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Einer der führenden Bischöfe des Landes verurteilt den plötzlichen Anstieg der Zahl  minderjähriger christlicher und hinduistischer Mädchen in Pakistan, die entführt, vergewaltigt und gezwungen werden, zu heiraten und zum Islam überzutreten.

In einem Interview mit dem katholischen Hilfswerk KIRCHE IN NOT (ACN) bestätigte der Erzbischof von Lahore, Sebastian Shaw, Berichte über Entführungen von gerade einmal 14-jährigen Mädchen, die er als „Verbrechen“ scharf verurteilte.

Der Bericht des Bischofs deckt sich mit den Ergebnissen von Nachforschungen in der pakistanischen Provinz Punjab, die besagen, dass bis zu 700 Mädchen innerhalb eines Jahres verschleppt worden seien. Er sagte: „In letzter Zeit hat es viele Entführungen gegeben. Entführungen sind Verbrechen und müssen entsprechend geahndet werden. Nur so können sie gestoppt werden. Die Mädchen sind normalerweise etwa 14 oder 15 Jahre alt. Die Männer sind oft schon verheiratet. Sie sind 25 Jahre und älter.“

Laut Erzbischof Shaw spielt Religion bei den Entführungen sicher eine Rolle, zumal die Mädchen überwiegend hinduistisch oder christlich seien. Dennoch glaubt er, dass dies nicht die einzige Erklärung sei. „Es ist Begierde. Sie denken: , Sie sieht toll aus und ich will sie.‘ Es ist ein Delikt. Doch da ist auch eine möglicher religiöser Aspekt dabei.”

Er berichtete, dass christliche Würdenträger aufgrund der Zunahme der Entführungen die Polizei eingeschaltet hätten, „doch die hörte überhaupt nicht zu.” Also wandten sie sich direkt an die Regierung. „Wir sprachen über die Vorfälle mit der Regierung und sie nahm die Sache ernst. Zusammen mit dem islamischen Rat organisierte sie ein Treffen zwischen mir und Leitern der muslimischen und hinduistischen Gemeinschaften. Ich war bei dem Treffen dabei. Ein junger islamischer Gelehrter kritisierte die Entführungen und sagte, Zwangsbekehrungen seien nicht erlaubt.“

Trotz allem ist Erzbischof Shaw optimistisch, was die Zukunft Pakistans anbelangt. Seiner Meinung nach bewegt sich die aktuelle Regierung unter Premierminister Imran Khan in die richtige Richtung. Er sagte: „Die derzeitige Regierung setzt sich für Gleichheit ein. Alle Menschen sollten ein Gefühl der Zugehörigkeit haben.” Auch was die Kirche in Pakistan angeht, zeigte sich Shaw optimistisch. Er sagte: „Fast 60 Prozent der Bevölkerung sind junge Menschen. Wir verhelfen den Menschen zu einer guten und qualifizierten Ausbildung, zu Professionalität. Das ist neu, vor allem für die Katholiken. Wir haben guten Katechismus-Unterricht und erklären ihnen, warum sie Christen sind. Wir bilden sie aus für den Dialog mit den Muslimen. Wir bringen ihnen den Unterschied zwischen Dialog und Debatte bei.”

Erzbischof Shaw lobte die Arbeit von KIRCHE IN NOT in Pakistan und sagte: „Ich bin KIRCHE IN NOT dankbar, denn KIRCHE IN NOT unterstützt uns vor allem in unseren pastoralen Aktivitäten. KIRCHE IN NOT hilft auf der ganzen Welt und jedes Mal, wenn wir uns an das Werk wenden, bekommen wir Hilfe. Wir freuen uns immer über finanzielle Unterstützung, Gebete und Mut machende Worte.“

Im Jahr 2018 hat KIRCHE IN NOT in Pakistan 61 Projekte finanziert, darunter den Bau von Kirchen, die Ausbildung von Ordensleuten und die Bildung von Laien.

In Pakistan wurden schätzungsweise 224 Christen Opfer des Blasphemiegesetzes, seit das Gesetz 1986 verabschiedet wurde. So berichtet Cecil Shane Chaudhry, Exekutivdirektor der pakistanischen Nationalen Kommission für Gerechtigkeit und Frieden (NCJP) einer italienischen Delegation der Päpstlichen Stiftung KIRCHE IN NOT bei ihrem Besuch in dem asiatischen Land.

Auch wenn der juristische Fall für Asia Bibi am vergangenen 29. Januar ein glückliches Ende gefunden hat, verzeichnet die Kommission derzeit 25 weitere Fälle von Christen auf, die immer noch im Gefängnis leiden, wie es eine dem Hilfswerk vorgelegte Studie belegt. Darüber hinaus wurden 23 Christen wegen der Unterstellung von Blasphemie zwischen 1990 und 2017 umgebracht.

Als “Antiblasphemiegesetz” sind vor allem zwei Absätze des Artikel 295 des pakistanischen Strafgesetzbuches zu verstehen (Absätze B e C). Der Artikel 295B sieht für denjenigen, der den Koran verunglimpft, die lebenslange Freiheitsstrafe vor; der Artikel 295C die Todesstrafe für denjenigen, der den Propheten Mohammed beleidigt.
“Das Antiblasphemiegesetz stellt für die Fundamentalisten ein gewaltiges Instrument zur Machtausübung dar, zulasten der Minderheiten, und wird häufig missbraucht, um persönliche Rache zu nehmen“, so Chaudhry. „Und wenn ein Christ angeklagt wird, so betreffen die Konsequenzen die ganze Gemeinschaft.“

Dies ist genau das, was sich im März 2013 im christlichen Viertel Joseph Colony in Lahore ereignet hat, nachdem der junge Christ Sawan Masih angeklagt worden war, Mohammed beleidigt zu haben. „Nach dem Freitagsgebet am 9. März hat eine Menschenmenge von 3000 Muslimen das ganze Viertel niedergebrannt und dabei fast 300 Wohnhäuser und zwei Kirchen zerstört”, so berichtet Pater Emmanuel Yousaf, Präsident des NCJP der Delegation von KIRCHE IN NOT bei ihrem Besuch der Siedlung, die mittlerweile dank der Hilfen der Regierung wieder aufgebaut und den Christen zurückgegeben worden ist.

Doch obwohl die 83 Rädelsführer des Brandanschlags alle wieder auf freiem Fuß sind, wurde Sawan Masih 2014 zum Tode verurteilt und wartet noch heute auf den Berufungsprozess. „Die Anhörungen werden ständig verschoben“, erklärt Anwalt Tahir Bashir. “Die letzte Anhörung war für den 28. Januar angesetzt, doch der Richter ist nicht erschienen. Nun ist ein neuer Termin für den 27. Februar anberaumt.”

Wie bei Asia Bibi mangelt es auch beim Fall von Sawan nicht an Unregelmäßigkeiten Die Anzeige gegen ihn wurde von einem seiner muslimischen Freunde, Shahid Imran, erstattet, nachdem die beiden gestritten hatten. Nur zwei Tage später erschienen zwei Zeugen, die in Wirklichkeit zum Zeitpunkt der vermeintlichen Beleidigung Mohammed gar nicht anwesend gewesen waren. „Die Anschuldigungen gegen Sawan werden instrumentalisiert“, so Pater Yousaf gegenüber KIRCHE IN NOT. „In Wirklichkeit geht es eigentlich darum, die Christen aus diesem Stadtviertel zu vertreiben, das sehr begehrt ist, weil es in der Nähe von Stahlfabriken liegt.“

Unterdessen zieht Sobia, die Ehefrau von Sawan, ganz alleine ihre drei Kinder groß. „Ich weiß nicht, warum sie meinen Mann beschuldigen“, sagt sie zu KIRCHE IN NOT. „Ich weiß lediglich, dass der Mann, der ihn angezeigt hat, ein Freund von ihm war, mit dem er gestritten hatte. Sawan ist unschuldig!“

Dominikanerpater James Channan setzt sich seit Jahren für den Dialog zwischen Christen und Muslimen ein – in einem Land, in dem es immer wieder zu Ausschreitungen gegen die verschwindend kleine Minderheit der Christen kommt und ein Blasphemiegesetz jede vermeintliche Kritik am Islam unter drakonische Strafen stellt, nicht nur im Fall Asia Bibi. Channan leitet das „Peace Center“ in der pakistanischen Stadt Lahore. 

Mit Tobias Lehner sprach er über die Auswirkungen der Blasphemiegesetze bei einem Besuch in der Zentrale von der Päpstliche Stiftung KIRCHE IN NOT (ACN), hoffnungsvolle Entwicklungen in der islamischen Welt und die Zukunftsaussichten für Asia Bibi.

Tobias Lehner: Die lebensgefährliche Situation vieler Christen in Pakistan hat für die Weltöffentlichkeit durch das Schicksal von Asia Bibi ein Gesicht bekommen. Nach Jahren in der Todeszelle wurde sie Ende Oktober 2018 vom Vorwurf der Blasphemie freigesprochen und aus dem Gefängnis entlassen. Was wissen Sie über die aktuelle Situation?

Pater James Channan: Die Lage der Christen in Pakistan ist alarmierend. Sie leben in Angst und Unsicherheit. Diese Situation hält schon seit den Siebzigerjahren an, seitdem die islamische Gesetzgebung der Scharia in Pakistan als Quelle der Gesetzgebung dient. Vor allem das umstrittene Blasphemigesetz wird von radikalen Muslimen missbraucht, um persönliche Rechnungen zu begleichen. Wenn irgendwo ein Christ wegen angeblicher Blasphemie angeklagt wird, stehen gleichzeitig alle Christen in der Region am Pranger. Oft kommt es dann auch zu Ausschreitungen gegen Christen.
Genau das passierte auch im Fall Asia Bibi. Wegen angeblicher Blasphemie war sie neun Jahre in der Todeszelle. Auch nach ihrem Freispruch ist sie nach wie vor nicht sicher. Radikale Islamisten versuchen, sie ausfindig zu machen und zu töten. Daher steht sie unter staatlichem Schutz. Wir hoffen, dass das oberste Gericht bald den Freispruch nochmals bestätigt und keine weitere Revision zulässt. Dann kann sie hoffentlich ausreisen und in Freiheit leben.

Asia Bibi ist kein Einzelfall. Was wissen Sie über das Schicksal der Christen, die ebenfalls wegen Blasphemie angeklagt sind?

Einem Bericht der katholischen Bischofskonferenz von Pakistan zufolge gibt es weitere 187 Fälle, in denen Christen wegen Blasphemie angeklagt sind. Darunter ist zum Beispiel das Ehepaar Shafqat Masih und Shagufta Bibi. Sie sind in der Todeszelle, ich habe sie dort besucht. Sie werden beschuldigt, blasphemische SMS verschickt zu haben. Das Paar bestreitet das. Ihre Zukunftsaussichten sind sehr düster. Selbst wenn sie doch noch freigesprochen werden sollten, werden sie und ihre Kinder nicht länger in Pakistan leben können. Fanatische Muslime werden versuchen, sie zu töten. Das Blasphemiegesetz zerstört das Leben der Angeklagten, auch wenn sie der Hinrichtung entgehen.

Nach dem Freispruch von Asia Bibi haben wir Bilder einer aufgeheizten Menge gesehen, die weiterhin ihre Hinrichtung fordert. Haben die Christen in Pakistan vor diesem Hintergrund jemals eine Chance auf Religionsfreiheit?

Es entstand der Eindruck, dass eine Gruppe militanter Muslime jederzeit das ganze Land lahmlegen können. Aber der militante Islamismus hat in Pakistan keine Mehrheit. Es gibt entweder zehn bis 15 Prozent radikale Islamisten, die die Menschen zu Gewalt anstacheln. Die Mehrheit der Muslime folgt diesen Aufheizern nicht. Sie setzen sich für die Religionsfreiheit auch der Christen ein. Es war eine große Erleichterung für Christen und Muslime, dass die pakistanischen Sicherheitskräfte in jüngster Zeit über 1000 Islamisten festgenommen hat. Es war ein richtiger Schritt der Regierung, hart gegen den Extremismus vorzugehen. Und ich hoffe, dass das so bleibt.

KIRCHE IN NOT arbeitet seit vielen Jahren mit Ihnen zusammen. Aus europäischer Sicht scheinen die Möglichkeiten begrenzt, um die Situation zu verändern. Macht die Hilfe dennoch einen Unterschied für die Christen in Pakistan?

Die Unterstützung von KIRCHE IN NOT trägt immens dazu bei, dass die Kirche in Pakistan den Glauben verkünden und den Dialog fortsetzen kann. Durch diese Hilfe ist es uns gelungen, viele Brücken zwischen Christen und Muslimen zu bauen. Wir wollen zeigen, dass die verschiedenen Religionen keine Angst voreinander zu haben brauchen. Im Friedenzentrum in Lahore sind viele muslimische Geistliche, darunter der Großimam der zweitgrößten Moschee Pakistans, fester Bestandteil unseres Programms und enge Freunde. Ich bin überzeugt, dass eine gute und friedliche Zukunft im Dialog zwischen Christen und Muslimen begründet liegt.

Nach fünf Jahren Ehe adoptierten Gulzar Masih und seine Frau, ein katholisches Ehepaar, mit Hilfe eines Freundes der Familie ein kleines Mädchen aus einem örtlichen Krankenhaus. Sie gaben ihm den Namen Meerab. Mittlerweile ist Meerab, die in Sargodha, Pakistan, lebt, 19 Jahre alt und erzählt der päpstlichen Stiftung KIRCHE IN NOT von ihrem schwierigen Leben und ihren Zielen für die Zukunft.

“Mein Vater war Gulzar Masih, meine Mutter ist Naasra Bibi. Ich habe einen acht Jahre alten Bruder, Shahryar Gulzar und gehöre zu einer katholischen Familie. Mein Vater arbeitete als Tagelöhner auf dem Bau und als Anstreicher; er verdiente 200 pakistanische Rupien am Tag, was etwa zwei Dollar entspricht. Aber an manchen Tagen gelang es ihm nicht, Arbeit zu finden, sodass wir gelegentlich auf die Mahlzeit verzichten mussten. Für unseren Bedarf zu sorgen, war für meinen Vater immer schwierig. Wir dankten aber dennoch Gott für seinen Segen.

Eines Tages wurde mein Vater schwer krank, und meine Mutter brachte ihn ins Krankenhaus. Der Arzt diagnostizierte Diabetes. Für eine angemessene Behandlung fehlte uns das Geld, so dass mein Vater starb.

Nach seinem Tod fand meine Mutter, obgleich sie unter großen Sorgen und Mühen litt, Arbeit als Haushaltshilfe. Der Lohn sollte unsere häuslichen Bedürfnisse und Ausbildungkosten decken. Das Einkommen unserer Familie war dennoch niedrig und die Kosten hoch, sodass ich meine schulische Ausbildung unterbrechen musste. Meine Mutter ermutigte mich, nicht den Glauben an Gott zu verlieren, wobei sie sagte, Er werde uns den Weg zeigen. Jede Nacht dachte ich an meinen Vater und die Nöte unserer Familie. So entschloss ich mich, meiner Mutter, die nicht sehr gesund war, zu helfen. Sie ist oft krank und leidet unter hohem Blutdruck.

Ich sagte ihr, ich würde ihr nach der Schule helfen und entweder mit ihr zusammen oder an ihrer Stelle arbeiten. Eines Tages ging ich allein zur Arbeit, wo der etwa 40 Jahre alte Hausherr mich bat, ihm eine Tasse Tee zu kochen. Als ich zu ihm kam, um ihn zu bedienen, hielt er mich am Arm fest und küsste mich. Ich fürchtete mich davor, dies meiner Mutter zu erzählen, da ich dachte, sie würde mich schlagen. Aber als sich dies wiederholte, erzählte ich es ihr. Daraufhin erlaubte sie mir nicht mehr, mit ihr zu arbeiten. Ich fragte mich, ob sie wohl genauso belästigt wird.

Ich betete immer zu Gott in der Hoffnung, dass Er uns helfen und einen Ausweg zeigen möge. Einige Leute besuchten uns und boten uns ihre Unterstützung an. Ich setzte meine schulische Ausbildung an der katholischen St. Ann’s Primary School fort. Mein Bruder besuchte zu dieser Zeit auch die Schule, aber aufgrund unserer finanziellen Schwierigkeiten verließ er sie wieder , um im Baugewerbe als Maler zu arbeiten.

Als ich in der achten Klasse war, begann die zu unserer Diözese gehörende Gesellschaft des heiligen Vinzenz von Paul uns finanziell zu helfen. Zu Beginn bekamen wir ein monatliches Stipendium in Höhe von 500 Rupien, das nach zwei Jahren auf 1000 Rupien erhöht wurde. Später bekam ich die Zulassung für die Oberschule am Ort, die von einer katholischen Organisation geleitet wird und eine der besten Schulen unserer Stadt ist. Ich bin unserem Schulleiter dankbar, der uns alle Gebühren erließ, so dass ich meine schulische Laufbahn problemlos fortsetzen konnte.

Dank der guten Menschen, die Gott uns sandte, kann ich an einem auf das Medizinstudium vorbereitenden Hochschulprogramm teilnehmen. Dort werde ich religiös diskriminiert, da die Schule muslimisch ist, aber ich weiß, dass Gott mit mir ist. Ich lebe in einer sehr armen Gegend; deshalb unterrichte ich abends 200 Kinder kostenlos. Ich wünsche mir sehr, Ärztin zu werden und den Armen zu helfen, damit niemand stirbt, wie mein Vater starb.

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