
Die christliche Präsenz im Heiligen Land ist nach Einschätzung des Rektors des Priesterseminars des Lateinischen Patriarchats von Jerusalem in Beit Jala bei Bethlehem, Bernard Poggi, bedroht – die Hoffnung unter den Christen sei aber nach wie vor groß und die Gemeinden vital.
Gewalt und Einschüchterungen, fehlende Arbeitsplätze, Einschränkungen der Bewegungsfreiheit und wirtschaftliche Not nähmen indes immer mehr Christen die Möglichkeit, in ihrer Heimat zu bleiben. „Niemand muss den Christen ausdrücklich befehlen, das Land zu verlassen“, sagte Poggi.
Vielmehr sei es die Summe vieler Belastungen, die das Bleiben immer schwieriger mache: Straßensperren, nicht zugängliche landwirtschaftliche Flächen, fehlende Arbeitsgenehmigungen, Einschüchterungen und mangelnde Zukunftsperspektiven. „Wenn eine Familie schließlich zu dem Schluss kommt, dass sie nur durch Weggehen ihren Kindern eine sichere Zukunft ermöglichen kann, dann ist Auswanderung keine wirklich freie Entscheidung mehr.“

Besonders besorgt äußerte sich Poggi über den Anstieg der Gewalt gegen Christen. Er verwies unter anderem auf Taybeh, das letzte vollständig von Christen bewohnte Dorf im Westjordanland. „Wenn Felder, Fahrzeuge, Häuser oder Kirchen angegriffen werden, hat das immer dieselbe Folge: Für die Christen wird es schwieriger, in ihrer Heimat zu bleiben, und ihr Lebensraum wird immer weiter eingeschränkt.“
Auch in Jerusalem erlebten Christen Anfeindungen. Poggi berichtete von einem Besuch zusammen jungen Seminaristen aus den Palästinensischen Gebieten. Für viele sei es das erste Mal gewesen, die nur wenige Kilometer entfernten Heiligen Stätten in Jerusalem zu besuchen. Auf dem Weg vom Zionsberg seien Kinder auf die Gruppe zugekommen und hätten die Seminaristen wegen ihrer sichtbar getragenen Kreuze angespuckt. „Warum spucken sie uns an?“, hätten die Jugendlichen ihn gefragt. Poggi habe ihnen anschließend die Betenden an der Klagemauer gezeigt, um ihnen das Gebet als verbindendes Element der Religionen vor Augen zu führen.

Auch die wirtschaftliche Lage sei eine der größten Gefahren für die christliche Präsenz, erklärte Poggi. Besonders schwer wiege der Einbruch des Pilger- und Tourismussektors im Raum Bethlehem, in dem traditionell viele Christen beschäftigt seien. Betroffen seien Reiseführer, Händler, Kunsthandwerker, Hotelangestellte und junge Hochschulabsolventen.
Hinzu kämen Einschränkungen bei Arbeitsgenehmigungen und Bewegungsfreiheit. Für die kleinen christlichen Gemeinschaften sei dies besonders folgenreich, da Jerusalem, Bethlehem und andere Orte wirtschaftlich, kirchlich und familiär eng miteinander verbunden seien.

Dramatisch sei auch die Situation im Gazastreifen. Vor Kriegsbeginn habe nach lokalen Angaben die christliche Gemeinschaft etwa 1000 Menschen umfasst, Ende 2025 seien es nur noch 541 gewesen. „Bei einer Gemeinschaft dieser Größe zählt jede Familie“, betonte Poggi. Dennoch seien die katholische Pfarrei Heilige Familie und die griechisch-orthodoxe Pfarrei St. Porphyrius weiterhin Orte der Zuflucht und dienten Menschen unabhängig von ihrer Religion.
Poggi appellierte an die Unterstützer von „Kirche in Not“, neben unmittelbarer Hilfe vor allem Strukturen zu stärken, die Christen ein dauerhaftes Leben in ihrer Heimat ermöglichen: Schulen, Pfarreien, Wohnungen und Kliniken. Ebenso wichtig seien Gehälter, Stipendien und Hilfen für die Lebenshaltungskosten.
Entscheidend sei auch die Schaffung von Arbeitsplätzen durch die Unterstützung lokaler Unternehmen, von Handwerk und Landwirtschaft. „Ein Arbeitsplatz ermöglicht einer Familie zu bleiben“, sagte Poggi. Auch die Ausbildung von Lehrern, Seminaristen, Priestern, Ordensleuten und jungen Verantwortungsträgern müsse weitergehen.
Trotz der schwierigen Lage bleibe die christliche Hoffnung lebendig. Die christliche Gemeinschaft im Heiligen Land sei klein und verletzlich, könne aber weiterhin Schulen, Kliniken und Heiligtümer offenhalten und sich Hass und Verzweiflung widersetzen. „Bitte helft uns nicht nur, die nächste Krise zu überleben“, appellierte Poggi an die Wohltäter von „Kirche in Not“. „Helft der Kirche, damit die nächste Generation im Heiligen Land bleiben kann!“
Unterstützen Sie unsere Arbeit mit einer Spende – schnell und einfach online!