{"id":643,"date":"2014-12-17T10:44:28","date_gmt":"2014-12-17T09:44:28","guid":{"rendered":"http:\/\/localhost\/christenverfolgung\/19-familien-haben-bethlehem-verlassen-html\/"},"modified":"2023-02-23T12:24:14","modified_gmt":"2023-02-23T11:24:14","slug":"19-familien-haben-bethlehem-verlassen-html","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kircheinnot.at\/christenverfolgung\/19-familien-haben-bethlehem-verlassen-html\/","title":{"rendered":"19 Familien haben Bethlehem verlassen"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;19 christliche Familien haben Bethlehem verlassen&#8220;.&nbsp;<span style=\"line-height: 1.538em;\">Franziskaner-Custos Pierbattista Pizzaballa im Gespr\u00e4ch mit &#8222;Kirche in Not&#8220; \u00fcber die Gewalt im Heiligen Land und die Folgen.&nbsp;<span>Viele Menschen sehen in der angestammten Heimat keine Zukunft mehr f\u00fcr sich und ihre Kinder. Einziger Ausweg: das Land verlassen. Das gilt vor allem f\u00fcr die Christen in Pal\u00e4stina. Als Hauptgr\u00fcnde werden Diskriminierung und Repressalien durch den israelischen Staat, die Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation und die hohe Arbeitslosigkeit (in manchen Gebieten liegt sie durch die Abriegelung der Autonomiegebiete schon bei 80 Prozent), sowie die Wohnungsnot genannt. Gro\u00dfe M\u00e4ngel gibt es auch in der medizinischen Versorgung. Knapp ein Drittel der christlichen Familien lebt bereits unter der Armutsgrenze.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"line-height: 1.538em;\"><strong>Kirche in Not:<\/strong> Pater Custos, mit den Unruhen auf dem muslimischen Tempelberg und dem Terrorangriff auf eine Synagoge in Jerusalem nimmt der israelisch-pal\u00e4stinensische Konflikt zunehmend eine religi\u00f6se Dimension an. F\u00fcrchten Sie, dass aus einem nationalen ein religi\u00f6ser Konflikt wird?<\/span><\/p>\n<p>Es gibt dieses Risiko. Andererseits darf man nicht vergessen, dass es diese religi\u00f6se Dimension immer gab. Religion war immer Teil des Problems. Aber jetzt gibt es das Risiko, dass die religi\u00f6se Dimension vorherrschend (preeminent) wird. Das ist aber nicht nur unsere Sorge. Ich habe den Eindruck, dass die verantwortlichen Politiker dabei sind, die Dinge zu beruhigen. Ich wei\u00df nicht, ob es daf\u00fcr nicht schon zu sp\u00e4t ist. Wie gesagt: Der religi\u00f6se Aspekt wird immer da sein. Entscheidend ist, ihn so klein als m\u00f6glich zu halten.<\/p>\n<p><strong>Kirche in Not:<\/strong> Aber stimmen Sie zu, dass der Kern des Konflikts noch immer der Streit zweier V\u00f6lker um dasselbe St\u00fcck Land ist?<\/p>\n<p>Ja. Aber wie gesagt, so klar trennen kann man die religi\u00f6se Seite von der nationalen nicht. Um ein guter Patriot zu sein, musste man entweder ein guter Moslem oder Jude sein. Man muss auch sehen, dass die s\u00e4kularen Bewegungen (Lay movements) in den letzten zwanzig Jahren auf beiden Seiten, sowohl in Israel wie auch in Pal\u00e4stina, sehr schwach geworden sind. Ich glaube aber nicht, dass Politiker wie Pal\u00e4stinenserpr\u00e4sident Mahmud Abbas den Konflikt in einen religi\u00f6sen verwandeln wollen. Aber es ist wahr, das auf beide Seiten religi\u00f6se Parteien in diese Richtung arbeiten.<\/p>\n<p><strong>Kirche in Not:<\/strong> Auch in Israel?<\/p>\n<p>Ja. Nehmen Sie die national-religi\u00f6sen Parteien. Damit sage ich nicht, dass alle in der israelischen Gesellschaft das wollen. Aber das Risiko einer zunehmenden religi\u00f6sen Dimension ist da und wir m\u00fcssen alles tun, es zu vermeiden.<\/p>\n<p><strong>Kirche in Not:<\/strong> Zuletzt gab es Unruhen auf dem islamisch verwalteten Jerusalemer Tempelberg. Juden klagen ihr Recht ein, dort zu beten. Das ist ihnen bislang auch nach israelischem Gesetz verboten. Sollte es Ihrer Meinung nach eine \u00c4nderung geben?<\/p>\n<p>Es ist Juden ja nach traditioneller j\u00fcdischer Auffassung verboten, den Berg zu betreten, wo der j\u00fcdische Tempel stand. Problematisch ist deshalb nicht die Religion an sich, sondern wenn sich Religion und Politik vermischen. Das geschieht aber derzeit. Bislang hat man in Israel den Status quo auf dem Tempelberg respektiert. Wenn man das \u00e4ndert, wird es den Konflikt in eine religi\u00f6se Richtung ver\u00e4ndern, die irreversibel sein wird.<\/p>\n<p><strong>Kirche in Not:<\/strong> Das Jahr 2014 war kein gutes im Verh\u00e4ltnis von Israelis und Pal\u00e4stinensern. Im April brachen die Friedensgespr\u00e4che zusammen, im Sommer kam es zum Krieg in Gaza, jetzt im Herbst wird Jerusalem vom Terror heimgesucht. Sind wir weiter vom Frieden entfernt als jemals zuvor?<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht, ob wir weiter entfernt sind als jemals zuvor. Aber weit vom Frieden entfernt sind wir ohne Frage. Ich sehe keine M\u00f6glichkeit, die Dinge in n\u00e4chster Zeit zu \u00e4ndern. Zwischen beiden V\u00f6lkern gibt es eine tiefgehende Frustration und einen gro\u00dfen Mangel an gegenseitigem Vertrauen.<\/p>\n<p><strong>Kirche in Not:<\/strong> Was m\u00fcsste geschehen, um Vertrauen aufzubauen?<\/p>\n<p>Es wird lange Zeit brauchen. Und leichte L\u00f6sungen gibt es keine. Was wir derzeit erleben, ist das Ergebnis von Jahren von Hass und Frustration. Man muss in den Schulen und in der Gesellschaft anfangen. Man muss den Pal\u00e4stinensern etwas konkretes geben und nicht nur Versprechungen. Auch die Israelis m\u00fcssen das Gef\u00fchl haben, dass sie auf der anderen Seite einen Ansprechpartner haben.<\/p>\n<p><strong>Kirche in Not:<\/strong> K\u00f6nnen die Christen im Heiligen Land dabei eine Rolle spielen?<\/p>\n<p>Wir Christen hier im Heiligen Land sind irrelevant. Wir sind zu wenige. Au\u00dferdem sind wir konfessionell gespalten. Wir k\u00f6nnen uns nicht einmal darauf einigen, wer in der Grabeskirche was reinigen darf. Wie k\u00f6nnen wir da ein Zeugnis der Einheit und Vers\u00f6hnung geben? Wir k\u00f6nnen deshalb keine Br\u00fcckenbauer sein. Aber nat\u00fcrlich k\u00f6nnen wir Gelegenheiten zur Begegnung schaffen. Alle Kirche haben ja interreligi\u00f6se Foren. Vielmehr glaube ich aber nicht, dass wir tun k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Kirche in Not:<\/strong> Wie werden die Christen im Heiligen Land von der Gewalt und den Spannungen getroffen?<\/p>\n<p>Wir sp\u00fcren nat\u00fcrlich massiv den Einbruch des religi\u00f6sen Tourismus. Im Vergleich zum Vorjahr haben wir seit dem Gaza-Krieg einen Besucher-R\u00fcckgang von sechzig Prozent an den Heiligen St\u00e4tten. Das ist ein dramatischer Einbruch. Es geht nur langsam aufw\u00e4rts. Aber die Christen, die vom Tourismus leben, sind das gewohnt. Es gibt alle paar Jahre solche Konflikte. Neben der wirtschaftlichen Dimension gibt es aber auch eine zunehmende Frustration unter den Christen. In den letzten zwei, drei Monaten haben 19 christliche Familien Bethlehem in Richtung Europa und Amerika verlassen.<\/p>\n<p><strong>Kirche in Not:<\/strong> Was ist der Grund daf\u00fcr?<\/p>\n<p>Alle Christen sind ersch\u00fcttert durch das, was derzeit durch ISIS im Irak geschieht. Es war ein f\u00fcrchterlicher Schock f\u00fcr die Christen auch im HeiligenLand. Es verst\u00e4rkt das Gef\u00fchl, dass Christen im Nahen Osten keine Zukunft haben, dass man sie hier nicht will. Hinzukommt die Frustration \u00fcber das Ausbleiben des Friedens.<\/p>\n<p><strong>Kirche in Not<\/strong>: Als Gr\u00fcnde f\u00fcr die Abwanderung von Christen aus Pal\u00e4stina werden zwei Gr\u00fcnde angegeben: die Folgen der israelischen Besatzung und die Islamisierung der pal\u00e4stinensischen Gesellschaft. Was halten Sie f\u00fcr den Hauptgrund?<\/p>\n<p>Es ist kein &#8222;entweder oder&#8220;, sondern ein &#8222;sowohl als auch&#8220;. Das Eine schlie\u00dft das Andere nicht aus. Das Leben in den pal\u00e4stinensischen Gebieten ist wirtschaftlich gesehen sehr schwierig. Die Beziehungen zur islamischen Gemeinschaft wiederum sind nicht so wie sie fr\u00fcher waren. All das zusammen mit dem, was um uns herum passiert, erzeugt ein Gef\u00fchl der Hoffnungslosigkeit.<\/p>\n<p><strong>Kirche in Not:<\/strong> Derzeit wird in Israel ein Gesetz diskutiert (Nation state bill), das den j\u00fcdischen Charakter des Staates festschreiben will. Geht das zu Lasten der israelischen Demokratie mit seiner gro\u00dfen arabischen Minderheit, darunter viele Christen?<\/p>\n<p>Nun, es ist ja nicht neu, dass sich Israel als j\u00fcdischen und demokratischen Staat versteht. Das ist so, seit es diesen Staat gibt. Dieses derzeit diskutierte Gesetz wird die Situation der Minderheiten einschlie\u00dflich der Christen nicht grunds\u00e4tzlich \u00e4ndern, glaube ich. Aber es wird dazu beitragen, dass das Gef\u00fchl der Fremdheit der Minderheit Israels gegen\u00fcber dem Staat zunimmt. Sie werden noch mehr als bisher das Gef\u00fchl haben, dass man sie eigentlich nicht will.<\/p>\n<p><strong>Kirche in Not:<\/strong> Wenn wir \u00fcber das Heilige Land hinausschauen: Ist das Jahr 2014 mit dem Vordringen von ISIS im Irak und Syrien ein Wendejahr f\u00fcr die nah\u00f6stliche Christenheit insgesamt?<\/p>\n<p>Ja, 2014 ist ein Wendepunkt. Was der Erste Weltkrieg f\u00fcr Europa war, ist dieses Jahr f\u00fcr den Nahen Osten. Die alten Ordnungen haben keine Bestand mehr. Wir wissen aber noch nicht, wie die neuen aussehen werden. In Syrien zum Beispiel sind hunderttausende Christen auf der Flucht. Die Mittelklasse verl\u00e4sst das Land. Zur\u00fcck bleiben die Armen. Die kirchliche Infrastruktur, die wir etwa in Aleppo und anderen Landesteilen aufgebaut haben, ist zerst\u00f6rt oder verlassen. Es stehen gro\u00dfe Aufgaben vor uns. Wir m\u00fcssen nicht nur die christliche Gemeinschaft wieder aufbauen, sondern auch das Verh\u00e4ltnis zur muslimischen Mehrheitsgesellschaft.&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;19 christliche Familien haben Bethlehem verlassen&#8220;.&nbsp;Franziskaner-Custos Pierbattista Pizzaballa im Gespr\u00e4ch mit &#8222;Kirche in Not&#8220; \u00fcber die Gewalt im Heiligen Land und die Folgen.&nbsp;Viele Menschen sehen in der angestammten Heimat keine Zukunft mehr f\u00fcr sich und ihre Kinder. Einziger Ausweg: das Land verlassen. Das gilt vor allem f\u00fcr die Christen in Pal\u00e4stina. 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