haben wir alle eine Zukunft. Ich bin \u00fcberzeugt, dass die L\u00f6sung unserer Probleme ein f\u00f6deratives Regime ist, das die Einheit des Landes aufrechterhalten und ihm helfen kann.<\/p>\n<p>Wir haben nur noch sechs Monate Zeit bis zum Wintereinbruch. Ich bitte Sie daher eindringlich,<\/p>\n<p>1. nicht nur die Ninive-Ebene, sondern auch Mossul zu befreien.<\/p>\n<p>2. f\u00fcr die sichere R\u00fcckkehr vertriebener Menschen in ihre Heimat zu sorgen.<\/p>\n<p>3. unverz\u00fcglich bei der Wiederherstellung der Wasser- und Stromversorgung und anderer Einrichtungen mitzuhelfen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Seine Seligkeit Patriarch Sako hielt die vorstehende Rede am 9. September 2014 in Antwerpen w\u00e4hrend einer Konferenz unter Leitung von Sant\u2019Egidio.&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Patriarch Sako hielt diese Rede am 9. September 2014 in Antwerpen im Rahmen einer Konferenz: Fast zwei Jahrtausende lange haben christliche Gemeinschaften im Irak, in Syrien, \u00c4gypten und anderen L\u00e4ndern des Nahen Ostens gelebt, ihren Beitrag auf wirtschaftlicher, politischer und intellektueller Ebene geleistet und die Kulturen der entsprechenden L\u00e4nder mitgeformt. Im 21. 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