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Obwohl das Christentum in der Türkei eine fast 2000-jährige Tradition hat, leben heute nach verschiedenen Wellen der Verfolgung kaum noch Christen dort. Dem weltweiten katholischen Hilfswerk KIRCHE IN NOT hat der Erzbischof von Izmir, Martin Kmetec, die aktuelle Lage in der Türkei geschildert.

Der gebürtige Slowene gehört dem Orden der Franziskanerminoriten an. Er war fast elf Jahre im Libanon tätig, seit 2001 lebt er in der Türkei. 2020 hat ihn Papst Franziskus zum Erzbischof von Izmir im Westen des Landes ernannt.

Martin Kmetec, Erzbischof von Izmir.

KIRCHE IN NOT: Das Christentum in der Türkei hat eine große Geschichte. Vor dem Ersten Weltkrieg lebten auf dem Territorium des damaligen Osmanischen Reiches noch etwa 30 Prozent Christen. Heute schätzt man den Anteil der Christen in der Türkei auf etwa 0,2 Prozent. Wie viele Katholiken gibt es in Ihrem Erzbistum Izmir und wo leben sie?

Ich schätze, dass in meinem Erzbistum ungefähr 5000 Katholiken leben. Wenn man Migranten und Flüchtlinge dazuzählt, sind es vielleicht noch einige mehr. Sie leben hauptsächlich in der Innenstadt von Izmir oder anderen großen Städten. Wir haben Gemeinden in Konya, auch in Antalya und in anderen Städten an der Küste. Unsere Erzdiözese ist flächenmäßig sehr groß, ihr Gebiet umfasst ungefähr 100 000 Quadratkilometer. Die letzte Pfarrei, die zu uns gehört, ist Ikonium, ungefähr 550 Kilometer von Izmir entfernt; im Süden ist das Antalya, ungefähr 450 Kilometer entfernt. So groß sind die Entfernungen.

Können Sie den Glauben frei verkünden?

Als Franziskaner steht für mich das Zeugnis des Lebens an erster Stelle, das brüderliche Leben. Der heilige Franziskus hat gesagt: Wenn es eine Möglichkeit gibt, das Wort zu predigen, dann können sie predigen. Das versuchen wir zum Beispiel in den sozialen Netzwerken und auf der neuen Internetseite der Diözese.

Wir versuchen, präsent und eine lebendige Kirche zu sein. Unsere Mission ist eine Mission der Kirche der offenen Türen. Deshalb haben wir in allen unseren Kirchen Zeiten, zu denen sie geöffnet sind. Manchmal ist dort Anbetung; es ist immer jemand vor Ort, der die Besucher begrüßt und auch Auskunft geben kann, wenn sie Fragen haben. Das ist unser Weg der Evangelisierung in dieser Situation.

Erzbischof Martin Kmetec hilft beim Renovieren einer Kirche.

Die einstmals laizistische Türkei erlebt eine islamische Wiedergeburt. Werden Christen diskriminiert?

Ich würde nicht sagen, dass Christen grundsätzlich diskriminiert werden. Aber es kommt schon einmal zu negativen Erfahrungen im Umgang mit Behörden und Verwaltungen. Die katholische Kirche ist nicht als juristische Körperschaft anerkannt.

Wenn wir aber an den Dialog denken, würde ich sagen, dass es einen Dialog des Lebens gibt. Wenn ich zum Beispiel an die Caritas denke: Caritas ist Teil der Kirche, Teil unserer Diözese. In jeder Diözese gibt es ein Büro. Und sie hilft allen, Christen und Muslimen und allen anderen, die schutzlos sind. Wir haben auch Begegnungen mit den Imamen in unserer Gegend, zum Beispiel am „Tag der Brüderlichkeit“. Ich selbst und einige Priester besuchten den Bürgermeister der Stadt und wir übergaben ihm bei dieser Gelegenheit ein Geschenk: die Übersetzung der Enzyklika „Fratelli tutti“ von Papst Franziskus in türkischer Sprache. Auch die Enzyklika „Laudato si“, die von ökologischen Problemen handelt, die die ganze Menschheit betreffen, wurde ins Türkische übersetzt.

Gibt es einen ökumenischen Dialog in der Türkei?

Die Beziehungen zu den anderen christlichen Kirchen sind in der Regel gut. Der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel, Bartholomäus I., pflegt zum Beispiel gute Kontakte zur Fokolar-Bewegung und zum neuen Apostolischen Vikar von Istanbul, Bischof Massimiliano Palinuro.

Auch bei uns in Izmir treffen wir uns an verschiedenen christlichen Festen mit den orthodoxen, aber auch den anglikanischen Christen. Kürzlich haben armenische Priester in unserer katholischen St.-Polykarp-Kirche eine armenische Liturgie gefeiert, weil sie in Izmir keine eigene Kirche haben. Außerdem haben wir gemeinsam mit den Armeniern in Izmir für die Bibelgesellschaft ein kleines Geschäft eröffnet für den Verkauf von Büchern. Es gibt also gute Zeichen eines ökumenischen Dialogs.

Die Türkei ist ein beliebtes Urlaubsland. Wie wichtig ist es, dass Christen, die in die Türkei reisen, auch die christlichen Kirchen besuchen?

Sehr wichtig. Ich möchte die Touristen daran erinnern, dass hier die Ursprünge unseres Glaubens liegen. Hier wurde die erste Kirche unter den Nationen geboren. Die ersten Ökumenischen Konzilien, die den katholischen Glauben geprägt haben, haben in der heutigen Türkei stattgefunden. Von hier ging die Mission Europas aus.

Wir haben für die Unterstützung der Seelsorge hier den deutschen Pfarrer Ludger Paskert, der sich um die hier lebenden Katholiken aus Deutschland kümmert. Ich wäre froh, wenn wir noch einen weiteren Priester für andere Gemeinden finden könnten, wenigstens im Sommer für die Touristen. Das ist aber auch ein finanzielles Problem. Vielleicht sollte der Europäische Rat der Bischofskonferenzen darüber nachdenken, uns zu helfen.

Unterstützen Sie das Gemeindeleben und die karitative Arbeit der kleinen christlichen Minderheit in der Türkei mit Ihrer Spende – online … hier oder auf folgendes Konto:

 

Empfänger: KIRCHE IN NOT
IBAN: AT71 2011 1827 6701 0600
Verwendungszweck: Türkei

Auch die frühere Chora-Erlöserkirche in Istanbul wird in eine Moschee umgewandelt. Einen entsprechenden Erlass veröffentlichte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan nach einem Bericht der Nachrichtenagentur „AsiaNews“ am 21. August.

Im Juli hatte Erdogan bereits die Umwandlung der im 6. Jahrhundert erbauten früheren orthodoxen Kirche Hagia Sophia in eine Moschee durchgesetzt.

Die Chora-Erlöserkirche gilt mit ihren Fresken und Mosaiken als eines der bedeutendsten Beispiele christlicher byzantinischer Kunst.

Sie wurde im Jahr 534 als Klosterkirche errichtet und im 11. Jahrhundert umgebaut. Nach der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen (1453) wurde die Kirche – wie auch die Hagia Sophia – als Moschee genutzt. 1945 wandelte der türkische Staat das Gebäude in ein Museum um. Die übertünchten christlichen Fresken und Mosaike wurden 1958 durch aufwändige Restaurierungsarbeiten wieder freigelegt.

Durch Erdogans Erlass fällt die frühere Kirche nun unter die Kontrolle der Religionsbehörde Diyanet.

Türkei will Christentum aus seiner Geschichte auslöschen

Die Regionalbeauftragte für den Mittleren Osten des christlichen Hilfswerks International Christian Concern (Internationale Christliche Anliegen; ICC/Washington), Claire Evans, erklärte in einer Stellungnahme, die Umwandlung historischer Kirchen in Moscheen in der Türkei sei ein alarmierendes Zeichen für die Missachtung der Religionsfreiheit durch die Behörden. „Sie sind die Folge des Versuchs der Türkei, das Christentum aus der Geschichte des Landes auszulöschen“, so Evans. (Quelle: AsiaNews, ICC, idea; Bild: wikipedia)

Erklärung zur Umwidmung der Hagia Sophia in eine Moschee. „Wurzeln und Identität der Christen werden verwischt“ Das weltweite katholische Hilfswerk „Kirche in Not“ bedauert die vom türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan angekündigte Umwidmung der Hagia Sophia in eine Moschee. Sie verstärke die Schwächung und Benachteiligung der Christen und anderer religiöser Minderheiten in dieser Region, betont der Geschäftsführende Präsident von „Kirche in Not“ (ACN – Aid to the Church in Need), Dr. Thomas Heine-Geldern, in einer Erklärung. Der Text im Wortlaut:

„Kirche in Not“ betrachtet die vorgesehene Umwidmung der Hagia Sophia in eine Moschee mit großer Sorge. Wieder einmal wird ein religiöses Thema zur Durchsetzung interner politischer Machtabsicherung instrumentalisiert. Der türkische Präsident Erdogan versucht augenscheinlich mit dieser weltweit kritisierten Maßnahme, seine Popularitätswerte zu verbessern und von den Problemen seines Landes abzulenken.

„Kirche in Not“ versteht die Entrüstung der in der Türkei und dem Nahen Osten lebenden Christen über diese Entwicklung. Sie verstärkt die permanente Schwächung und Benachteiligung von Christen und anderer religiöser Minderheiten in dieser Region. Trotz gegenteiliger Beteuerungen und auch verfassungsrechtlicher Regelungen werden diese Bevölkerungsgruppen oft als Bürger zweiter Klasse behandelt und sie spüren, wie ihre Wurzel und Identität mehr und mehr verwischt.

Auf der anderen Seite beobachtet unser Hilfswerk das Ausmaß der weltweiten negativen Reaktion vieler Staaten und Politiker auf diese Entscheidung mit Skepsis. Während die Aufregung um die Umwidmung eines religiösen Gebäudes hoch ist, finden die ständig stattfindenden, manchmal sogar staatlich geförderten Gewalttaten und Diskriminierung gegen Christen und andere religiöse Minderheiten in vielen Ländern weltweit wenig oder gar keine Beachtung.

Wir bekräftigen erneut, dass das Menschenrecht auf freie Religionsausübung untrennbar mit der unantastbaren Würde des Menschen verbunden ist und ermutigt die Nationalstaaten und die internationalen Institutionen wie die Vereinten Nationen auf, dieses Recht durchzusetzen.

„Kirche in Not“ verurteilt den in zahlreichen Ländern zunehmenden Ultra-Nationalismus, häufig in Verbindung mit religiösen Motiven. Dieser führt dazu, dass Angehörige religiöser Minderheiten oft als Fremde und Feinde gesehen werden, obwohl ihre Ahnen dort schon siedelten, bevor die Angehörigen der jetzigen Mehrheitsbevölkerung das Land in Besitz nahmen.

Als weltweit tätiges Hilfswerk rufen wir besonders die westlichen Länder auf, aus der Geschichte des Nahen Ostens im 20. Jahrhundert zu lernen und nicht mehr zu schweigen, wenn es um die Zerstörung fundamentaler Überlebensrechte von Minderheiten geht, sei es in der Türkei, im Irak, in Indien, China, Pakistan oder anderen Ländern. Gegenüber dieser oft blutigen Verfolgung tritt die in ihren Auswirkungen noch unbekannte Umwidmung eines religiös bedeutsamen Gebäudes in den Hintergrund.

„Kirche in Not“ ist ein internationales katholisches Hilfswerk und eine päpstliche Stiftung, die die Gläubigen überall dort unterstützt, wo sie verfolgt, unterdrückt oder in Not sind. Heute hilft das Werk durch Information, Gebet und Hilfsprojekten in mehr als 140 Ländern, wo die Kirche verfolgt wird oder nicht genügend Mittel für ihre seelsorglichen Aufgaben hat.

Foto: Dr. Thomas Heine-Geldern, Geschäftsführender Präsident von „Kirche in Not“ (ACN). © Kirche in Not

Die Entscheidung des Obersten Verwaltungsgerichts der Türkei, die Hagia Sophia in Istanbul wieder in eine Moschee umzuwandeln, stößt international in Kirchen und Politik auf Kritik. Unmittelbar nach Bekanntgabe des Urteils übergab der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan per Dekret die Hagia Sophia an die Religionsbehörde Diyanet.

In einer Fernsehansprache kündigte er an, dass dort am 24. Juli die ersten muslimischen Gebete abgehalten werden. Er versicherte zugleich, dass die Türen der Hagia Sophia für Muslime und Nicht-Muslime offen sein werden. Muslime bejubelten das Urteil vor dem Gebäude und riefen „Allah ist groß“.

Die Hagia Sophia war im 6. Jahrhundert als Kirche des griechisch-orthodoxen Kaiserreichs Byzanz erbaut worden. Nach der Eroberung Konstantinopels durch Truppen des Osmanischen Reiches diente sie ab 1453 als Moschee. 1934 wurde sie in ein Museum umgewidmet.

Patriarch Kirill: Russisches Volk empfindet „großen Schmerz“

Scharfe Proteste ruft die jetzige Entscheidung insbesondere bei Staaten hervor, die vom orthodoxen Christentum geprägt sind. So nannte die griechische Präsidentin Katerina Sakellaropoulou die Umwandlung einen „zutiefst provokanten Akt gegen die internationale Gemeinschaft“. Die Umnutzung beleidige auf „brutale Weise das historische Gedächtnis, untergräbt den Wert der Toleranz und vergiftet die Beziehungen der Türkei zur gesamten zivilisierten Welt“.

Das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, Patriarch Kirill, erklärte, die Entscheidung füge dem russischen Volk, das sich mehrheitlich zur Orthodoxie bekenne, „großen Schmerz“ zu. Kritik übten ferner unter anderen die Regierungen von Russland, der USA und von Frankreich.

Grübel für gemeinsame Nutzung der Hagia Sophia durch Muslime und Christen

Auch in der deutschen Politik gibt es heftigen Widerspruch. Der Beauftragte der Bundesregierung für weltweite Religionsfreiheit, Markus Grübel (CDU), sprach von einer „unnötigen Provokation der orthodoxen Christen“, insbesondere in Griechenland und Russland. Die Umwandlung habe innenpolitische Gründe. Das Ansehen des türkischen Präsidenten werde schwächer. „Er macht Symbolpolitik“, sagte Grübel gegenüber domradio.de.

Er hätte sich gewünscht, dass die Hagia Sophia „bei einer Statusänderung als Ort zur Begegnung und des Austausches zwischen beiden Religionen dient oder als Simultangotteshaus, das von Muslimen und Christen gemeinsam genutzt wird“. Der europapolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Florian Hahn (CSU), forderte, die EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei zu beenden: „Alles andere wäre eine Farce. Die EU darf nicht länger gute Miene zum bösen Spiel Erdogans machen.“

Die jüngsten Streitigkeiten zwischen orthodoxen Kirchen scheinen zumindest für einen Moment der gemeinsamen Sorge um das Schicksal der Hagia Sophie überwunden, die nach dem Willen türkischen Regierung schon bald in Mosche umgewandelt werden könnt. Die gemeinsamen Bedenken brachte Metropolit Hilarion Alfeyev, Leiter der Abteilung für Außenbeziehungen des orthodoxen Patriarchats in Moskau, zum Ausdruck. Die russische Agentur Interfax zitiert den Vertreter der orthodoxen Kirche am gestrigen 3. Juli mit folgenden Worten. „Wir verfolgen die Ereignisse rund um die Kathedrale der Hagia Sophia mit ernsthaften Bedenken. Wir warten auf die offizielle Veröffentlichung der Entscheidung des Obersten Gerichtshofs der Türkei, der nach Angaben der Presse entschieden hat, dass der Status der Hagia Sophia, der derzeit dem eines Museums entspricht, durch ein Dekret des Präsidenten des Landes geändert werden kann”. Hilarion bezeichnete die Hagia Sophia als „Erbe der gesamten Menschheit“ und unterstrich, dass Änderung des gegenwärtigen Status quo „das gegenseitige Verständnis in der Welt, den Dialog zwischen Zivilisationen und Kulturen, den interreligiösen Dialog ernsthaft schädigen kann“. Unter erinnert der Metropolit des Patriarchats von Moskau auch an die besondere Rolle, die die Hagia Sophia in der Geschichte des russischen Christentums und erwähnt in diesem Zusammenhang die Legende von Prinz Wladimir. Nach dieser Legende soll bei Prinz Wladimir von Kiew, der auf der Suche nach der wahren Religion für sein Volk war die Vertreter des Islam aus Bulgarien, die Vertreter des Judentums und die Gesandten des Papstes aus Deutschland erfolglos vorgesprochen haben. Seine Entscheidung fiel erst, als seine Gesandten von einer feierlichen Liturgie zurückgekehrt waren, an der sie in der Basilika der Heiligen Sofia in Konstantinopel teilgenommen hatten: „Wir sind zu den Griechen gekommen“, sollen die Botschafter dem Prinzen berichtet haben,“ und wir wurden dahin geführt, wo sie die Liturgie für ihren Gott feiern … Wir wusstem nicht mehr, ob wir im Himmel oder auf Erden waren … denn wir haben erfahren, dass Gott dort unter Menschen lebt.“

Bereits am 1. Juli brachte auch die Interparlamentarischen Versammlung der Orthodoxie mit Sitz beim griechischen Parlament, die 1993 auf Initiative von Parlamentariern aus Russland und Griechenland gegründet wurde und heute parlamentarische Vertreter aus 25 Ländern umfasst, die eigene Sorge um die Zukunft der Hagia Sofia zum Ausdruck. Die Organisation widment sich der Analyse von politische Prozessen aus der orthodoxen christliche Perspektive und mächte die Begegnung und das gegenseitigen Verständnisses zwischen den Kulturen fördern. Die Hypothese, Hagia Sofia künftig als Ort der muslimischen Anbetung zu verwenden – so die Interparlamentarischen Versammlung – sei Anlass zur Sorge „bei allen Männern guten Willens und bei Gläubigen, die durch ihre Aktivitäten und Gebete versuchen, die Verständigung unter den großen Religionen der Welt zu fördern“.

Am 30. Juni hatte auch Bartholomaios I., der ökumenischer Patriarch von Konstantinopel erklärt, die mögliche Umwandlung des monumentalen Komplexes der Hagia Sofia in Istanbul in eine Moschee, bringe die ganze Welt gegen den Islam auf (vgl. Fides 01/07/2020) . Es sei es „absurd und schädlich”, dass die Hagia Sophia von einem, an dem die Völker sich begegnen und gemeinsam ihre Größe bewundern können, wieder in einen Ort der Konfrontation werden könnte. (Quelle: Fidesdienst)

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan will das Statut der byzantinischen „Hagia Sophia“, die derzeit als Museum für die Öffentlichkeit zugänglich ist, ändern, damit sie wieder als islamische Kultstätte genutzt werden kann. Dies berichtet die Zeitung Hürriyet in der am Freitag, dem 5. Juni, veröffentlichten Ausgabe unter Berufung auf vertrauliche Quellen. Der Plan zur Änderung des derzeitigen Status soll von Erdogan selbst auf einer Sitzung des zentralen Exekutivkomitees seiner Partei, der AKP angekündigt worden sein, die seit 2002 in der Türkei an der Macht ist. Laut den zitierten anonymen Quellen soll der türkische Präsident den Anwesenden aufgetragen haben, eine Formel zu suchen, die diese Änderung ermöglichen würde, wobei die Wiederherstellung der Nutzung als islamische Kultstätte das Gebäude weiterhin für Besuche von Touristen zugänglich macht, „genau wie bei der Sultanahmet-Moschee (Blaue Moschee)“. Erdogan soll dazu aufgefordert, das Projekt mit Vorsicht und ohne Eile durchzuführen, da es sich beim der Hagia Sofia um ein „sensibles“ Thema handle, über das jedoch „nur unsere große Nation entscheiden kann“.

Die Frage nach dem Status der Hagia Sophia war in den letzten Tagen wieder in den Mittelpunkt der Kontroversen gerückt, nachdem die türkische Regierung beschlossen hatte, zum 567. Jahrestag der osmanischen Eroberung von Konstantinopel am 29. Mai 1453 in der antiken christlichen Basilika aus dem Koran die sogenannten «Sure der Eroberung» verlesen zu lassen. Die Initiative löste eine sofortige heftige Reaktion der griechischen Regierung aus.

Die byzantinische Basilika der Hagia Sophia wurde nach dem Fall von Konstantinopel in eine Moschee umgewandelt und schließlich 1935 auf Geheiß von Mustafa Kemal Atatürk, dem ersten türkischen Präsidenten und Gründer der modernen Türkei, in ein Museum umgewandelt. (Quelle: Fidesdienst, Bild: Arild Vagen/wikipedia)

Die Hagia Sophia in Istanbul (Türkei) war einst das Zentrum der Orthodoxie, bevor sie in eine Moschee und dann in ein Museum umgewandelt wurde.  In dieser ehemaligen byzantinischen Kathedrale, die seit 1934 offiziell religiös neutral ist, erklang am 23. März erneut der Ruf des Muezzins zum muslimischen Gebet. Nach 85 Jahren war dies das erste Mal am 3. Juli 2016 wieder geschehen.

Um die Beweggründe für dieses bedeutsame Ereignis herauszufinden, hat die internationale Päpstliche Stiftung KIRCHE IN NOT (ACN) Etienne Copeaux, einen Historiker, der sich mit der zeitgenössischen Türkei befasst, interviewt. Er war ehemals Mitarbeiter des Französischen Instituts für anatolische Studien in Istanbul und Forscher am CNRS (Nationales Zentrum für wissenschaftliche Forschung). Er betreibt den Blog Susam-Sosak, der ganz der Türkei gewidmet ist. Das Interview führte Christophe Lafontaine.

Wie ist die Forderung der Muslime zu erklären, in der Hagia Sophia zu beten?

Die Forderung, dass die Basilika aus dem 6. Jahrhundert wieder für die muslimische Religionsausübung zurückgegeben werden soll, ist seit den Feierlichkeiten zur 500. Jahrestag der Einnahme von Konstantinopel im Jahr 1953 stark gegenwärtig. Anlässlich der Einnahme der Stadt (der „Fetih“) feierte der Sultan den Sieg in der Hagia Sophia und wandelte diese ipso facto in eine Moschee um. Diese Geste verlieh der Basilika einen sakralen und islamischen Charakter und machte sie zu einem Symbol des Islam, obgleich paradoxerweise ihr griechischer, christlicher Name beibehalten wurde: „Aya Sofia“. Atatürk, der Gründer und von 1923 bis 1938 erste Präsident der türkischen Republik, hat 1934 zum großen Ärger der Gläubigen entschieden, die Hagia Sophia zu säkularisieren und sie in ein Museum zu verwandeln, das sie bis heute geblieben ist.

Etienne Copeaux – französischer Historiker

Stellt die Frage des muslimischen Gebetes in der Hagia Sophia eine Zurückweisung der von Atatürk gewollten Laizität dar?

Das Gedenken im Jahr 1953, das alles in allem eine ziemlich einfache Zeremonie war, fand in einer anti-laizistischen Periode statt, einer Zeit der Rückkehr des Religiösen unter der Regierung der Demokratischen Partei von Adnan Menderes (1950-1960), der 1956 in Konya erklärte: „Die türkische Nation ist muslimisch.“ Diese Aussage, die den Charakter der Türkei, die nach dem Völkermord an den Armeniern, der Ausweisung der orthodoxen Griechen und den Pogromen an den Juden de facto zu 99 Prozent muslimisch geworden war, widerspiegelt, wurde zum Lieblingsslogan der extremen Rechten in der Türkei.

Als der politische Islam von Juni 1996 bis Juni 1997 wieder an die Macht kam, versprach Premierminister Necmettin Erbakan seinen Wählern, die Basilika dem Islam zurückzugeben. Er blieb nicht lange genug an der Macht, um diesen Plan zu verwirklichen.

Zur selben Zeit, nämlich von 1994 bis 1998, war Recep Tayyip Erdogan Bürgermeister von Istanbul und formulierte dieselben Absichten. Doch er wurde 1998 durch die Armee abgesetzt und sogar für die „Verletzung der Laizität“ inhaftiert.

2018 rezitierte Erdogan als türkischer Präsident den ersten Koranvers in der Hagia Sophia und erklärte im März 2019, er wolle den Status eines Museums in den einer Moschee umwandeln. Steht der Gebetsruf vom 23. März damit im Zusammenhang?

Ich meine, dass viele Maßnahmen, die Erdogan seit 2002 und insbesondere im Jahr 2012 getroffen hat, zum einen ein politisches Ziel haben, das 50 Jahre zurückgeht, und zum anderen als eine Rache für die Verletzung gesehen werden können, die ihm seine Absetzung 1998 zugefügt hat. So ist auch das Gebet von vergangenem März in meinen Augen nichts anderes als ein (für den Augenblick) bescheidenes Ergebnis eines langen Prozesses. Vor allem darf man das Regime von Erdogan nicht als einen Bruch betrachten, sondern es ist Teil einer langen national-islamischen Geschichte, die sich nicht immer unterirdisch vollzogen hat.

Wie können die Christen in der Türkei reagieren?

Die Christen in der Türkei, und vor allem der Überrest der orthodoxen Bevölkerung, deren größter Teil 1914, 1955 und 1964 in Wellen ausgewiesen wurde – um nicht von der Vertreibung der Orthodoxen aus Nordzypern im Jahr 1974 zu sprechen – ist angesichts des von ihnen Erlebten extrem zurückhaltend. Die Anweisung, sich zurückzuhalten, wird sogar von den religiösen Führern beharrlich wiederholt: keine hohen Wellen zu schlagen, sich nie zu beklagen. Die Reaktionen der Orthodoxie können in der Türkei nur über den offiziellen Weg des Ökumenischen Patriarchates von Konstantinopel laufen. Aber der Erfahrung nach sind die Treffen zwischen dem Patriarchen und den türkischen Behörden oft sehr konventionell, sehr diplomatisch. Wird die griechische und russische Orthodoxie passiv bleiben, wenn die Basilika wie im Jahr 1453 der muslimischen Religionsausübung überlassen werden sollte? Angesichts des komplizierten Kontextes der Beziehungen mit Russland aufgrund des Syrienkonflikts ist es ziemlich unwahrscheinlich.

Titelbild: Arild Vågen/wikimedia

Die Leiche von Şimoni Diril, der Mutter des chaldäischen Priesters Remzi Diril, wurde siebzig Tage nach der Entführung der Frau und ihres Mannes Hormuz in einem Bach im türkischen Dorf Kovankaya gefunden. Das christliche Ehepaar war am vergangenen 11. Januar Kovankaya einem Dorf in der südosttürkischen Provinz Şirnak entführt worden. Das Verschwinden des chaldäischen Ehepaares hatte in den örtlichen christlichen Gemeinden, die derzeit hauptsächlich aus Geflüchteten aus dem Irak und Syrien besteht, große Besorgnis ausgelöst. Nun Befürchten die Christen in der Region, das dem Ehemann Hormuz dasselbe Schicksal widerfahren sein könnte.

 Ihr Sohn, der chaldäische Priester Remzi Diril, in der Gemeinde auch als Pfarrer Adday bekannt, ist derzeit in Istanbul für die Seelsorge unter Tausenden in der Türkei lebenden chaldäischen Christen verantwortlich, die dort oft auf ein Visum für die Auswanderung in europäische Länder oder nach Amerika oder Ozeanien warten. Wie Augenzeugen berichten sollen unbekannte Männer Hormuz und Şimoni aus ihrem Dorf verschleppt haben, von denen in journalistischen Kreisen behauptet wird, es handle sich um Milizionäre der kurdischen Arbeiterpartei (PKK). Pfarrer Adday, der seine Eltern am Tag nach der Entführung besuchen wollte, hatte deren Zuhause leer vorgefunden.

 In den darauffolgenden Tagen hatten türkische Spezialeinheiten, unterstützt von Hundeeinheiten und auch mithilfe von Drohnen, intensive rund um den Berg Kato nach dem vermissten Ehepaar gesucht, ohne Spuren der beiden zu finden.
Das historisch von assyrischen und chaldäischen Christen bewohnte Dorf Kovankaya war 1994 während des Konflikts zwischen der türkischen Armee und den PKK-Milizionären in Brand gesteckt und gewaltsam evakuiert worden. Die Familie von Hormuz und Şimoni war infolge der Gewalt aus Südostanatolien geflohen und nach Istanbul gezogen. Die Bestimmungen zum Verbot des Aufenthalts im Dorf waren 2010 aufgehoben worden. 2015 wollte das ältere Ehepaar dauerhaft in sein Heimatdorf zurückkehren, obwohl viele andere christliche Familien, die aus Kovankaya evakuiert worden waren, nicht mehr in die Heimat zurückkehren wollten. (Quelle: Fidesdienst)

Die türkischen Behörden haben den syrisch-orthodoxen Mönch Sefer Bileçen offiziell wegen Mitschuld an terroristischen Organisationen und Aktivitäten angeklagt. Der Mönch wurde mit zwei weiteren Personen am 9. Januar von türkischen Sicherheitskräften verhaftet, weil er, Mitgliedern des militärischen Flügels der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) Hilfe angeboten haben soll, die von der türkischen Regierung als Terroristen betrachtet (vgl. Fides 16/01/2020). Die Anklage gegen den Mönch, die die türkischen Behörden erst am Samstag, dem 8. Februar, bekannt gegeben hatten, war bereits am 16. Januar eingereicht worden, als der Ordensmann das Gefängnis zwar verlassen durfte, gleichzeitig aber unter Hausarrest gestellt wurde.
Jon Koriel, Präsident der Menschenrechtsorganisation „Assyrian Policy Institute“, erklärte nun: „Wir sind zutiefst besorgt über die ungerechtfertigten Anschuldigungen gegen Pater Sefer und die Botschaft der Bedrohung, die seine Geschichte an den Rest der syrischen Gemeinschaft in der Türkei vermittelt. Wir fordern die türkischen Behörden auf, alle Anklagen gegen ihn ohne Vorbedingungen fallen zu lassen. „

Gruppen, die den Zustand der christlichen Gemeinden in der Türkei beobachten, haben eine zunehmende Anzahl von Verhaftungen von Mitgliedern dieser Gemeinschaften aufgrund von Vorwürfen der Zusammenarbeit mit der PKK registriert.
Pater Sefer Bileçen, ein Mönch des Mor Yakup-Klosters in Nusaybin (dem antiken Nisib, das sich heute in der türkischen Provinz Mardin befindet), wurde nach seiner Verhaftung vor einen Richter des örtlichen Gerichts gestellt, um Rechenschaft über die angebliche „Komplizenschaft“ mit einer „terroristische Organisation“ abzulegen.

In den Tagen unmittelbar nach der Festnahme berichteten türkische Medien, dass die Ermittlungen gegen den Mönch im September 2018 begonnen hatten, als auf zwei Drohnen des türkischen Sicherheitsdienstes montierte Kameras zwei PKK-Kämpfer beim Betreten des Klosters Mor Yakup gefilmt hatten. Seitdem wurde das Kloster und insbesondere der Mönch Sefer von Geheimdiensten überwacht. Im September 2019 hatte ein von türkischen Sicherheitskräften festgenommener PKK-Kämpfer gestanden, das Kloster Mor Yakup mehrmals besucht zu haben, um dort zu essen und sich zu erfrischen. Türkische Medien zitierten auch Aussagen die bestätigen, dass die von den türkischen Behörden vermutete „Komplizenschaft“ des syrisch-orthodoxen Mönchs sich auf die Bereitstellung von Mahlzeiten für Menschen beschränkt war, die sagten, sie hätten Hunger und Durst. (Quelle: fidesdienst)

Die christliche Minderheit in der Türkei steht erneut unter Druck. In der ersten Januarhälfte wurden im Tur Abdin, einem Gebirgsmassiv im Südosten der Türkei, der syrisch-orthodoxe Abt Aho Bilecen zusammen mit zwei Gläubigen festgenommen. Wenige Tage später wurden die Inhaftierten freigelassen, es wurden aber erneut Christen verhaftet. Der Tur Abdin gilt als frühere christliche Hochburg. Über die Hintergründe sprach Volker Niggewöhner vom weltweiten päpstlichen Hilfswerk KIRCHE IN NOT mit dem Vorsitzenden der „Initiative Christlicher Orient“ im österreichischen Linz, dem Priester Dr. Slawomir Dadas.

KIRCHE IN NOT: Sie verfügen über exzellente Kontakte in den Tur Abdin. Wie geht es denn drei verhafteten und wieder freigelassenen Christen?

Slawomir Dadas: Es geht ihnen den Umständen entsprechend gut – mit aller Unsicherheit, die natürlich nach wie vor besteht. Bei den Verhafteten handelt es sich um den Abt des syrisch-orthodoxen Klosters Mor Yakub d’Karno und zwei Bürgermeister. Der Abt war vier Tage in Polizeigewahrsam, der eine Bürgermeister wurde nach zwei, der andere nach einem Tag entlassen.

Warum wurden die drei Männer verhaftet?

Berichten zufolge soll ein kurdischer Kämpfer der PKK zum türkischen Militär übergelaufen sein. Der hätte ausgesagt, dass der Abt und die anderen Personen vor wenigen Jahren einigen PKK-Kämpfern etwas zu essen gegeben hätten. Das wird automatisch als Terror-Unterstützung gewertet, und deshalb wurden sie festgenommen. Die offiziellen Protokolle der Aussage des ehemaligen Kämpfers hat aber niemand zu Gesicht bekommen.

Das deutet auf eine große Nervosität bei den Sicherheitsbehörden hin …

Die Menschen aus Tur Abdin sagen mir: Das ist leider Gottes alle paar Jahre Standard. Die Christen erleben sich in ihrer Heimat als nicht willkommen und werden immer wieder schikaniert. Dass der Abt jetzt vier Tage inhaftiert war, ist schon extrem. Es wurde auch davon berichtet, dass jetzt ein christliches Ehepaar verhaftet wurde. Es geht vermeintlich um Grundstücksstreitigkeiten.

Der Tur Abdin liegt auch unweit der Grenze zu Syrien und dem Irak. Inwieweit war und ist die Region von den kriegerischen Auseinandersetzungen dort betroffen?

Während des Irak-Krieges sind viele Flüchtlinge in den Tur Abdin gekommen. Mittlerweile sind die Flüchtlingscamps aber dort weitgehend leer. Die Flüchtlinge sind weitergezogen oder wurden einfach verlegt.

Sie haben die Schikanen gegen Christen erwähnt. Hat sich ihre Situation in der Türkei in den vergangenen Jahren generell verändert?

Vor allem im Tur Abdin ist das große Problem, dass die Menschen dort kaum noch eine Zukunft für sich sehen. Vor rund 50 Jahren sollen es dort noch circa 50 000 Christen gewesen sein. Als ich zuletzt in dem Gebiet war, wurde von nur noch 2500 Christen gesprochen.

Die Türkei ist ein großes Land. Lebt ein Christ in Istanbul besser als im Tur Abdin?

Ja. Ich habe den Eindruck, dass Christen in Istanbul mehr Freiheiten haben. Im Tur Abdin scheinen sie ein Störfaktor zu sein, weil es als christliches Gebiet gilt. Das kommt in einem muslimischen Land nicht gut an. Ich habe aber auch erlebt: Wenn die Klöster im Tur Abdin von Touristen besucht werden, dann weckt das auch Interesse bei den Muslimen. Sie bewundern die Kultur und Geschichte der Klöster. Da gibt es schon eine kleine Bewegung auf kulturellem Gebiet von muslimischer Seite. Aber gesellschaftspolitisch merkt man nichts davon.

Schon in den 1980er-Jahren gab es eine große Abwanderung aus dem Tur Abdin. Der Grund damals waren die Kämpfe zwischen der kurdischen PKK und der türkischen Regierung. Befürchten Sie ähnliches, wenn die militärische Lage wieder eskalieren sollte?

Die Menschen im Tur Abdin sagen, dass die militärische Lage ihnen weniger Sorgen macht als die wirtschaftliche. Das Gebiet wird von der Regierung grundsätzlich im Stich gelassen. Hilfe kommt nur durch Spenden von Organisationen oder von Emigranten, sonst könnten die Menschen dort nicht überleben. Bei meiner Reise in die Region haben wir zahlreiche Dörfer besucht. Dort haben früher 200, 300 Familien gelebt, mehrheitlich Christen. Heute sind es zwei oder drei. Sie bestehen meistens aus Menschen, die vorher in Deutschland oder anderen westeuropäischen Ländern gelebt haben und die im Ruhestand zurückgekehrt sind. Sie sind so etwas wie die Wächter des kulturellen Erbes und des Glaubens dort.

Wird sich Ihrer Einschätzung nach in der Türkei die Rückbesinnung auf den Islam fortsetzen und ist das einer Entfremdung zwischen der EU und der Türkei geschuldet?

Ich habe den Eindruck, dass diese Entfremdung gar nicht immer beabsichtigt war. Aber diese Entwicklung hat einige muslimische Mitbürger sehr gestärkt. Es wurden zum Beispiel einige christliche Dörfer von der muslimischen Bevölkerung besetzt. Häuser von Christen, die im Ausland leben, wurden von Muslimen übernommen. Es ist sehr schwierig, sie zurück zu bekommen. So ist es gerade im Tur Abdin: Die Menschen haben das Gefühl, dass sie „enteignet“ werden, denn es gibt keine Rechtsgrundlage dafür. Sie verlieren ihr Hab und Gut ohne wirkliche Rechtsgrundlage. Sie verlieren alles, was sie sich im Laufe der Geschichte erarbeitet haben. (Bild: Rafy/wikipedia)

Türkei-Offensive bringt Christen und andere Minderheiten an den Rand der Auslöschung. „Es war nicht klug, den Truppenabzug einzuleiten. Es war klar, dass den Kurden niemand helfen würde. Jetzt werden sie alles verlieren, wie es bereits in Afrin geschehen ist.“ Jacques Behnan Hindo, der emeritierte syrisch-katholische Erzbischof von Hassaké-Nisibi, macht sich im Gespräch mit dem weltweiten katholischen Hilfswerk „Kirche in Not“ keine Hoffnung, was die jüngste Invasion der Türkei im Nordosten Syriens angeht. Die Entscheidung von US-Präsident Trump, seine Truppen aus dem Nordosten Syriens abzuziehen, hat eine Reihe von Ereignissen in Gang gesetzt, von denen die türkische Offensive nur ein erstes Fanal sein könnte. Verlierer aber werden nicht nur die Kurden sein.

Christen ohne kurdischen Schutz

„Wie immer hat jede Kriegspartei ihre eigenen Interessen, aber wir Christen werden die Konsequenzen tragen“, sagt Hindo. Im Nordosten Syriens leben rund 30 000 bis 40 000 Christen verschiedener Konfessionen. Trotz Einschränkungen waren sie unter dem Schutz kurdischer Truppen relativ sicher in der Region, die sich zwischen dem Euphrat und der Grenze zur Türkei und der irakisch-türkischen Grenze erstreckt. Die Kurden waren nicht zuletzt wichtige Partner im Kampf gegen den Terror des sogenannten „Islamischen Staates“.

Beides scheint nun unter türkischem Militärfeuer ausgelöscht. Nun, da die Kurden um ihr eigenes Überleben kämpfen, stehen die Christen wie die anderen Minderheiten, zum Beispiel die Jesiden, ohne Schutz da. Ein neuer Exodus sei vorprogrammiert, so Bischof Hindo. Hinzu komme jedoch noch eine weitere, weit gefährlichere Entwicklung. „Es wurde gemeldet, dass eines der Gefängnisse, in dem IS-Kämpfer festgehalten wurden, im Kampf getroffen wurde und weitgehend unbewacht ist. Die meisten von den Terroristen werden jetzt frei sein. Das folgt einem Plan, Syrien zu zerstören – und nicht nur Syrien. Jetzt werden die Terroristen nach Europa kommen, durch die Türkei und mit der Unterstützung Saudi-Arabiens.“

Neu Flüchtlingswelle – vor allem in den Irak

Eine neue Flüchtlingswelle, die vor allem den Irak mit voller Härte trifft, befürchtet auch der chaldäisch-katholische Erzbischof von Erbil, der Hauptstadt der Region Kurdistan, Bashar Warda, ein langjähriger Projektpartner von „Kirche in Not“. „Wir bereiten uns auf eine neue Flüchtlingswelle vor. In Erbil haben wir in den vergangenen beiden Jahren schon eine steigende Zahl von Vertriebenen aus Nordsyrien festgestellt“, schreibt Warda in einer Erklärung, die dem Hilfswerk vorliegt. „Wir hoffen und beten, dass sich die Regierung und die internationale Gemeinschaft sich nicht abwenden, sondern uns unterstützen, den Christen und den anderen unschuldigen Menschen zu beizustehen, welche Religion sie auch haben.“

Erschwerend kommt hinzu, dass für viele Flüchtlinge nur der Irak die nächstgelegene Zufluchtsoption darstellt. Der Libanon, der seit Ausbruch des Syrienkriegs die höchste Zahl von Flüchtlingen aus Syrien aufgenommen hat, beginnt nun Berichten zufolge mit einem verstärkten Rückführungskurs. Warda befürchtet deshalb: „Sollten Christen keine ausreichende Versorgung im Nordirak finden, werden sie den Nahen Osten ganz verlassen.“ Einmal mehr ist die Gefahr der Auslöschung des Christentums in einer seiner Ursprungsregionen zum Greifen nah. Letztlich könnte die erneute Eskalation sogar einem der Hauptziele des IS doch noch zum Erfolg verhelfen, macht Warda deutlich: „Der Ausrottung des Christentums in der Region.“

Greift der Konflikt auch auf Aleppo über?

Offen bleibt, ob der Plan der Türkei, eine Sicherheitszone im Nordosten Syriens einzurichten, auf die Region begrenzt bleibt. Sollte der Konflikt auch auf den Nordwesten überschwappen, wäre unter anderem Aleppo betroffen, wo derzeit rund 30 000 Christen leben. „Das könnte der Anfang vom Ende sein“, erklärt der in Aleppo ansässige armenisch-katholische Priester Mesrob Lahian gegenüber „Kirche in Not“.

„Die Menschen in Syrien leiden nach wie vor unter den unübersichtlichen Kriegswirren“, erklärt Herbert Rechberger, Nationaldirektor von Kirche in Not – Österreich. „Unser Hilfswerk hat in den vergangenen acht Kriegsjahren immer an der Seite der syrischen Christen gestanden. Wir werden sie auch jetzt nicht verlassen, während die Politik noch diskutiert, was jetzt zu tun ist.“

Es darf nicht vergessen werden, dass die Kirchen oft die einzigen Anlaufstellen für die kriegsgeplagte Bevölkerung sind. Lebensmittel- und Medikamentenhilfen, Beiträge für Lebenshaltungskosten und Unterbringung von Flüchtlingen ist derzeit eine Priorität von „Kirche in Not“.

Um die humanitäre und pastorale Sorge der christlichen Gemeinden für die notleidende Bevölkerung Syriens weiterhin unterstützen zu können, bittet „Kirche in Not“ um Spenden – online unter: www.kircheinnot.at oder an folgendes Konto:

Empfänger: KIRCHE IN NOT
IBAN: AT71 2011 1827 6701 0600
BIC: GIBAATWWXXX
Verwendungszweck: Syrien

In Nordsyrien droht wegen der Offensive der Türkei ein Exodus der christlichen Minderheit. Davor warnte der katholisch-chaldäische Vikar, Nidal Thomas, gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Er lebt in der nordyrischen Stadt Hassaka. Wenn der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan nicht aufhöre, würden alle dort verbliebenen Christen fliehen, so Thomas: „Wir bitte um Intervention, um diese Tragödie zu verhindern.“ Seit Beginn der Offensive am 9. Oktober in dem kurdisch dominierten Nordosten Syriens haben nach Angaben der Vereinten Nationen rund 100.000 Menschen ihre Heimat verlassen. Ziel der Invasion ist die Kurdenmiliz YPG. Erdogan betrachtet sie als einen Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK in der Türkei. Ferner will er in Nordsyrien syrische Flüchtlinge ansiedeln, die derzeit in der Türkei leben. (Quelle: idea)

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