Lateinamerika Archive - Seite 8 von 8 - KIRCHE IN NOT Österreich
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Die Coronavirus-Pandemie ist auch in Venezuela angekommen: Mehr als 70 Personen wurden positiv auf Covid-19 getestet. Da Corona-Tests knapp sind, liegt die Zahl der Infizierten wohl höher. Das Land schloss seine Grenzen und befindet sich seit dem 16. März unter offizieller Quarantäne. Diese Situation bringt die Bevölkerung in große Gefahr, denn die medizinische wie humanitäre Versorgung in Venezuela ist schon seit Längerem desolat.

Die venezolanische Bischofskonferenz hat ebenfalls vorbeugende Maßnahmen ergriffen: Unter anderem dürfen Priester die heilige Messe nur noch ohne Gläubige feiern. „Dies ist eine harte Zeit und eine Prüfung, aus der wir siegreich hervorgehen müssen. Glaube und Hoffnung sind das Mittel dazu. Sie müssen in unserer Nächstenliebe und Solidarität zum Ausdruck kommen. In diesen Zeiten der Gesundheitskrise müssen wir uns daran erinnern, dass der Herr in unserer Mitte ist und uns nicht im Stich lässt. Er ist der Fels, der uns rettet“, schreiben die Bischöfe in einer gemeinsamen Stellungnahme.

Angst vor Hungersnot

Die leeren Straßen in Venezuela sind nicht nur ein Zeichen, dass die Quarantäne-Vorschriften befolgt werden. Sie drücken auch die ernste Sorge Menschen aus über die Folgen, die eine fortschreitende Ansteckung nach sich ziehen könnte. Doch es kommen noch andere Sorgen hinzu: Viele Menschen in Venezuela sind aufgrund der sozialen Isolierung nicht in der Lage, ihrer Arbeit nachzugehen. „Ich weiß nicht, wie lange wir die Quarantäne ertragen werden, aber wenn das Virus uns nicht tötet, werden wir an Hunger sterben“, sagte Ester Chacón, eine Straßenhändlerin.

Ein in einem der wichtigsten Krankenhäuser des Landes tätiger Arzt, der nicht namentlich genannt werden möchte, sagte dem weltweiten päpstlichen Hilfswerk „Kirche in Not“: „Das venezolanische Gesundheitssystem ist nicht auf die große Notlage vorbereitet, die durch steigende Corona-Infektionen hervorgerufen werden könnte. Die prekäre Situation der Krankenhäuser und der Mangel an Medikamenten sind weltweit hinlänglich bekannt.“

Eucharistie auf die Straßen getragen

Die Kirche versucht den Menschen auch in dieser Zeit nahe zu sein. Eine besondere Aktion gab es am Sonntag, 22. März in der Diözese San Cristobal, die nahe der kolumbianischen Grenze liegt: Bischof Mario Moronta hatte die über 150 Priester seiner Diözese aufgerufen, mittags die Glocken zu läuten und – unter Berücksichtigung der Quarantäne-Vorschriften – die Eucharistie vor die Türen ihrer Kirchen zu tragen, „um von dort aus die Stadt, das Land, das Nachbarland Kolumbien und die ganze Welt mit dem Allerheiligsten zu segnen und Gott zu bitten, dass er uns von dieser Pandemie befreit.“

Bischof Moronta forderte außerdem die Behörden auf, dafür zu sorgen, dass die Menschen Zugang zu Lebensmitteln, Medikamenten und medizinischer Betreuung haben, sowie dafür zu sorgen, dass es nicht an Strom, Wasser und anderen unentbehrlichen Dienstleistungen mangelt. Moronta erklärte: „Wir bitten darum, der unmoralischen Praxis einiger Menschen zu begegnen, die unter Ausnutzung des Gesundheitsnotstands die Preise unvernünftig erhöhen. Diejenigen, die so handeln, haben keine Gottesfurcht.“

„Kirche in Not“ unterstützt die Krisenarbeit der Kirche in Venezuela. Das Hilfswerk leistet Existenzhilfe für Priester und Ordensleute, die über wenig Einkommen verfügen und fördert Ausbildung, seelsorgerische Aktivitäten sowie Armenspeisungen in den Pfarrgemeinden. Auch der Betrieb von Trinkwasserbrunnen und kleine lokale Kraftwerke gehören zu den geförderten Projekten. Um weiterhin helfen zu können, bittet „Kirche in Not“ um Spenden – online unter www.kircheinnot.at oder auf folgendes Konto:

Empfänger: KIRCHE IN NOT
IBAN: AT71 2011 1827 6701 0600
BIC: GIBAATWWXXX
Verwendungszweck: Venezuela

Bischof Mario Moronta aus San Cristobal trägt das Allerheiligste auf die Straßen.

Nach dem schweren Anschlag auf die Pfarrei Mariä Himmelfahrt in Santiago de Chile am Freitag, den 8. November traf sich der Pfarrer Pedro Narbona mit seinen Gemeindemitgliedern, um zu beten und um die Kirche zu reinigen. Einige von ihnen konnten die Tränen nicht zurückhalten. Pfarrer Pedro Narbona versuchte, die Gläubigen zu trösten: „Eine Kirche wird nicht so sehr mit physischem Material, mit Baumaterial errichtet, sondern vielmehr mit lebendigen Steinen, mit jedem einzelnen von uns. Wir sind lebendiger Stein, und das ist das Wichtigste.“ Darüber hinaus bat er die Anwesenden darum, „nicht in einen Teufelskreis des Hasses zu geraten, der die Seelen vergiften kann.“

Am Sonntag wurde auch eine einfache Sühneandacht gefeiert, bei der die Gläubigen das beschädigte und entweihte Kruzifix küssen konnten. Es wurden auch Muttergottes-Lieder gesungen, denn ihr ist in Chile der Monat November gewidmet.

Im Zuge der Proteste und gewalttätigen Demonstrationen, die derzeit das Land erschüttern wurde die Kirche am 8. November von Vermummten angegriffen. Sie warfen Kirchenbänke und Heiligenbilder auf die Straße, zerstörten sie und setzten sie in Brand. Sie malten auch Graffiti und Beleidigungen an die Innenwände der Kirche.

Es war nicht das erste Mal, dass ein Anschlag auf eine katholische Kirche verübt wurde. Pfarrer Narbona, der ebenfalls geistlicher Assistent von KIRCHE IN NOT in Chile ist, berichtete im Gespräch mit der Stiftung, es sei bereits am Freitag, den 1. November versucht worden, die Kirche in Brand zu setzen. Damals sei es aber gelungen, die Feuerwehr zu rufen. Auch die Fassade einer anderen Pfarrei, die Pater Pedro in der Innenstadt von Santiago betreut, der Pfarrkirche Vera Cruz, sei eine Woche vorher beschädigt worden. Außerhalb der Hauptstadt kam es Ende Oktober zu zwei aufeinander folgenden Anschlägen auf die Kathedrale von Valparaíso sowie zu einem weiteren Anschlag auf die Gemeinde Santa Teresa de Los Andes, in Villa Alfredo Lorca, Punta Arenas.

„Voll Sorge schauen wir auf das Ausmaß der Gewalt in diesen Tagen, die sich auch gegen die Kirche richtet. Heute haben wir erneut die Plünderung einer Pfarrei erleben müssen. Als Stiftung KIRCHE IN NOT trifft uns diese Gewalt besonders“, sagte direkt nach den Attacken Maria Covarrubias, Präsidentin von KIRCHE IN NOT Chile.

„In diesen schwierigen Zeiten bitten wir Sie, für unseren geistlichen Assistenten, für seine Gemeinde, für den Frieden in unserem Land und dafür zu beten, dass Gott die Herzen derer bekehren möge, die diese bedauerlichen Taten begangen haben“, so der Appell der Präsidentin von KIRCHE IN NOT Chile an die Wohltäter der Stiftung in aller Welt.

Der Apostolische Administrator von Santiago de Chile, Msgr. Celestino Aós, brachte seine Solidarität mit Pfarrer Narbona sowie seine Ablehnung der Plünderung der Pfarrei Mariä Himmelfahrt in einer Videobotschaft zum Ausdruck, die auf dem YouTube-Kanal der Erzdiözese veröffentlicht wurde: „Lieber Herr Pfarrer, liebe Gläubigen der Pfarrei Mariä Himmelfahrt, wir versichern Euch unserer Nähe und Solidarität in Eurem Schmerz. Euch allen, liebe Schwestern und Brüder im Glauben, sage ich mit dem Apostel Paulus: Lasst euch nicht vom Bösen überwinden, sondern überwindet das Böse mit Gutem.“

Er rief außerdem zum Frieden auf: „Mit aller Kraft rufen wir wir unsere Schwestern und Brüder, unsere Landsleute, dazu auf, jegliche Gewalt einzustellen. Mögen diejenigen, die betrügen, indem sie an die scheinbare Wirksamkeit und den Triumph der Gewalt glauben, den Weg des Dialogs und der Suche nach Lösungen für die bestehenden Probleme einschlagen und ihre eigenen Visionen einbringen.“

Tony Pereira ist  ein angesehener Chefkoch. Er lebt in Venezuela. Der 51-jährige Absolvent mehrerer renommierter Gastronomie-Akademien hat in seiner Heimat in mehreren Fünf-Sterne-Hotels gearbeitet. Er muss um sieben Uhr bei der Arbeit sein, doch Tony steht jeden Tag bereits um vier Uhr morgens auf. Während die Stadt noch schläft, fährt er mit seinem alten Motorrad in die Pfarre San Sebastian in Maiquetía, im Bundestaat Vargas. Er betritt die Kirche, kniet als Erstes vor dem Allerheiligsten nieder und dankt für den neuen, anbrechenden Tag. Dann geht er in den Innenhof der Kirche und entzündet mit einer alten Gasflasche das Feuer, nimmt einige riesige Messingschalen, und Tag für Tag, ob es regnet oder in der Morgendämmerung die Sonne scheint, widmet er ein paar Stunden vor seinem eigentlichen Arbeitsbeginn der Zubereitung eines exklusiven Menüs für ganz besondere Gäste.

Exklusiv ist das Menü nicht wegen der exquisiten Zutaten, sondern weil er es mit besonderer Zuneigung würzt. Das Engagement und die Hingabe von Tony und seinen Assistenten sind beträchtlich, denn die Zutaten sind zwar einfach, aber schwer zu kriegen in einem Land, das in Elend sowie in eine wirtschaftliche und soziale Krise gestürzt ist.  Es ist eine Herausforderung, das Notwendige zu finden, aber der Küchenchef nutzt seine Kreativität, um das Menü abwechslungsreich zu gestalten. Heute gibt es Reis mit Huhn. „Zehn Kilo Reis und vier Hähnchen“, denkt Tony laut.

Die Gäste? Mehr als 150 Kinder und ältere Menschen, die täglich in den improvisierten Speisesaal im Innenhof der Pfarre San Sebastian kommen, um die einzige warme Mahlzeit des Tages zu genießen. Viele von ihnen hätten heute nichts zu essen, würden sie nicht dort diese eine Mahlzeit erhalten. Pfarrer Martin, ein Priester mittleren Alters, begrüßt voller Freude Jung und Alt an der Tür. Bevor er das improvisierte Esszimmer betritt, grüßt er einen Jungen in einem blauen Hemd. Felipe ist elf Jahre alt und besitzt große Augen und ein offenes Lächeln. „Jeden Tag kommt er von da oben, vom Hügel hinunter, mit seinem Vater, der im Rollstuhl sitzt.“ Felipe nähert sich dem Priester: „Heute bin ich alleine, mein Vater kann nicht aus dem Bett, er hat Fieber, ich habe ihn allein zu Hause gelassen. Könnte ich ihm eine Schale Essen bringen?“  Der Priester nickt mitfühlend: „Zuerst isst du etwas, und dann packen wir dir etwas für ihn ein.“ Tony kommt auch, um Felipe zu begrüßen. Er kennt ihn gut. „Er ist ein guter Junge. Beeindruckend, wie er sich um seinen kranken Vater kümmert.“

Neben den Mahlzeiten in der Gemeinde San Sebastian bereitet Tony als Küchenchef am Wochenende „Festessen“ zu. Es handelt sich dabei allerdings nicht um Menüs für Hochzeiten oder Erstkommunionen, noch werden sie in Porzellangeschirr und Kristallgläsern serviert. Es geht um Mittagessen in den bescheidensten Stadtvierteln der Hügel, besonders für die Kinder der Gegend, die mit ihren Plastikbehältern zur Ausgabestelle kommen. Auf dem Speiseplan stehen Arepas (Maisfladen), Linsensuppe oder was Tony mit Hilfe der Caritas und der Gemeinde San Sebastian noch besorgen kann.

Tony, der breite Schultern und feste Hände hat, redet nicht gerne über das, was er tut. Er spricht lieber darüber, warum er es tut. Er sieht im Gesicht jedes Einzelnen dieser Kinder und älteren Menschen das Antlitz Christi.  Auf der makellos weißen Kochjacke trägt er ein einfaches Holzkreuz. Das sagt alles.

Er wird ein wenig traurig, wenn er über die Lage in seinem Land spricht. Um seine Ausbildung als Koch zu finanzieren, arbeitete er als Straßenkehrer. Dort habe er die Nöte der Menschen entdeckt, sagt er. Dies habe ihn dazu bewogen, selbst etwas zu tun.

In den drei Jahren, in denen er bei der Pfarrtafel aushilft, hat er sehr bewegende Momente erlebt, Ereignisse, die sein Leben geprägt haben. Er hat große Liebe und Zuneigung erfahren und auf der anderen Seite schlimmes Leid mitansehen müssen. Wie damals, als ein junger Mann zu ihm kam, um ihm für alles zu danken, was er für ihn und seine Kinder getan hatte. Die Tafel sei ein Trost in der schrecklichen Verzweiflung, die sie durchlebten. Überwältigt und müde habe sich dieser Mann aber entschieden, den Kampf aufzugeben und sich das Leben zu nehmen. Er sei nur gekommen, um sich von Tony zu verabschieden. Der Koch versuchte, den Mann von seiner Idee abzubringen und ihm neue Hoffnung zu schenken, doch es war zu spät:  Der Mann hatte bereits ein paar Stunden vorher eine Flasche Gift genommen. Er starb. Es war für Tony ziemlich schwierig, danach wieder Mut zu fassen, aber sein Glaube und der Pfarrer halfen ihm sehr.

Tony ist davon überzeugt, dass es trotz der Krise und allem Leiden in Venezuela viele gute Menschen gibt. Er hält sich für einen Senfkorn in dieser Arbeit. Am Eingang zur Pfarre San Sebastian steht ein Schild, das die Gläubigen dazu einlädt, ihren „kleinen Tropfen der Liebe“ zu geben. „Kleine Tropfen der Liebe“, so haben Tony und die anderen Mitarbeiter die Initiative getauft. Sie bitten jeden Einzelnen, einen „Tropfen“ von etwas, das er zu Hause hat, mitzubringen. Das ist der Tropfen der Liebe zu den Mitmenschen. Der Chefkoch erzählt dankbar von Carmen, Berta und Ana. Sie sind einige der Frauen, die ihm bei allem helfen. Auch von den vielen anderen Freiwillige, die mittags oder am Wochenende kommen, um die Mahlzeiten zu servieren. Er dankt für die große Unterstützung der Diözese La Guaira und seitens einzelner Unternehmen, etwa Teixeira Duarte – das ist Tonys Arbeitgeber und der größte Sponsor in dem Projekt.

Am Nachmittag ruht sich Tony nach seiner Arbeit etwas aus. Danach bereitet er den sogenannten mise en place vor, was im Fachjargon die Zusammenstellung der Zutaten bedeutet, um alles für den nächsten Morgen da zu haben. Er stellt fest, was noch fehlt, und überlegt, woher er es bekommen kann. Und dann fährt Tony mit seinem alten Motorrad zur Bäckerei. Dort „schenkt“ er, so seine Worte, ein paar Stunden seiner Fähigkeiten, um dafür zehn oder fünfzehn Brote als Gegenleistung zu bekommen. In dünne Scheiben geschnitten, reichen sie  aus, damit jedes Kind am nächsten Tag etwas Brot bekommt. Es ist ein sehr wichtiger „Tropfen der Liebe“, betont Tony. Denn das Brot ist inzwischen so teuer, dass kaum noch jemand welches zu Hause hat.

Nach einem langen Tag fährt er mit seinem  Motorrad heim. Die Maschine ist schon zehn Jahre alt und hat einige Schäden, aber sie zieht immer noch. Bevor Tony sich schlafen legt, bittet er Gott um die nötige Kraft und Gesundheit, morgen seine Arbeit fortsetzen und so seinen Mitmenschen bis zum letzten Tag seines Lebens helfen zu können.

Tony Pereira wird keinen Michelin-Stern erhalten, obwohl er tagtäglich preiswürdige Herausforderungen und Schwierigkeiten meistert. Er wird auch wahrscheinlich keinen Kochwettbewerb gewinnen; aber zweifelsohne  würde der Koch aus La Guaira jeden Tag den Titel „Masterchef“ verdienen, weil er das Leben vieler Menschen wirklich geschmackvoller macht.

KIRCHE IN NOT unterstützt mehrere Projekte in Venezuela. Sie sollen den Bistümern helfen, die in hunderten Pfarren bestehenden Tafeln am Leben zu erhalten. Für die Diözese La Guaira spendete KIRCHE IN NOT elf Kühlschränke und eine Küche. Mitarbeiter des Hilfswerkes besuchten während ihrer letzten Reise nach Venezuela mehrere Tafeln, darunter jene in der Pfarrre San Sebastian, wo sie Tony, Pfarrer Martin und die Freiwilligengruppe der Gemeinde kennenlernten. „Kirche in Not“ unterstützt auch mittellose Priester und ihre Gemeinden mit Messstipendien.

Venezuela befindet sich in einer kriegsähnlichen Situation, ist Baltazar Enrique Kardinal Porras Cardozo, Erzbischof der Hauptstadt Caracas, überzeugt. Zum Währungsverfall, dem allgegenwärtigen Mangel an Lebensmitteln, Medikamenten und nahezu allen Dingen des täglichen Bedarfs kommen noch schwere Repressionen, die das Regime seine Gegner spüren lässt. Auch die Kirche steht verschärft im Visier. Obwohl die Ressourcen kaum reichen, setzen sich Seelsorger und freiwillige Helfer für die notleidende Bevölkerung ein.

Vertreter des internationalen Hilfswerks KIRCHE IN NOT, das seit langem die kirchliche Sozial- und Pastoralarbeit in Venezuela unterstützt, haben Anfang Juli das Land besucht. Pressereferentin Maria Lozano hat dabei mit Kardinal Porras gesprochen.

KIRCHE IN NOT: Venezuela befindet sich zwar nicht im Krieg, aber de facto lebt es in einem Kriegszustand. Was halten Sie von dieser Einschätzung?

Baltazar Enrique Kardinal Porras Cardozo: Wir befinden uns in einer beispiellosen Situation. Sie ist zwar nicht das Ergebnis eines Krieges, hat aber ähnliche Folgen. Das Regime, das Venezuela zurzeit regiert, hat das Land zerstört und einen sozialen Konflikt ausgelöst, der schlimmer wird. Hinzu kommt die Auswanderung vieler Venezolaner in einem noch nie dagewesenen Ausmaß. Die Menschen verlassen das Land wegen ihrer Armut, ihrer politischen Ideen oder wegen der herrschenden Unterdrückung. Die Wirtschaft ist praktisch zerstört, und es gibt keine Rechtssicherheit. Dazu kommt die Arbeitslosigkeit. Die Menschen haben keine Chance, den Mindestbedarf für ihre Familien zu erwirtschaften. All das bezeichnen Fachleute als Kriegswirtschaft.

Regierung und Opposition haben sich im Juni in Oslo an einen Tisch gesetzt – ohne greifbare Ergebnisse. Demnächst sollen die Gespräche auf Barbados fortgesetzt werden. Die Skepsis ist groß. Was ist Ihre Einschätzung?

Die Regierung hat in den vergangenen 20 Jahren immer wieder zum Dialog aufgerufen, wenn sie in Schwierigkeiten war. Aber mit diesen Aufrufen wollte sie lediglich ihre Macht verlängern. Daher misstraut ein großer Teil der Bevölkerung dem Dialog. Trotzdem bietet er die Chance auszuloten, ob es einen Willen zum Wiederaufbau der Demokratie gibt. Es macht mir große Sorgen, dass seit der Ausrufung von Juan Guaidó zum Interimspräsidenten Anfang des Jahres die Zahl der Verhafteten, Gefolterten, Toten und Verschwundenen zugenommen hat. An diesen Aktionen sind nicht nur hochrangige Militärs beteiligt, sondern auch Teile der Bevölkerung.

Vertreter von KIRCHE IN NOT konnten bei ihrem Besuch in Venezuela feststellen, dass die Menschen vielfach kirchliche Einrichtungen aufsuchen. Kann man sagen, dass die Kirche in Venezuela für viele Menschen die letzte Hoffnung ist?

Viele öffentliche und private Einrichtungen wurden zerstört. Die Kirche ist die einzige Institution, die unversehrt geblieben ist. Das liegt an unserer Nähe zu den Menschen und an unserer Präsenz in allen Bereichen. Darüber hinaus hat die Kirche den Mut, auf die Missstände dieses Regimes hinzuweisen. Viele öffentliche Stimmen äußern sich nicht mehr, weil sie Angst haben. Die Regierung hat viele Unternehmer angegriffen oder kritische Medien bedroht und geschlossen.

Aufgrund ihrer deutlichen Haltung ist aber auch die Kirche Drohungen und Druck ausgesetzt. Kann man sagen, dass die venezolanische Kirche verfolgt wird?

Man kann nicht sagen, dass sie nicht verfolgt wird. Im Bildungsbereich gibt es beispielsweise viele Einschränkungen für katholische Schulen. Es scheint, als seien Hindernisse errichtet worden, damit die Kirche am Ende selbst ihre Schulen schließt. Seit Jahren leiden wir unter subtilem Druck, verbalen Drohungen und Schikanen gegen die karitativen Einrichtungen. Pfarreien werden von der Regierung, von kommunalen Räten und von regierungsfreundlichen Gruppen, den sogenannten „Colectivos“, angegriffen. In den ärmeren Stadtvierteln von Caracas zum Beispiel stehen diese „Colectivos“ oft vor den Kirchentüren. Sie hören genau zu, was der Priester in der Predigt sagt. Wenn ihnen das nicht gefällt, beginnen die Drohungen.

Was würde in Venezuela passieren, wenn die katholische Kirche ihr Engagement nicht fortsetzen könnte?

Für viele Menschen würde sich die Situation noch weiter verschlechtern. Weil so viele Menschen auswandern, sind wir Daheimgebliebenen emotional verwaist. Die Familien und das soziale Umfeld sind verschwunden. Es fehlt an Gemeinschaft. Wir leiden auch darunter, dass es vielen von den Auswanderern weiterhin nicht gut geht. Das ist sehr traurig.

Was ist Ihre Botschaft an die Menschen, die die Arbeit der Kirche in Venezuela durch Organisationen wie KIRCHE IN NOT unterstützen?

Die Nähe vieler Institutionen ist für uns ein großer Trost. Insbesondere bin ich „Kirche in Not“ zutiefst dankbar, nicht nur für die materielle Hilfe, sondern auch für den „geistlichen Gleichklang“, der sich vor allem im Gebet ausdrückt. Dank der Hilfe, die wir von KIRCHE IN NOT zum Beispiel durch Mess-Stipendien erhalten, werden die Nöte der Pfarreien stark gemildert. Auf diese Weise können andere Mittel zur Stärkung der Sozialarbeit eingesetzt werden, die es uns ermöglichen, den bedürftigsten Menschen zur Seite zu stehen.

Um die Arbeit der Kirche für die notleidenden Menschen in Venezuela weiter unterstützen zu können, bittet KIRCHE IN NOT um Spenden – entweder online unter: www.kircheinnot.at oder auf folgendes Konto:

Empfänger: KIRCHE IN NOT
IBAN: AT71 2011 1827 6701 0600
Verwendungszweck: Venezuela

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