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Religiöse Gewalt nimmt zu – Attacke auf katholische Schule in Südindien. In Indien hat am 11. April ein „Wahlmarathon“ begonnen: Bis zum 19. Mai können etwa 900 Millionen Wähler abstimmen, wer sie in der ersten Kammer des Parlaments vertreten soll. Gute Chancen malen sich auch radikale hinduistische Kräfte aus. Seit 2014 stellt die nationalistische Partei BJP die Regierung. Sie könnte erneut zulegen.

Derweil verzeichnet Indien einen Anstieg religiöser Gewalt. Der Bericht „Religionsfreiheit weltweit“ des weltweiten päpstlichen Hilfswerks „Kirche in Not“ verzeichnet allein für die Jahre 2016 und 2017 mindestens 197 Getötete und über 4000 Verletzte bei Übergriffen auf religiöse Minderheiten.

Der jüngste Vorfall ereignete sich am 26. März 2019 in der katholischen Schule von Chinnasalem im südostindischen Bundesstaat Tamil Nadu, etwa 300 Kilometer südöstlich von Bangalore. Hinduistische Fundamentalisten stürmten die Schule „Little Flower“ und versuchten, die dort tätigen Ordensschwestern zu ermorden.

Über die Wahlen und die zunehmende religiöse Gewalt sprach Maria Lozano von „Kirche in Not“ International mit Weihbischof Theodore Mascarenhas aus Ranchi im Osten Indiens, dem Generalsekretär der Indischen Bischofskonferenz.

KIN: Bislang gab es fundamentalistische Angriffe auf Minderheiten eher im Norden Indiens. Jetzt aber hat die Gewalt auch im Süden des Landes zugeschlagen. Was ist der Grund dafür?

WEIHBISCHOF THEODORE MASCARENHAS: Im Bundesstaat Tamil Nadu hat der Fundamentalismus in den vergangenen Jahren zugenommen. Vor allem die evangelikalen und protestantischen Hauskirchen waren betroffen. Die katholische Kirche hat bislang noch nicht unter offenen Angriffen gelitten. Es gab allerdings kleinere Vorfälle: Zum Beispiel wurde vor zwei Jahren eine katholische Gemeinde an der Feier der Karfreitagsliturgie gehindert. Ich war nicht überrascht, dass jetzt auch Katholiken angegriffen wurden. Das Ausmaß des Übergriffs hat mich aber schon erschreckt.

Es muss auch ein großer Schock für die Franziskanerschwestern vom Unbefleckten Herzen Mariens gewesen sein, die die Schule in Chinnasalem seit 74 Jahren leiten. Wie ist die aktuelle Situation dort?

Es wurden bislang einige Personen im Zusammenhang mit dem Überfall verhaftet. Wir warten auf weitere Verhaftungen. Es geht für mich aber nicht so sehr darum, was jetzt im Einzelnen nach dem Vorfall passiert. Wir müssen uns vielmehr fragen, warum sich solche Vorfälle in einer zivilisierten Gesellschaft ereignen. Einige Gruppen schüren den Hass. Sie werden weder in den sozialen Medien noch im realen Leben gestoppt. Sie scheinen Schutz und Privilegien zu genießen. Sie erhalten politische Befugnisse. Das ist ein großes Problem. Diese Gruppen stellen keine Forderungen an uns oder beschuldigen uns nicht. Das Problem jedoch ist, dass die politischen Führer sie zu solchen Taten ermutigen.

Glauben Sie, dass die Zunahme der religionsfeindlichen Vorfälle mit den Wahlen zusammenhängen?

Es mag einen Zusammenhang geben. Ich denke aber, es ist ein langfristiges Problem. Wenn man einmal das „Monster“ des Zorns, des Hasses und der Gewalt freilässt, dann kann man es nicht mehr bändigen. Das ist meine Sorge. Alle, die den Hass verbreiten, müssen wissen, welchen Schaden sie der Gesellschaft zufügen und dass dies schwer kontrolliert werden kann. Wenn es nicht mehr unter Kontrolle ist, dann haben wir ein großes Problem.

Aber dieses Problem fügt schon jetzt den Minderheiten in Indien schweren Schaden zu …

Ja, es sind Minderheiten. Aber ich denke an den Ausspruch, der einem evangelischen Pfarrer aus Deutschland zugeschrieben wird: „Als die Nazis die Sozialisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialist. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Gewerkschafter. Dann holten sie die Juden, und ich habe geschwiegen; ich war ja kein Jude. Dann holten sie mich – und es war niemand mehr übrig, der protestieren konnte.“ Es beginnt immer mit einer Minderheit und dann mit einer zweiten und so weiter …. Derzeit werden in Indien die Muslime angegriffen. Die Dalits (unterste Kaste in der hinduistischen Gesellschaft; Anm. d. Red.) werden angegriffen. Auch wir Katholiken werden angegriffen. Wir wissen nicht, wer der Nächste sein wird.

Heißt das, dass der nationalistische Fundamentalismus, den die politische Führung unterstützt, am Ende ganz Indien schaden wird?

Ich muss eines klarstellen: Die Mehrheit der Hindus und die Mehrheit der Inder sind tolerant. Wir leben seit Jahrhunderten zusammen. Indien hat eine multikulturelle, multireligiöse und vielfältige Gesellschaft. Jetzt erleben wir plötzlich die Situation, in der bestimmte Gruppen stärker werden und diesen Hass verbreiten. Das ist inakzeptabel. Denn am Ende ist es die ganze Nation, die darunter leidet.

Herrscht jetzt Angst unter den Christen nach den wiederholten Übergriffen?

Ich habe die Ordensschwestern in Chinnasalem gefragt: „Haben Sie Angst?“. Die Antwort: „Nein, wir werden unsere Arbeit fortsetzen.“ Das ist unsere Haltung: Wir werden unsere Arbeit fortsetzen. Wir werden weiterhin den Ärmsten der Armen dienen. Wir wissen, dass uns das Schwierigkeiten, Verfolgung und Leiden bringen wird. Aber wir werden weiter unser Werk für die Armen und für Gott tun.

Glauben Sie, dass manche Gruppierungen die kirchlichen Einrichtungen deshalb angreifen, weil sie mit den ärmsten und sozial diskriminierten Menschen arbeitet?

In meiner Muttersprache gibt es ein Sprichwort: „Man wirft Steine nur auf einen Baum, der Früchte trägt.“ Einige Gruppen mögen offensichtlich nicht, dass wir den armen Menschen dienen. Ich denke, das ist der wahre Grund, warum sie uns angreifen.

Am 27. Januar 2019 explodierten zwei Bomben in der Kathedrale von Jolo auf dem Sulu-Archipel zwischen Mindanao und Borneo, die 23 Menschen töteten und 112 weitere verletzten. Auf diese Tragödie folgte am 30. Januar ein Granatenangriff auf eine Moschee in Zamboanga im Westen der Insel Mindanao. Pater Sebastiano d’Ambra, Missionar des Päpstlichen Instituts für Auslandsmissionen (PIM), der sich seit 40 Jahren im Süden der Philippinen für den interreligiösen Dialog engagiert, erzählt in einem Interview mit der Päpstlichen Stiftung KIRCHE IN NOT, wie die Situation in dem Land mit der meisten Katholiken auf dem asiatischen Kontinent erlebt wird.

KIRCHE IN NOT:
 Pater D’Ambra, können Sie uns erzählen, wie der Anschlag vom 27. Januar vor Ort wahrgenommen wurde?

Pater D’Ambra: Selbstverständlich hat uns die Gewalt des Anschlags schockiert und auch die Tatsache, dass das Ziel ein heiliger Ort war. Leider reiht sich dieser Gewaltakt in einen Kontext wachsender Spannungen in der Region ein. In den letzten Jahren hat der Radikalismus zugenommen und die christliche Minderheit auf der Insel Jolo (1% der Gesamtbevölkerung von 120.000 Einwohnern der Insel Jolo) ist nicht das einzige Opfer; es gibt auch Muslime, die zu mir kommen und sagen: „Pater, wir werden ebenfalls bedroht, weil wir nicht die gleiche Art Muslime sind wie sie.“

KIRCHE IN NOT: Drei Tage nach dem Anschlag auf die Kathedrale hat eine Granate in einer Moschee in Zamboanga auf den Südphilippinen, wo Sie arbeiten, zwei Menschenleben gefordert. Haben Sie Angst, dass es zu einem interreligiösen Konflikt kommt?

Pater D’Ambra: Meiner Meinung nach besteht keine Verbindung zwischen den beiden Anschlägen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Christen ihre Toten rächen wollen, indem sie eine muslimische Kultstätte angreifen. Andererseits glaube ich schon, dass es sich wieder um das Werk jener extremistischen Gruppen handelt, deren Gewalt zunimmt und die Verwirrung stiften wollen. Sie sind es, die Christen und Muslime voneinander trennen wollen. Sie nutzen die Situation, um im ganzen Land Chaos zu verursachen und das Gleichgewicht in Frage zu stellen. Ein Gleichgewicht, das zu einem großen Teil auf den Beziehungen zwischen Gläubigen verschiedener Religionen beruht.

KIRCHE IN NOT: 
Laut den Behörden wird zurzeit jedoch der Kampf gegen den islamischen Terrorismus sukzessive gewonnen, teilen Sie diese Einschätzung?

Pater D’Ambra: Nein, überhaupt nicht. Leider kommt es zu interreligiösen Spannungen. Dass Führer extremistischer Gruppen hingerichtet wurden, bedeutet noch lange nicht, dass die philippinische Regierung den Krieg gewinnt. Dies zu glauben, wäre ein Fehler. Ich weiß sehr wohl, dass die Armee alles in ihrer Macht Stehende tut, um diese Gruppen zu kontrollieren. Aber ich glaube nicht, dass das ausreicht. Gruppen wie der Islamische Staat, Maute oder Abu Sayyaf haben ein gemeinsames Ziel: Sie wollen Probleme im Land verursachen, und sie können in den kommenden Jahren an Macht gewinnen. Ich sage nicht, dass wir in Angst leben müssen, aber wir müssen realistisch sein, und ich glaube nicht, dass sie besiegt sind. Ich glaube, dass sie weiterhin die Freundschaft auf die Probe stellen werden, die uns mit unseren muslimischen Nachbarn verbindet.

KIRCHE IN NOT: Haben Sie den Eindruck, dass Sie um Ihr Leben bangen müssen?

Pater D’Ambra: Na ja, wissen Sie: Ich lebe seit vierzig Jahren hier. Ich hätte deshalb schon lange Zielscheibe werden können – sogar mehrfach, würde ich sagen. Insbesondere einmal, als ich in eine Falle gelockt wurde. Die für mich bestimmte Kugel tötete einen meiner Freunde. In dieser Zeit vermittelte ich mit den muslimischen Rebellen. Dass ein Priester fast drei Jahre lang mit diesen Gruppen sprach, war eine ungewöhnliche Erfahrung. Wir hatten es geschafft, ein Verhältnis gegenseitigen Respekts herzustellen. Ich nehme an, dass die Vorstellung, dass ein einziger Priester mehr als tausend Soldaten für den Frieden leisten könnte, diejenigen überrascht haben muss, die das Ende des Konflikts nicht wollten. Diese Haltung erleben wir auch heute. Einige Muslime sagen uns, dass unsere Programme für den Dialog zwischen Christen und Muslimen nicht nach dem Geschmack von Extremisten sind.

KIRCHE IN NOT: Möchten Sie zum Schluss eine Botschaft aussprechen?

Pater D’Ambra: Habt keine Angst! Glaubt mir, die Liebe ist stärker als der Hass! Ich danke KIRCHE IN NOT für ihre Nähe zu den Christen, die sich auf der ganzen Welt in Not befinden. Ich bitte alle Christen, den Dialog in ihrem eigenen Umfeld zu fördern, um aus der Logik des Konflikts auszubrechen.

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