Der lange Arm der Dschihadisten - KIRCHE IN NOT Österreich
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Der lange Arm der Dschihadisten

Auch in der Bekaa-Ebene fürchten syrische Christen die Verfolgung durch den IS. Nennen wir sie Samir und Sabine. Sagen wir, sie sind Anfang 50, Christen, geflohen aus Rakka, der Hochburg der Terrormiliz „Islamischer Staat“. Sie nennen sie „Daesh“ auf Arabisch. Für die Gräuel, die ihnen die selbsternannten Gotteskämpfer angetan haben, gibt es keinen Namen.  „Kein Foto, keine Namen!“ Samirs Gestik ist deutlich: Sonst rollt sein Kopf. Dann lässt er die Arme sinken, in den Händen ein Papier: die Quittung für die Christensteuer im „Islamischen Staat“. 3.700 Euro ist der Preis, den die Dschihadisten pro Jahr und Familie festgelegt haben – Schutzgeld, doch vor dem Terror ist niemand sicher.

Samir und seiner Familie ging es gut in Ar-Rakka. Dann kam Daesh. Samir zahlte. Als die Bedrohung grösser wurde, konvertierte die Familie zum Islam. „Ich habe das Leben gehasst, den Schleier, dass ich ohne männliche Begleitung nicht auf die Strasse durfte“, erzählt Sabine. „Das ist nicht für uns Christen!“ Samir betete in der Moschee, zum Schein – als Schutz für seine Familie. Dann kam das Auto mit den Kämpfern. Jemand hatte die Familie denunziert. Sie seien nicht wirklich zum Islam übergetreten, beteten zuhause nach wie vor zu ihrem Gott. Samir und seiner Familie gelingt die Flucht. Sie finden Schutz bei einem muslimischen Freund. In der Nacht machen sie sich auf nach Aleppo, querfeldein, zu gross ist die Angst, entdeckt zu werden. Der Terror zieht mit. „Nach zwei Monaten in Aleppo bekam ich einen Anruf. Sie sagten mir, sie werden kommen und mich töten“, sagt Samir. 

Die Familie flieht weiter, nach Beirut. Bis auch dort das Telefon klingelt: „Wir wissen wo du bist!“ Die unausgesprochene Drohung treibt die Familie in die Bekaa-Ebene. Samir und Sabine sind froh, ihren Glauben nicht länger verleugnen zu müssen. „Die ganze Zeit hatten wir ein Bild des Heiligen Charbel bei uns, das ist es, was uns gerettet hat“, sagt Sabine. Ihr Glaube, sagen beide, sei „stärker als je zuvor“. Dieses Glaubens wegen wollen sie raus aus dem Nahen Osten. „Wir sind hier nirgends sicher“, sagt Samir. Auch an ihrem jetzigen Aufenthaltsort klingelte bereits das Telefon: „Wo immer du bist, wir finden dich!“

Wir könnten sie Jakob und Claire nennen. Auch ihre Geschichte ist eine lange Geschichte von Flucht in Todesangst. Es begann mit Protesten. Ihre muslimischen Nachbarn wollten christliche Unterstützung im Kampf gegen die Regierung. „Aber wir Christen lieben Präsident Assad“, sagt Claire. „Unter ihm ging es uns gut und wir waren sicher.“ Die Fakten ihrer Flucht aus Qussair sind schnell erzählt: Eines Freitags predigten die Islamisten den Christen den Tod. Alle Männer über 5 Jahren flohen in den Libanon. 75 von ihnen schafften es nicht. Sie wurden vom IS hingerichtet. Zurück blieben die Frauen und Kinder. Die Kämpfer drangen in ihre Häuser ein, zerstörten plünderten, drohten mit Vergewaltigung. Dann flohen auch die Frauen mit ihren Kindern. Keine Worte erfassen den Schmerz und das Trauma.

„Es gibt Familien hier, die mussten über die Leichen ihrer Nachbarn steigen, um fliehen zu können“, sagt Sana, die einzige, die ihren Namen nennt. Sana ist Libanesin und engagiert sich mit Unterstützung von „Kirche in Not“ seit Beginn der Syrienkrise für die Flüchtlinge in ihrer Stadt. „Bis heute malen ihre Kinder diese Horrorszenen.“ Die Aufarbeitung der Traumata brauche Zeit, aber die Christin ist froh, dass ihre Flüchtlinge begonnen haben, über das Erlebte zu sprechen. 

Sie nennt sich Maria. Ihre eigene Geschichte will die Christin aus Sadat nicht erzählen und spricht von ihren Nachbarn. „In jener Nacht im Oktober 2013“, sagt sie, „kamen die Männer vom IS. Dreimal haben sie ‚Allahu Akbar‘ gerufen. Dann haben sie alle getötet: Die Grossmutter, den Grossvater, die Eltern, die Tochter und den Sohn. Drei Generationen. Die Leichen haben sie in einen Brunnen geschmissen.“ Maria wird still. „Es sind zu viele Geschichten, die dem syrischen Volk passiert sind.“ (von Andrea Krogmann)

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