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Nach dem Ausbruch des Vulkans Nyiragongo und zahlreicher Nachbeben herrscht Chaos im Osten der Demokratischen Republik Kongo. „Die Bevölkerung ist in Gefahr und Not. Wir rechnen mit dem Schlimmsten“, erklärte Schwester Floride Bugagara gegenüber KIRCHE IN NOT. Schwester Floride ist eine langjährige Projektpartnerin des weltweiten päpstlichen Hilfswerks und leitet die Ordensgemeinschaft der „Töchter der Auferstehung“, die in der Region am Kiwu-See ihren Sitz hat.

Mit Blick auf die Massenflucht aus der Zwei-Millionen-Stadt Goma sagte die Ordensfrau: „Ich habe Angst, dass es zu einer humanitären Katastrophe kommt. Viele Menschen kampieren entlang der Straßen oder in den Bergen. Auch an Lebensmitteln und Wasser fehlt es. Außerdem fürchte ich, dass wegen der schlechten hygienischen Umstände Krankheiten ausbrechen können.“

Schwester Floride Bugagara, Priorin der Kongregation „Töchter der Auferstehung“.

Eltern haben im Chaos ihre Kinder verloren

Nach der Teilevakuierung der Stadt Goma nahe der Grenze zu Ruanda sei die Lage von großer Unsicherheit geprägt. „Der Gouverneur hat die Menschen aufgerufen, die besonders gefährdeten Viertel zu verlassen. Die Menschen wissen aber nicht, wo die Lawa austreten wird. Alle laufen deshalb chaotisch von einer Richtung in die andere“, sagte die Ordensfrau. Aufgrund des Chaos hätten einige Eltern ihre Kinder verloren.

Auch einige ihrer Ordensschwestern hätten fliehen müssen, so Schwester Floride: „Als religiöse Gemeinschaft fragen wir uns aber vor allem, wie wir den Menschen helfen können. Einige von uns sind in den Notunterkünften aktiv. Die Menschen haben wirklich nichts.“

Flüchtlingslager in der Stadt Goma.

Zum Terror in der Region kommt jetzt noch die Naturkatastrophe

Medienberichten zufolge kehren aktuell die ersten geflüchteten Bewohner wieder nach Goma zurück. Als Grund geben sie die elenden Bedingungen auf der Flucht und in den Notunterkünften an. Die Gefahr ist derweil noch nicht gebannt: Staatliche Stellen rechnen damit, dass es nach dem Vulkanausbruch vom Pfingstsamstag zu weiteren Eruptionen und Beben kommen kann. Der Nyiragongo gilt als einer der aktivsten Vulkane weltweit.

„Zu all den Massakern in unserer Provinz Nord-Kivu kommt jetzt diese Naturkatastrophe“, erklärt Schwester Floride mit Blick auf den Terror, den Milizen seit Jahren in der Region verüben. In der aktuellen Notlage zählten die Christen in der Demokratischen Republik Kongo spirituell und materiell auf die Wohltäter von KIRCHE IN NOT. „Wir bitten die Wohltäter, das Hilfswerk weiterhin zu unterstützen, das sich der benachteiligten Menschen annimmt. Und wir bitten den Herrn, dass er sein Volk weiter beschützt und diese Katastrophe abwendet.“

Unterstützen Sie den Katastrophen-Einsatz von Ordensfrauen und Priestern in der Demokratischen Republik Kongo! Mit Ihrer Spende – online … hier oder auf folgendes Konto:

 

Empfänger: KIRCHE IN NOT
IBAN: AT71 2011 1827 6701 0600
BIC: GIBAATWWXXX
Verwendungszweck: Demokratische Republik Kongo

Pater José Arieira de Carvalho, ein portugiesischer Comboni-Priester, der seit mehr als einem Jahrzehnt in der Demokratischen Republik Kongo lebt, hat in einer Botschaft an das Hilfswerk KIRCHE IN NOT über die Krisensituation im Nordosten des Kongo berichtet, „wo Rebellengruppen plündernd und mordend umherziehen“.

Unter anderen wurde am Freitag, dem 30. Oktober, das Dorf Lisasa in der Region Beni in der Provinz Nord-Kivu Schauplatz eines gewalttätigen Angriffs, der bewaffneten Gruppen zugeschrieben wird. Der Angriff forderte mindestens 21 Tote, darunter den Katechisten Richard Kisusi. Es gibt Berichte, dass auch eine katholische Kirche geschändet, mehrere Häuser niedergebrannt und eine Ambulanzstation geplündert worden seien.

„Die Kirche hat sich entschieden, denen beizustehen, die leiden. Und der Herr hört die Schreie der Leidenden besser als die schöne Musik der Mächtigen.“

Sikuli Paluku, Bischof von Butembo-Beni, rief die Streitkräfte der Vereinten Nationen in der Region dazu auf, die Zivilbevölkerung vor Angriffen zu schützen. Dieser Schutz wird angesichts der Eskalation der Gewalt immer dringlicher.

Der extreme Reichtum an Bodenschätzen in der Demokratischen Republik Kongo hat bestimmte Regionen des Landes zum Schauplatz von Konflikten gewalttätiger Fraktionen gemacht, die noch mehr Elend und Leid über die Bevölkerung bringen.

Bereits im vergangenen Jahr zeigten sich die Bischöfe der Kirchenprovinz Bukavu, die sechs Diözesen in den betroffenen Gebieten umfasst,  alarmiert über die Zustände und warnten zugleich vor zu einfachen Interpretationen: „Wir sind der Meinung, dass sich hinter dem Vorwand der innergemeindlichen Kämpfe auf nationaler Ebene möglicherweise eine Verschwörung von internen und externen Akteuren verbirgt, um den gewissenlosen Raubbau an natürlichen Ressourcen (Bergbau, Öl, Forst, Land) zu verschleiern.“

Msgr. Fridolin Ambongo, Erzbischof von Kinshasa

Ebenfalls im Jahr 2019 sprach der Erzbischof von Kinshasa, Msgr. Fridolin Ambongo, der kürzlich in das Kardinalskollegium berufen wurde, bei einem von KIRCHE IN NOT organisierten Event in Paris über die tägliche Gewalt und den ungerecht verteilten Reichtum in der Demokratischen Republik Kongo.

„Ich bin hier als Zeuge der Drangsal eines Volkes, meines Volkes, das nur das Recht verlangt, in Würde zu leben. Es ist eine Situation, die leider schon seit Jahren andauert“, sagte Ambongo und unterstrich den Widerspruch, dass es sich um „ein unermesslich reiches Land handele, das aber „dem bösen Herzen des Menschen ausgeliefert sei. Große Unternehmen verhalten sich wie Raubtiere.“

„Die Kirche aber“, so der Erzbischof weiter, „hat sich entschieden, denen beizustehen, die leiden. Und der Herr hört die Schreie der Leidenden besser als die schöne Musik der Mächtigen.“

Seine Bitte um Solidarität mit seinem Volk bleibt heute noch aktuell. „Ich bin hier unter Ihnen, um Sie zu bitten, uns weiterhin in unserem Kampf für mehr Würde des kongolesischen Menschen zu unterstützen. Ich bitte Sie inständig um Ihre Gebete für alle Menschen, denn ich weiß, dass das, was im Kongo geschieht, mit der Situation in vielen anderen Ländern der Welt, insbesondere in Afrika, vergleichbar ist.“

KIRCHE IN NOT unterstützt die Ausbildung von Priestern und Seminaristen in der Diözese Butembo-Beni seit mehr als 25 Jahren.

Christine du Coudray war 28 Jahre lang in der internationalen Zentrale des katholischen Hilfswerks KIRCHE IN NOT als Projektreferentin für Afrika tätig.

Frau du Coudray, nach 28 Jahren nähern sich Ihre letzten Arbeitstage bei KIRCHE IN NOT. Kommt da schon so etwas wie Wehmut auf?

Es gibt eine Zeit, um zu dienen, und eine Zeit, sich zurückzuziehen. Nach 28 Jahren bin ich zu Letzterem bereit. Seit ungefähr zehn Jahren gibt es eine neue Generation junger Mitarbeiter bei uns im Haus, die sehr engagiert sind und die diese Mission weiterführen werden.

Als ich vor 28 Jahren begann, konnte ich kaum die afrikanischen Länder auf der Weltkarte finden. Ich habe die Herausforderung angenommen und bei Null mit dem Lernen angefangen.

- Christine du Coudray
Christine du Coudray im Gespräch mit Ordensfrauen in einem Kloster der Diözese Bukavu.

Was haben Sie durch Ihre Arbeit gelernt?

Ich habe gelernt, dass jeder Kontinent seine eigene Berufung hat. Schon vor der ersten Afrika-Synode 1994 habe ich selbst erfahren, dass Afrika der Kontinent der Familie ist. Dies ist umso erstaunlicher, als auch dort die Familie verwundet wird und es wie überall Probleme gibt, und dennoch scheint es, dass die Familie, die Zukunft der Menschheit, die Berufung Afrikas ist.. Dort spielt sie eine ganz besondere Rolle. Als Benedikt XVI. im Jahr 2011 in Benin war, hat er diese Tatsache noch einmal betont, die bereits für den heiligen Papst Johannes Paul II. klar gewesen war.

Über all diese Jahre hinweg war die Unterstützung der Familie wie ein Roter Faden für mich. Wir haben viel dafür getan und machen es immer noch.

Gab es Personen, die Sie auf Ihrem Weg besonders geprägt haben?

Ja, vor allem war es Johannes Paul II., der im Laufe dieser Jahre sozusagen mein „geistiger Meister“ geworden und geblieben ist. Ich wollte immer seine Perspektive für die Kirche in Afrika verstehen und umsetzen. Es war für mich ein Privileg, 1994 an der ersten Afrikasynode teilnehmen zu dürfen. Ich war die einzige Frau aus Europa. Es gab ca. 350 Teilnehmer: Kardinäle, Bischöfe und Priester, Experten und Zuhörer. Ich war unter den Zuhörern und war einen Monat lang in Rom, um an der Synode teilzunehmen. Es war ein Jahr nach meiner Ankunft bei KIRCHE IN NOT die beste Fortbildung, die ich je bekommen konnte.

Bei dieser Gelegenheit habe ich mit dem Papst zu Mittag gegessen. Wir haben uns ausgetauscht, und es war etwas ganz Besonderes. Die Synode hat Früchte getragen, und zehn Jahre später, im Jahr 2004, habe ich in Rom ein Treffen mit Bischöfen aus Afrika und Europa organisiert, um eine Brücke zwischen den beiden Kontinenten zu schlagen. Bei dieser Gelegenheit hat Johannes Paul II. die zweite Afrikasynode ausgerufen. Auch das war wieder ein echtes Geschenk für mich.

Christine du Coudray besichtigt das Priesterseminar in Kaduna (Nigeria).

Was waren für Sie die schönsten Momente?

Zu den schönsten Augenblicken gehörten sicherlich die Reisen. Meine erste Reise führte mich 1994 nach Tansania, die letzte im März 2020 kurz vor der Corona-Pandemie in den Sudan. Die Situationen vor Ort haben sich stark verändert: Früher gab es nur eine einfache Kerze in einer Hütte, heute gibt es Strom aus Solarpaneelen. Ich habe noch alle Hefte mit meinen Aufzeichnungen behalten!

Warum sind Reise wichtig für Ihre Arbeit?

Es reicht nicht, ein Projekt schriftlich zu bekommen, um zu verstehen, dass ein Auto oder die Renovierung eines katechetischen Zentrums gebraucht wird. Wir müssen wirklich an Ort und Stelle sehen, was benötigt wird. Ich kann Ihnen ein Beispiel geben: Vor einem Jahr war ich in der Demokratischen Republik Kongo in der Erzdiözese Kananga in der Provinz Kasai. Dort haben wir eine unglaubliche Situation in den Badezimmern des Priesterseminars vorgefunden. Es war furchtbar. „Wie ist es möglich, dass diese zukünftigen Priester täglich ohne Dusche und unter solchen Bedingungen leben müssen?“ Im März dieses Jahrs erhielten wir den Projektantrag, aber zu diesem Zeitpunkt mussten wir aufgrund der Corona-Krise das Projekt leider negativ entscheiden, weil kein Geld da war. Aber jetzt vor zwei Tagen habe ich gedacht, dass wir diese negative Entscheidung revidieren müssen. Dies war das Resultat eines Besuchs an Ort und Stelle. Vielleicht hätte ich nie so reagiert, wenn ich diese Situation nicht wirklich mit meinen eigenen Augen gesehen hätte.

Haben Sie denn etwas wie ein „Lieblingsland“?

Ja, ich würde sagen, mein „Lieblingsland“ ist die Demokratische Republik Kongo. Ich bin persönlich davon überzeugt, dass dieses Land aufgrund seiner Lage im Herzen des Kontinents und aufgrund seines hohen Anteils an Katholiken eine wichtige Rolle zu spielen hat. Frauen spielen zum Beispiel eine wesentliche Rolle.

Leider befindet sich das Land wegen seiner Bodenschätze im totalen Chaos. Es gibt dort viel mehr Bodenschätze als anderswo in der Welt, und deshalb sind viele Länder – die Nachbarländer und der Westen – sehr daran interessiert. Wenn es irgendwo Bodenschätze gibt, ist der Krieg leider vorprogrammiert. Aber die Menschen dort haben einen Mut, eine Energie, die unglaublich ist.

Christine du Coudray referiert beim „Institut Johannes Paul II.“ in Benin.

Haben Sie bei der Erfüllung dieser Mission aus Ihrem Glauben geschöpft?

Mit Sicherheit, denn ich habe tief erfahren, dass alles, was ich vorgeschlagen habe, alle Initiativen, nicht aus mir selbst kamen, sondern vom Heiligen Geist, wie z.B. das Treffen zwischen den Bischöfen aus Afrika und Europa. Das kam nicht von mir selbst. Außerdem haben wir erfahren, dass die Bischöfe selbst unserer Fürsorge bedürfen. Es ist wesentlich, den Bischöfen zu helfen, damit sie besser dazu in der Lage sind, ihre Diözesen zu leiten. Dazu müssen wir für sie Sorge tragen. Daher bieten wir ihnen eine Auszeit in Form von Exerzitien für ganze Bischofskonferenzen an, und diejenigen, die bisher an einer solchen teilgenommen haben, waren sehr begeistert von diesem Vorschlag. So sind zum Beispiel alle Bischöfe aus dem Maghreb (Marokko, Tunesien, Libyen) zusammen in Senegal in einem Mönchskloster gewesen. Das war eine Premiere für sie, und sie waren begeistert.

Was werden Sie am meisten vermissen, wenn Sie jetzt in den Ruhestand gehen?

An erster Stelle die Reisen an Ort und Stelle, um die Situation besser zu verstehen und die Projekte zu entdecken. Jedes Projekt ist einzigartig. Unsere Brüder und Schwestern im Glauben schreiben ihren Antrag mit dem Herzen und erwarten unsere Hilfe. Deswegen habe ich ihnen immer gesagt: Wenn Ihr einen Projektantrag schreiben und unsere Wohltäter überzeugen wollt, müsst Ihr Euch vorstellen, dass Ihr einen Saal mit 100 Personen vor Euch habt, die Euch unterstützen wollen, und Ihr ihnen voller Herzblut Eure Erwartungen erklären müsst. Mit Eurem Herzen werdet Ihr sie überzeugen. Es ist wichtig, dass die Projekte auf solche Weise beschreiben werden, damit wir eine immer stärkere Brücke zwischen uns und unseren Brüdern und Schwestern im Glauben bauen können.

Haben Sie Ihre Arbeit als eine „Mission“ empfunden?

Ja, auf jeden Fall! Natürlich ist jede Situation einzigartig. Jedes Land hat seine eigene Lebenswirklichkeit und seine besonderen Bedürfnisse. Wir sind nicht in erster Linie dafür da, eine finanzielle Unterstützung zu bringen, sondern  den Bischöfen, den Priestern, den Schwestern zuzuhören, ihren Alltag zu teilen und zu verstehen, was sie brauchen. Natürlich gibt es den Moment, in dem wir unbedingt finanzielle Unterstützung leisten müssen, das ist ganz klar! Aber es würde sie verletzen, wenn wir nur über finanzielle Aspekte sprechen würden. Zwischen uns und unseren Brüdern und Schwestern im Glauben besteht eine tiefe Gemeinschaft. Unsere Tätigkeit ist keine bloße Arbeit, sondern sie ist eine Mission, die der Herr uns anvertraut hat für das Wachstum der Kirche überall in der Welt.

60 Jahre ist es her, dass 17 Staaten Afrikas ihre Unabhängigkeit erlangten – darunter Kamerun, Somalia, die Demokratische Republik Kongo, die Zentralafrikanische Republik und Nigeria. Das Jahr 1960 wird darum auch als „Afrikanisches Jahr“ bezeichnet – die europäische Kolonialherrschaft auf dem Kontinent ging nach und nach zu Ende.

In die Freude über Selbstbestimmung und Eigenstaatlichkeit mischt sich Nachdenklichkeit: Nach wie vor befinden sich viele Länder Afrikas in tiefer Krise. Das weltweite katholische Hilfswerk KIRCHE IN NOT blickt mit Professor Apollinaire Cibaka Cikongo auf 60 Jahre Unabhängigkeit zurück. Der Priester lehrt an der Universität von Mbuji-Mayi im Süden der Demokratischen Republik Kongo und hat unter anderem zahlreiche Werke zu gesellschaftspolitischen Themen verfasst.

Eine Ordensschwester in Ruanda versorgt eine ältere Frau. © KIRCHE IN NOT

 KIN: Herr Professor Cikongo, Sie haben kürzlich gesagt, dass seit dem „Afrikanischen Jahr“ 60 Jahre des Scheiterns vergangenen sind, die Afrika zum Kontinent der Gewalt gemacht haben. Ist diese Analyse nicht zu hart?

Appolinaire Cibaka Cikongo: Es ist die Wahrheit. Die gegenwärtige Gestalt Afrikas südlich der Sahara ist nicht das Ergebnis einer positiven Dynamik, sondern einer Dynamik der Gewalt. Sie wurde durch die westliche Eroberung hervorgerufen: Sklavenhandel, Kolonialisierung, Diktaturen und Schein-Demokratien. Subsahara-Afrika ist ein geopolitisches Gebilde, das auf Gewalt aufbaut, Gewalt erleidet und von Gewalt lebt.

Die Gewalt zeigt ihr grausamstes Antlitz in den kriegerischen Auseinandersetzungen. Sie haben die vergangenen 60 Jahre geprägt und dauern immer noch an. Warum?

Es gibt viele Faktoren, die zum Ausbruch dieser Kriege geführt haben; ich möchte drei hervorheben: Erstens die Konflikte, die durch eine „gescheiterte Koexistenz“ aufgrund künstlicher geopolitischer Entscheidungen verursacht werden. Zweitens die Kriege, die durch Gier und Wirtschaftsinteressen einiger indigener Gruppen und internationaler Mächte verursacht werden. Und drittens die Religionskriege, durch die Völker gewaltsam bekehrt werden sollen und die sich gegenwärtig in einem gewalttätigen, blinden und grundlosen islamistischen Terrorismus zeigen.

In manchen Staaten gibt es ohne die Kirche keine Hoffnung und keine Zukunft. Das zeigt sich in vielen Bereichen, besonders in der Bildung und der Gesundheitsvorsorge.

Sie haben von Gier gesprochen. Zahlreiche afrikanische Länder verfügen über große natürliche Ressourcen. Doch die Menschen leiden dort paradoxerweise umso mehr unter Armut und Verwahrlosung. Was sind die Gründe dafür, warum sich daran auch nach 60 Jahren Unabhängigkeit nichts geändert hat?

Unsere Wirtschaft beruht auf den Interessen der Großmächte, die uns unterjocht haben – aber auch auf den Interessen der „neuen“ Mächte, die aus Asien kommen. Noch heute profitieren diese Mächte aufgrund der ungerechten Gesetze einer grausamen Marktwirtschaft mehr von den vorhandenen Ressourcen als die eigentlichen Eigentümer. Darüber hinaus war die afrikanische Wirtschaft nicht in der Lage, sich zu entwickeln oder zu diversifizieren. Sie geht nicht über Gewinnung und den Verkauf von Rohstoffen hinaus.

Später kaufen wir die aus den Rohstoffen hergestellten Waren auf den vom Ausland dominierten Märkten zu einem hohen Preis zurück. Es gibt aber auch eine „Wirtschaft der Verschwendung und des Diebstahls“ in den afrikanischen Ländern selbst: Das Wenige, das im Land bleibt, wird nicht zum Wohler aller Bürger eingesetzt, sondern für die Interessen und Launen der Mächtigen.

Einige afrikanische Projektpartner von KIRCHE IN NOT beklagen eine anhaltende „soziale Unterwerfung“, was Lebensart und Kultur angeht. Es gibt Berichte, wonach internationale Organisationen als Voraussetzung für Hilfen Bedingungen stellen, die Auswirkungen auf Weltanschauung und Lebensbild der Afrikaner haben. Stimmt das?

Es handelt sich um eine kulturelle Gewalt von Seiten fremder Staaten und Interessensgruppen. Sie verleugnen die tief verwurzelten afrikanischen Werte, um uns fremde Sitten und Gebräuche aufzuzwingen, die oft im Widerspruch zum Naturrecht stehen. Dies geschieht vor allem im Hinblick auf das Leben und die Familie. Es gibt einen starken wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Druck. Es handelt sich auch um eine „anthropologische Gewalt“: Sie nimmt uns das Recht auf Entscheidungsfreiheit. Ich denke, das ist das Hauptvermächtnis des Sklavenhandels, der Afrika in eine Hölle verwandelt hat.

Wie würden Sie die Rolle der katholischen Kirche Afrikas in den vergangenen 60 Jahren bezeichnen?

Die Kirche ist die am besten funktionierende Institution. In vielen Ländern, zum Beispiel in der Demokratischen Republik Kongo, ist die Kirche ein Art „Ersatz-Staat“, ohne den es kein Leben, keine Hoffnung, keine Zukunft gibt. Das zeigt sich in vielen Bereichen, besonders in der Bildung und der Gesundheitsvorsorge. So leitet die Kirche etwa die Hälfte der Schulen, Krankenhäuser und Gesundheitszentren. Unter ihnen befinden sich die besten Einrichtungen des Landes, aber auch die einzigen in den Dörfern, die vom Staat oft vollkommen vergessen sind.

Begräbnis in einem abgelegenen afrikanischen Dorf in Kenia.

Mit welchen Schwierigkeiten hat die afrikanische Kirche derzeit zu kämpfen?

Die katholische Kirche leistet ihre pastorale und soziale Arbeit trotz Zerbrechlichkeit von innen und Feindschaft von außen. Wir leiden unter innerer Zerbrechlichkeit, weil viele Gläubige ihre Berufung in der Welt kaum leben. Das gesamte soziale Engagement ruht auf den Schulten der einzelnen Bischöfe und der Bischofskonferenzen. Darüber hinaus mangelt es am Geld; wir sind von der Großzügigkeit aus dem Ausland abhängig. Schließlich leben wir in einem Klima starker religiöser Konkurrenz, es gibt viele evangelikale Sekten. Außerdem sind unsere Mitgliederzahlen rückläufig, weil es uns nicht gelungen ist, unsere apostolische Tätigkeit zu erneuern.

Sie haben auch eine Feindseligkeit von außen genannt. Worin besteht die?

Aufgrund ihres sozialen Engagements bedroht die Kirche viele Interessen. Deshalb ist es für viele Menschen ein Ziel, den Einfluss der Kirche zu verringern. Wir sind eine unbequeme Kirche, die von einigen Staaten gehasst oder sogar verfolgt wird. Einige Menschen oder Gruppen versuchen, jede kritische Äußerung mit Gewalt und Einschüchterung zum Schweigen zu bringen.

Weitere Methoden, die Kirche zu schwächen, bestehen darin, die Christen zu spalten oder die Korruption in der „religiösen Welt“ durch Schaffung neuer christlicher Kirchen zu fördern, von denen viele reine Geschäftsbetriebe sind. In der Demokratischen Republik Kongo hat der Staat in den letzten 30 Jahren rund 17 0000 christlichen Gemeinschaften Rechtsstatus gewährt. Das bedeutet, dass im Schnitt alle zwei Tage drei neue „Kirchen“ entstehen.

Sie zeichnen ein düsteres Bild. Was können wir tun, um nicht Teil des Problems, sondern Teil der Lösung zu sein?

Nur eine Kirche, die Christus und dem Evangelium treu ist, kann aus der Kontemplation, der Demut, der Vorbildlichkeit und dem Engagement aller ihrer Mitglieder ihre Sendung erfüllen. Dies ist das einzige, was Christus von ihr verlangt, damit sie Tempel und Werkzeug seiner Liebe und Gnade ist.

Um die Arbeit der katholischen Kirche Afrikas weiterhin unterstützen zu können, bittet KIRCHE IN NOT um Spenden – online unter: www.kircheinnot.at oder auf folgendes Konto:

Empfänger: KIRCHE IN NOT
IBAN: AT71 2011 1827 6701 0600
BIC: GIBAATWWXXX
Verwendungszweck: Afrika

Die Sprache Tschiluba (Ciluba) wird von etwa sechs Millionen Menschen in der Kasai-Region im Südosten der Demokratischen Republik Kongo gesprochen. Sie ist eine der vier Nationalsprachen des Landes.

Die Bischöfe der acht in dieser Region gelegenen Diözesen hatten vor einigen Jahren den dringenden Bedarf erkannt, die liturgischen Bücher in dieser Sprache nach und nach neu herauszugeben.

Zum einen waren die Bücher bereits vergriffen, zum anderen mussten sie auch sprachlich überarbeitet und korrigiert werden.

Gottesdienst in der Demokratischen Republik Kongo.

Die Kasai-Region ist eine arme und vernachlässigte Gegend. In den Jahren 2016 und 2017 kam es in dieser Region zu wahren Gewaltorgien, bei denen mehrere Tausend Menschen getötet wurden. Es wurden später zahlreiche Massengräber gefunden.

Auch kirchliche Gebäude wurden angegriffen, geplündert und niedergebrannt, so beispielsweise die Kathedrale und der Bischofssitz Luebo.

Die Regierung ist in dieser Region nahezu nicht präsent. Um die Nöte der Bevölkerung kümmert sich vor allem die Kirche. Sie hat vor allem das Seelenheil der Menschen im Blick. Die Eucharistiefeier bedeutet der Mittelpunkt des kirchlichen Lebens.

Daher stand für die Bischöfe der Region die Herausgabe der liturgischen Bücher ganz oben auf der Prioritätenliste. Dank der Hilfe der Wohltäter von KIRCHE IN NOT, die 20.000 Euro ermöglicht haben, konnte die erste Auflage der Bücher gedruckt werden. Die Freude ist groß: Bischöfe, Priester und Gläubige danken allen, die geholfen haben.

Lohnausfälle bei ohnehin schon dürftigen Löhnen. Wegfall der materiellen und finanziellen Unterstützung seitens der Gläubigen. Große Armut. Die Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie und des Lockdown in der Demokratischen Republik Kongo (DR Kongo) sind für die Kirche schwerwiegend. Zusätzlich zur Unterstützung, die KIRCHE IN NOT (ACN) bereits den Priestern und Seminaristen zukommen lässt, hat die päpstliche Stiftung im Rahmen eines speziellen Coronavirus-Projektpakets nun eine Not-Existenzhilfe für fast 70  Schwesterngemeinschaften in der im Osten des Landes gelegenen Kirchenprovinz Bukavu freigegeben.

Am 14. Juni wurden in der Demokratischen Republik Kongo 5826 an Covid-19 erkrankte Menschen sowie 130 Todesfälle erfasst. Mit Ankunft der Pandemie wurde das Leben der Ordensfrauen der im Osten des Landes gelegenen Kirchenprovinz Bukavu zu einem regelrechten Albtraum. Bereits unter normalen Umständen ist die Situation dort extrem schwierig. In dieser von ethnischen Konflikten gebeutelten Region, die von Unsicherheit, bewaffneten Einfällen durch Nachbarländer, Entführungen und Vergewaltigungen geprägt ist, versuchen die Schwestern zu überleben, indem sie den Katechismus unterrichten und in den Schulen und Gesundheitszentren arbeiten. Doch die zum Schutz vor dem Coronavirus verhängten gesundheitlichen Maßnahmen haben ihre Versorgung unterbrochen und sie dadurch in eine extrem prekäre Lage gebracht.

Mädchen nähen Mund- und Nasenschutzmasken, um gegen die Pandemie anzukämpfen.

Seit dem Beginn des am 24. März vom Präsidenten der Demokratischen Republik Kongo verhängten Ausnahmezustands wurden die Löhne ausgesetzt. Hinzu kommt, dass das medizinische Personal, zu dem zahlreiche Ordensfrauen gehören, abhängig von der Anzahl der behandelten Patienten bezahlt wird. Aus Angst, sich dort mit dem Coronavirus anzustecken, gehen jedoch die Menschen im Moment nur widerwillig ins Krankenhaus. Dadurch ist es für die Schwestern zu einem drastischen Rückgang oder sogar totalen Ausfall ihrer Einkünfte gekommen. Und diejenigen der Schwestern, die in den Schulen arbeiten, erhalten normalerweise einen Zuschuss für ihren Lebensunterhalt von den Eltern der Schüler. In Zeiten, in denen die Schulen wegen der Covid-19-Pandemie geschlossen haben, fällt natürlich auch dieses Entgelt weg.

Um angesichts dieses Elends den Schwestern für ihr Überleben zu helfen, hat KIRCHE IN NOT als Reaktion auf den Hilferuf von François-Xavier Maroy, Erzbischof von Bukavu, beschlossen, 69 Schwesterngemeinschaften aus sechs verschiedenen Kongregationen zu unterstützen, die in der Kirchenprovinz Bukavu mit ihren sechs Diözesen tätig sind. Die Hilfe der Stiftung in Höhe von 120.000 € kommt insgesamt 464 Ordensfrauen zugute.

Um angesichts dieses Elends den Schwestern für ihr Überleben zu helfen, hat KIRCHE IN NOT beschlossen, 69 Schwesterngemeinschaften zu unterstützen, die in der Kirchenprovinz Bukavu tätig sind.

„Es ist unsere Pflicht, ihnen angesichts dieser Entbehrungen Trost zukommen zu lassen, einen Trost, den sie zugunsten derer vervielfältigen werden, die noch weniger haben als sie selbst“, erklärt Christine du Coudray, KIRCHE IN NOT-Projektreferentin für das Land. „Während alle Nichtregierungsorganisationen aufgrund der Konflikte geflohen sind, ist die Kirche und sind insbesondere die Ordensfrauen vor Ort geblieben, in unmittelbarer Nähe der am stärksten benachteiligten Bevölkerungsgruppen, wie gute, unerkannte Seelen, ganz im Geiste von Mutter Teresa!“, fährt die Referentin fort und fügt hinzu: „Wie oft habe ich sie nach einem weiteren Übergriff rivalisierender Banden besucht, in diesem seit zwanzig Jahren schwelenden Konflikt, nachdem sie Opfer von Vergewaltigungen und Massakern geworden waren, die vor niemandem Halt machen, nachdem sie Erdbeben, Erdrutsche oder beeindruckende Überschwemmungen erlebt hatten, so wie es jetzt der Fall in Uvira ist [mehr als 100 km weiter südlich von Bukavu], Katastrophen, die alles auf ihrem Weg auslöschen und eine Schneise der Verwüstung hinterlassen.“

Die Hilfeleistung für die Schwestern fungiert als zusätzliche Unterstützung, nachdem KIRCHE IN NOT zu Beginn der Krise bereits die Priester in verschiedenen Diözesen des Landes durch Mess-Stipendien unterstützt hat. Auch die Priester sehen sich großen finanziellen Schwierigkeiten ausgesetzt. Ohne die sonntäglichen Kollekten oder andere Einnahmequellen, die durch die Aussetzung der Pastoral- und Gemeindearbeit wegfallen, sind zahlreiche Priester heute nicht in der Lage, allein für ihren Lebensunterhalt zu sorgen oder ihre seelsorgerischen Aufgaben zu erfüllen. Zu normalen Zeiten sind es die Gläubigen, die die Priester mit Lebensmitteln und anderen Gaben unterstützen“, erklärt der Bischof der Diözese Mbuji-Mayi, im Zentrum der DR Kongo, und fährt fort: „Jetzt wo ihre Schäfchen durch den Lockdown alle zu Hause bleiben müssen, ist das Leben urplötzlich für alle viel schwieriger als in der Vergangenheit geworden, weil die meisten Menschen unter der sehr hohen Arbeitslosenquote leiden (ungefähr bei 96 %) und sich irgendwie von Tag zu Tag durchschlagen.“ In einem Schreiben drückte Bischof Bernard-Emmanuel Kasanda seine Dankbarkeit gegenüber KIRCHE IN NOT aus, durch dessen Hilfe zu Beginn der Krise 289 Priester und Ordensleute seiner Diözese zahlreiche Mess-Stipendien erhalten hatten.

Ebenso kamen mehrere Mess-Stipendien den 25 Priestern der Kongregation der Arbeitermissionare zugute. Das ist eine regelrechte „Erleichterung“, schreibt einer der Begünstigten, Pater Alain Mwila Wa Ilunga, der beschlossen hat, diese finanzielle Zulage „mit den Ärmsten der Armen und den mittellosen Kranken zu teilen, damit sie täglich Brot zu essen haben.“ Der Novizenmeister dieses Ordens, Pater Clément Mwehu Muteba, freute sich ebenfalls über diese finanzielle Unterstützung, die es ihm ermöglichen wird, Benzin zu kaufen und dadurch seinem Apostolat in der ihm zugeteilten Kapelle nachgehen zu können. Dank der Mess-Stipendien kann er auch „einige Bögen Papier kaufen, die für die Ausbildung der Jugendlichen benötigt werden“, um die er sich in Lubumbashi, in der Provinz Ober-Katanga, kümmert.

Auch 40 Priestern der im Osten des Landes gelegenen Diözese Kilwa-Kasenga kamen Mess-Stipendien zugute. Dadurch „können wir leben, und es ermöglicht uns, das Leben tausender Gläubiger zu sichern, die durch unsere bescheidene Arbeit das heilige Wort Gottes hören und die Sakramente empfangen können“, erläutert Pater André Mpundu, der sehr glücklich darüber ist, dank der empfangenen Unterstützung seinen seelsorgerischen Pflichten nachkommen zu können. Pater Mpundu ist Vikar in der Pfarrei der Seligen Anuarita in Kasenga und erzählt, wie eine 80-jährige ehemalige Mesnerin sich neulich bei ihm für seinen Besuch (natürlich unter Einhaltung der gesundheitlichen Schutzmaßnahmen) bedankte. Sie vertraute ihm an: „Zu mir kommt regelmäßig ein Krankenpfleger, um mein Rheuma zu behandeln, doch wenn du es bist, Pater, der mit Christus kommt, damit ich die Kommunion empfangen kann, ist meine Freude riesengroß und grenzenlos.“ „Wir hören zahlreiche derartige Aussagen“, freut sich der Pater, derweiterhin die Kranken, die Alten und die Einsamen besucht, und schließt mit der Feststellung: „Das ist sehr ermutigend für meinen Dienst als Priester.“