Christen in der Türkei brauchen Rechtssicherheit



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Schwedischer Jurist setzt sich für syrisch-orthodoxe Christen im Turabdin ein, von denen viele ihr Land in den vergangenen Jahrzehnten verloren haben, und mahnt eine politische Lösung ein.

Der schwedische Rechtsanwalt Ilhan Aydin will die letzten im Turabdin in der Südosttürkei verbliebenen Christen sowie jene, die in ihre Heimat zurückkehren wollen, unterstützen und ihnen bei Rechtsstreitigkeiten um Landbesitz helfen. Im Portal „The Assyria Post“ mahnt Aydin diesbezüglich eine politische Lösung ein. Ohne eine solche würden die syrischen Christen auf ihrem eigenen Land zu Fremden werden. Keine Gemeinschaft könne auf unsicherer rechtlicher Grundlage eine nachhaltige Zukunft aufbauen, und ohne sichere Eigentumsrechte könne es keine sinnvolle Rückkehr geben, schreibt der Anwalt, der selbst Wurzeln im Turabdin hat, laut Pressedienst der Wiener Stiftung Pro Oriente (Donnerstag).

Im Turabdin, dem spirituellen und kulturellen Zentrum des syrisch-orthodoxen Christentums, leben heute nur mehr circa 2.600 Christinnen und Christen. Um 1900 soll ihre Zahl bei 200.000 gelegen haben, in den 1960er Jahren bei rund 75.000. Als Mitte der 1980er Jahre der militärische Konflikt zwischen der kurdischen PKK und dem türkischen Militär ausbrach, saßen die verbliebenen Christen im Turabdin zwischen allen Fronten. Einige christliche Dörfer wurden in Folge vom türkischen Militär zur Gänze geräumt, in anderen gab die christliche Bevölkerung von selbst auf. Viele zogen nach Istanbul, die Mehrheit suchte ihr Glück im Westen, vor allem in Deutschland, Schweden, der Schweiz, den Niederlanden, Belgien oder auch in Österreich. Die Bilanz: Mitte 1997 verblieben im Turabdin etwa 2.600 Christinnen und Christen. Ihre Zahl ist bis heute nicht signifikant gestiegen, obwohl inzwischen einige in ihre alte Heimat zurückgekehrt sind.

Landbesitz verstaatlicht

Im Zuge umfassender Grundbuchverfahren in den 2000er Jahren wurden riesige Landstriche in ehemals christlichen Dörfern von der Türkei als Staatseigentum neu klassifiziert und als Staatsland, Waldland oder Weideland registriert. Viele Christen, die einst ihre Heimat verlassen haben, sähen sich nun einer Realität gegenüber, die sich kaum jemand hätte vorstellen können, so Aydin. Er war und ist in mehr als 30 Dörfern aktiv und hat versucht, durch aufwendige Recherchen die Besitzverhältnisse zu klären.

Aydin nennt als Beispiel das Dorf Inwardo (Gülgöze). In diesem wurden mehr als 32 Millionen Quadratmeter Land (das entspricht etwa 4.500 Fußballfeldern) verstaatlicht. In Hah (Anitli) sind es mehr als 28 Millionen Quadratmeter. In Mzizah (Doancay) wurden fast 50 Millionen Quadratmeter Land in Staatsbesitz überführt. Ähnliche Probleme bestünden auch in den anderen Dörfern der Region.

Wie Aydin betont, bildeten die betroffenen Ländereien einst das landwirtschaftliche Rückgrat ganzer Gemeinschaften. Die staatlichen Registrierungen hätten zu einem Zeitpunkt stattgefunden, als der Großteil der Bevölkerung bereits ausgewandert war. Die abwesenden Familien hätten keine Möglichkeit gehabt, die Verwaltungsprozesse zu überwachen oder gar anzufechten.

Heute, da immer mehr syrische Christen ihre Dörfer besuchen, Häuser restaurieren und über langfristige Investitionen oder eine Rückkehr nachdenken, müssten sie feststellen, dass Land, das jahrhundertelang bewirtschaftet und als Familienbesitz betrachtet wurde, nicht mehr auf ihre Namen eingetragen ist. Aydin und seine Mitarbeiter haben die Besitzverhältnisse und ihre Veränderungen umfassend dokumentiert: „Es geht nicht mehr darum, das Problem zu identifizieren. Es ist erkannt. Die Frage ist nun, ob der politische Wille besteht, es durch Maßnahmen der türkischen Behörden anzugehen und zu lösen.“

Wenn in einzelnen Dörfern mehrere Millionen Quadratmeter Land in Staatsbesitz übergegangen sind, lasse sich dies nicht durch Gerichtsverfahren einzelner Familien lösen. Das Ausmaß des Problems übersteige die Möglichkeiten individueller Rechtsverfahren, so der Anwalt: „Es bedarf eines politischen Rahmens und einer strukturierten Überprüfung. Es bedarf der Anerkennung, dass viele dieser Registrierungen in einer Zeit erfolgten, in der ein Großteil der indigenen Bevölkerung faktisch abwesend war. Es bedarf einer transparenten, rechtmäßigen und fairen Lösung.“ (Quelle: Kathpress, Pro Oriente)